Die Deutsche Bahn bleibt ein Sorgenkind – Verspätungen, Zugausfälle und frustrierte Fahrgäste gehören für viele längst zum Alltag. Jetzt benennt die neue Bahn-Chefin Evelyn Palla klar, wo das Hauptproblem liegt und warum sich Reisende auch in den kommenden Jahren auf wenig Entlastung einstellen müssen. Ihre Diagnose ist deutlich.
Marodes Netz ist der größte Problemfaktor
Die wichtigste Botschaft der neuen Bahn-Chefin ist ernüchternd: Nicht Personal oder einzelne Pannen sind das Kernproblem – es ist das Schienennetz. „Das sind rund 80 Prozent“, sagt sie mit Blick auf die Ursachen der Verspätungen im Handelsblatt-Interview. Die Infrastruktur sei schlichtweg zu kaputt, um zuverlässig fahren zu können.

Zwar berichten Reisende am Bahnsteig häufig von Personalmangel oder technischen Defekten, doch laut Bahn-Spitze sind diese Probleme meist nur Folge des eigentlichen Problems. Wenn Züge wegen kaputter Strecken zu spät unterwegs sind, gerät das gesamte System durcheinander: Personalwechsel funktionieren nicht, Züge stehen am falschen Ort, Fahrpläne brechen auseinander.
Immerhin: Beim Personal sieht die Chefin Fortschritte. In den vergangenen Jahren habe man massiv in Recruiting und Ausbildung investiert. Ein akuter Personalmangel sei daher kein strukturelles Problem mehr.
Rekord an Baustellen sorgt für Frust bei Fahrgästen
Doch bessere Zeiten sind vorerst nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Bahn steht vor einem gigantischen Bauprogramm. 28.000 Baustellen allein in diesem Jahr, ein historischer Höchststand. Und auch 2026 dürfte für Reisende ein schwieriges Jahr bleiben.

Die Chefin macht klar, warum: „Um das Netz zu stabilisieren, müssen wir bauen, bauen, bauen.“ Heißt im Klartext: noch mehr Einschränkungen, noch mehr Verspätungen. Die Bahn könnte zwar kurzfristig pünktlicher werden, wenn sie Baustellen streicht oder Züge reduziert. Doch das kommt für sie nicht infrage. Die Nachfrage sei hoch, gerade in Zeiten teurer Flüge und Spritpreise.
Hinzu kommen äußere Faktoren, die das System zusätzlich belasten: Wintereinbrüche, Stürme oder im Sommer Böschungsbrände. Schon zu Jahresbeginn habe ein Schneesturm den Betrieb massiv gestört. Eine schnelle Besserung? Fehlanzeige. Konkrete Versprechen will die Chefin bewusst nicht machen.
Radikaler Umbau soll Bahn wieder in die Spur bringen
Parallel zum Baustellen-Marathon läuft ein tiefgreifender Umbau im Konzern. Eine komplette Führungsebene wurde bereits gestrichen, tausende Stellen sollen folgen. Ziel: effizienter arbeiten und jährlich mindestens 500 Millionen Euro einsparen.
Der Kurs ist klar: weg vom Milliardenverlust, hin zur schwarzen Null. Nach einem Minus von 2,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr ist das allerdings ein Kraftakt. Die Chefin bleibt trotzdem optimistisch – solange keine unvorhersehbaren Krisen dazwischenfunken.

Auch kulturell soll sich einiges ändern. Leistung soll stärker zählen, Zielvereinbarungen klarer werden. Entscheidend sei dabei vor allem eines: der Nutzen für die Kunden. Pünktlichkeit bleibt das große Ziel – doch sie soll künftig genauer messbar und steuerbar werden.
Für Fahrgäste heißt das vorerst: durchhalten. Denn die Diagnose ist eindeutig – und die Therapie langwierig. Bis die Bahn wieder wirklich rundläuft, dürfte noch einige Zeit vergehen.



