Startklar für die Eröffnung: der Flughafen Berlin Brandenburg (BER) in Schönefeld.  Foto: Imago Images/ Jürgen Ritter

Die Krise dauert an – und sie verschärft sich Tag für Tag. Doch Corona wird die Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg (BER) „nach Menschenermessen“ nicht verhindern. Das ist zumindest die Einschätzung von Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Alles andere wäre „reine Spekulation“, sagte er am Montag in Schönefeld. „Alle Voraussetzungen sind erfüllt. Am 31. Oktober geht der BER ans Netz.“ Allerdings hat ein früherer Planer, der mit den Entrauchungs- und Lüftungsanlagen im zentralen Terminal T1 befasst war, jetzt Alarm geschlagen. In Schreiben an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) und andere Politiker warnt er davor, dass die Technik im zentralen Fluggastterminal T1 zur Coronaviren-Schleuder werden könnte. Es bestünde „Lebensgefahr“, so di Mauro. „Der BER darf unter diesen Umständen nicht in Betrieb gehen.“

In seinen Briefen erklärt der Geschäftsführer des Ingenieurbüros Technik Consult in Frankfurt am Main anderem: „Die Lüftungsanlagen sind mit einem Wärmerückgewinnungssystem ausgestattet, die eine Vermischung der Abluft mit der Frischluft ermöglicht. Die vermischte und mit Keimen verunreinigte Frischluft wird somit im Fluggastterminal verteilt.“ Die Lüftungsanlagen im neuen Schönefelder Flughafen müssten sofort abgeschaltet und umgebaut werden, fordert di Mauro. „Riskieren Sie nicht die Gesundheit anderer Menschen und vermeiden Sie die spätere Schließung des BER durch die Gesundheitsbehörden.“

Alfredo di Mauro gilt als umstritten. Die Entrauchungs- und Lüftungsanlagen waren jahrelang sein Arbeitsgebiet. Im Mittelpunkt des Interesses stand damals die von der IGK-IGR Ingenieurgesellschaft Kruck geplante Anlage 14 - ein System aus Kanälen und vier Ventilatoren, das die Verteilerebene, die Gepäckausgabe und andere Untergeschossbereiche bei Feuer von Qualm befreien soll. Angeblich hieß sie intern „Monster“, wegen ihrer Komplexität und ihrer ungewöhnlichen Bauweise.  Die Kanäle führen zunächst nach unten, durch den Boden und erst dann nach oben. Es gab aber noch eine größere Anlage. 2014 wurde di Mauro geschasst – mit der Begründung, dass der Gebäudetechniker lediglich technischer Zeichner sei, sich aber als Ingenieur ausgegeben habe. Damals war Hartmut Mehdorn Chef der Berliner Flughäfen.

„Michael Müller legt den Berlinern immer schärfere Corona-Maßnahmen auf. Nur für den BER scheinen sie nicht zu gelten“, kommentierte Frank-Christian Hansel von der AfD am Montag. „Der BER ist eine Virenschleuder und darf auf keinen Fall in diesem Zustand eröffnet werden!“

Die Neue Aktion des Flughafenstandortkritikers Ferdi Breidbach bekräftigte die Kritik. „Wie während der gesamten Bauphase des Pleiten-, Pech- und Pannenprojektes geht es auch jetzt um die Fortsetzung von Vertuschung“, teilte er mit. Wenn die Passagierzahlen wieder steigen, würden die Probleme der funktionalen Fehlplanung dramatisch deutlich werden.

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Die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) wies die schweren Anschuldigungen zurück. Sprecherin Sabine Deckwerth sagte dem Berliner KURIER auf Anfrage: „Die Darstellungen von Herrn Di Mauro entbehren jeglicher  Grundlage.  Von den Lüftungsanalgen am BER geht keine Gesundheits- und schon gar keine Lebensgefahr aus. Die Anlagen und ihre Filter unterliegen gesetzlich vorgeschriebenen Wartungs- beziehungsweise Wechselintervallen.“

Die Technik im Terminal sei nach allen Normen umfangreich geprüft worden, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter der FBB. Dabei ging es unter anderem um die „Hygieneleistung“ und die Funktionsfähigkeit der Filter. „Die Anlagen erfüllen alle Anforderungen.“ Ginge es nach di Mauro, müssten zahlreiche Gebäude in Deutschland geschlossen werden. Denn die Lüftungstechnik, die in bereits bestehenden Flughäfen, Einkaufszentren und anderen Bauwerken eingesetzt sei, arbeite nach denselben Prinzipien. Die Kritik sei „Unsinn“, so der FBB-Manager.

Kritik am BER kommt zur Unzeit

Für die FBB kam die Kritik zur Unzeit. Denn aus ihrer Sicht ist das Sechs-Milliarden-Euro-Investitionsprojekt BER, das jahrelang Negativschlagzeilen produziert hatte, in den vergangenen Monaten mehr als gut gelaufen. Zwölf Tage bevor mit zwei Maschinen von Easyjet und Lufthansa erstmals Flugzeuge auf dem neuen Berliner Hauptstadt-Airport landen sollen, zog Flughafenchef Lütke Daldrup eine Bilanz des 47-tägigen Probebetriebs. 24000 Mitarbeiter und fast 9000 interessierte Bürger, die sich als Komparsen beworben hatten, testen Abläufe und Verfahren im Terminal. Rund 5400 Flüge wurden erfunden, zirka 54000 Tickets ausgegeben. Rund 7500 Koffer und Taschen standen für die „Fluggäste“ bereit.

„Nicht alle Passagiere mit Sondergepäck haben ihre Maschine rechtzeitig erreicht“, berichtet Patrick Muller, Chef des Probebetriebs. „Deshalb haben wir die Prozesse verändert.“ Genau das war das Ziel der Veranstaltung: herauszufinden, wo etwas verbessert werden muss. Dazu gehörte auch, Hinweisschilder, die viele Tester in die Irre führten, auszutauschen.

Wie berichtet soll der Betrieb am BER am 31. Oktober gegen 14 Uhr mit den beiden ersten Landungen beginnen – Sonderflügen, die nicht für reguläre Passagiere gedacht sind. Im Falle des Easyjet-Erstflugs könnte die Distanz auch mit U- und S-Bahn zurückgelegt werden: Er startet kurz zuvor in Tegel. „Die ersten regulären Landungen werden für den Abend erwartet“, so Lütke Daldrup.