Eine Frau sitzt mit Mundschutz in einem Bus der BVG. Foto: imago images/Stefan Zeitz

Corona hat die Busse in Berlin geleert. Doch Verkehrssenatorin Regine Günther sind sie noch nicht leer genug. „Abstandhalten ist auch in Bussen und Bahnen dringend geboten. Dafür verfolgen wir die Strategie, das größtmögliche Angebot an Fahrzeugen zur Verfügung zu stellen“, sagte Jan Thomsen, Sprecher der Grünen-Politikerin, am Montag dem KURIER. „Wir lassen jetzt zusätzlich prüfen, ob dort, wo es möglich ist, das Angebot noch verstärkt werden muss.“ Das gelte insbesondere für einzelne Buslinien zu bestimmten Tageszeiten. „Wir haben daher die BVG beauftragt, Lösungen für mehr Kapazitäten auf solchen Strecken vorzuschlagen“, so Thomsen.

Muss der öffentliche Verkehr eingeschränkt werden, damit die Corona-Ansteckungsrate sinkt? Das ist eine Diskussion, die in den vergangenen Tagen wogte. Doch bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) wie auch im Senat macht man keinen Hehl daraus, dass man Ausdünnungen dort für Unsinn hält. „Wir sind froh, dass dieses Thema offenbar vom Tisch ist“, berichtete BVG-Sprecherin Petra Nelken.

Rund die Hälfte aller Haushalte in Berlin habe kein Auto zur Verfügung, sagte sie. Anders als auf dem Land und in Kleinstädten sei hier ein großer Teil der Bevölkerung darauf angewiesen, dass es ein gutes Nahverkehrsangebot gibt. Wer im Krankenhaus, in der Fabrik oder auf einer Baustelle arbeitet, könne sich nicht ins Homeoffice zurückziehen. „Sehr viele Menschen kämen nicht mehr zur Arbeit“, sagte Nelken. „Wir fahren 100 Prozent des Angebots“ – auch damit Fahrgäste Abstand halten können.

Was nicht heißt, dass es nicht doch vereinzelt Ausdünnungen gab: „Auf der Touristenlinie 100 sind wir mangels Touristen seltener unterwegs“, sagte Nelkens Kollege Jannes Schwentu. „Auf der Flughafenlinie X7 zwischen Rudow und dem BER setzen wir ebenfalls weniger Busse ein, weil weniger geflogen wird.“ Doch insgesamt sei das Angebot nicht geschrumpft. Stattdessen wurden einige Fahrzeuge umgesetzt – dorthin, wo sie mehr gebraucht werden. Davon profitierte vor allem der Schülerverkehr.

Einige Busse in Berlin sind noch immer zu voll

Dennoch wird berichtet, dass manche Busse zu voll seien. Ein Beispiel ist die Ausflugslinie 218, die auf ihrer Strecke vom S-Bahnhof Messe Nord zur Pfaueninsel die Havelchaussee befährt. Weil viele Berliner nicht mehr verreisen oder ins Umland fahren, gehen sie im Grunewald spazieren – und fahren mit dem 218er dorthin. „Es kommt vor, dass die Busse am Wochenende zu 75 Prozent ausgelastet sind“, sagte ein Fahrer.

Anfangs hieß es bei der BVG dazu, dass es in Corona-Zeiten problematisch sei, Menschen durch ein verbessertes Angebot anzulocken. Wenn weitere Busse eingesetzt würden, könnte das als falsches Signal gewertet werden. „Wir wollen niemanden zu unnötigen Fahrten ermutigen“, bestätigte Jannes Schwentu. „Und wir haben kein Interesse daran, dass Busse zu voll werden.“ Deshalb werde nun mit dem Senat darüber nachgedacht, ob der Fahrplans des 218ers zu einem Halbstundentakt verdichtet werden könnte. „Von März an fahren wir dort ohnehin wieder alle 30 Minuten“, erklärte er.

Die Taktung des Nahverkehrs müsse flexibel an die jeweilige Auslastung angepasst werden, forderte der FDP-Verkehrspolitiker Henner Schmidt. „Sie muss ausreichen, um eine Überfüllung der Fahrzeuge zu verhindern.“ In weniger dicht bewohnten Gebieten müssten dagegen „neue, flexible Lösungen angeboten werden, um die Grundversorgung zu sichern. Dabei könnten der Berlkönig und Taxis in das System eingebunden werden.“

„Wir halten jede Einschränkung des Nahverkehrs für unverantwortlich“, sagte Kristian Ronneburg (Linke). „Menschen, die zur Arbeit fahren müssen und kein Homeoffice  nutzen können, stehen bei einer Takteingrenzung noch enger zusammen oder können bei einer Ausdünnung des Angebots nicht mehr zur Arbeit kommen. Das wäre verantwortungslos und völlig kontraproduktiv.“ Stattdessen müsse das Angebot ausgebaut werden.

SPD: Anlässe für den Nahverkehr verringern

Auch Tino Schopf will keine Einschränkungen. „Mir wäre es lieber, wenn wir stattdessen die Anlässe einschränken würden, den Nahverkehr zu benutzen“, so der verkehrspolitische Sprecher der SPD. „Wenn wir Bildungseinrichtungen, den Einzelhandel und anderes geschlossen halten und Unternehmen verstärkt Homeoffice-Lösungen ermöglichen, wird der Nahverkehr entlastet. Zu Hause bleiben verringert das Gedränge in Bus und Bahn.“

Berichten zufolge soll bei dem Bund-Länder-Treffen an diesem Dienstag auch darüber diskutiert werden, ob die Zahl der Fahrgäste pro Fahrzeug begrenzt werden sollte. Doch das könnte zu chaotischen Zuständen führen und dazu, dass Berufstätige nicht zur Arbeit gelangen, entgegnete die Gewerkschaft Verdi.

Um das Fahrpersonal vor Ansteckungen zu bewahren, rüstet die BVG alle Busse im Fahrerbereich mit Glasscheiben aus. Bis Februar möchte sie damit fertig sein. Als Schritt zurück zur Normalität wurde auf Routen, auf denen nur noch umgerüstete Busse unterwegs sind, der Vordereinstieg für Fahrgäste wieder geöffnet. Doch seit Sonnabend sind auf den Linien 249, 296, 309, 310 und 396 die vorderen Türen wieder für die Kundschaft geschlossen. Außerdem wurde das Vorhaben, von diesem Montag an auf weiteren Strecken vorn das Einsteigen zu erlauben, abgesagt.

Die BVG sprach von „betrieblichen Gründen“: Erst wenn alle Busse ausgerüstet seien, soll der Vordereinstieg geöffnet werden. „Für viele Fahrgäste, zum Beispiel Sehbehinderte, ist es enorm wichtig, verlässlich zu wissen, wo die Türen aufgehen werden“, erklärte Jannes Schwentu. Doch offenbar wurde der Kurs auch deshalb geändert, weil Fahrerinnen und Fahrer rebellierten. „Sie befürchten, dass die Gefahr einer Ansteckung steigt“, sagte ein Mitarbeiter. Um zu verhindern, dass sich viele Beschäftigte aus Angst krankmelden, wurden die Pläne erst mal eingemottet – bis eine Abschwächung der Corona-Krise in Sicht ist.