Do legst di nieda! Marco Reus erschwalbt sich einen Elfmeter gegen Andreas Luthe. Foto: Imago

Auch am Tag nach dem 0:2 im einstigen Westfalenstadion gab es nur ein Thema beim 1.FC Union in Berlin. Die gemeine Hausschwalbe – lat. Hirundinidae – die in der Rückrunde in Dortmund in Form von Marco Reus wiedergeboren wurde und die Schwarz-Gelben auf die – zugegebenermaßen nicht ganz unverdiente – Siegerstraße brachte. Gab es da nicht mal so etwas wie das Wort „Vorbildfunktion“ für die Herren Fußballprofis? 

Offenbar eine Mär von gestern. Im Hier und Jetzt zählt offenbar nur noch der schnelle Erfolg um jeden Preis. Wer bei Google im Suchfeld den Namen Reus eingab, bekam sofort als Nächstes die Kombi des Borussen-Stars mit dem Wort Schwalbe angezeigt. Reus als legitimer Erbe von Andy Möller, der 1995 im schwarz-gelben Dress der Borussen bei einem 2:1 gegen den Karlsruher SC die Mutter aller Schwalben hingelegt hatte. 

Nun gut, ein bisschen weniger deutlich als bei Möller war das von Reus schon. Aber trotzdem klar erkennbar. Wenn man sich die Videobilder angeschaut hätte, was Schiedsrichter Daniel Schlager aber nicht als Option erachtete. Andreas Luthe bemängelte dies dann auch mit deutlichen Worten. „Es gab keinen klaren Kontakt, mit dem ich ihn zu Fall bringe. Ich bin gar nicht mehr richtig hingegangen“, sagte Unions Schlussmann, der erkannt hatte, dass er sich Reus nur in den Weg legen musste, um diesen weiter hinaus zu lenken. „Das ist zu wenig. Marco Reus hebt extrem früh ab und will den Elfmeter. Wenn man sich das noch mal anschaut, kann man auch mal dagegen entscheiden. Normalerweise muss das reichen, um keinen Elfer gegen sich zu kriegen“, haderte der eiserne Keeper mit der Fehlentscheidung.

Das Bittere ist, es war nicht die einzige Regelwidrigkeit des 30-Jährigen. Denn Reus stürmte beim Strafstoß zu früh in den Sechzehner, kam so dann im Nachschuss zum Erfolg. Collinas Erben, der Schiedsrichterblog im Internet und in Person von Alex Feuerherdt auch als regelkundiger Experte unter anderem für Sky tätig, hält diesen ebenfalls nicht geahndeten Vorgang für nicht unerheblich. Der Strafstoß hätte wiederholt werden müssen, so sein klares Plädoyer auf Twitter. „Ich finde ja, dass der VAR den Fußball generell gerechter macht. Aber da fragt man sich manchmal, wozu da 17 Bildschirme stehen!“, beklagte Max Kruse via Instagram, das doppelte „Zuschlagen“ des VAR. 

In England, dem Mutterland des Fußballs – dichterisch gern als Albion bezeichnet –, hätte Reus jetzt bestimmt den Namen „der gemeine Schwalbion“ verliehen bekommen. Und man kann durchaus fragen, ob Reus mit seinen 30 Lenzen, der so viele Höhen und Tiefen im Fußball kennengelernt hat, so viel Leid und Schmerz erlebt hat, so etwas wirklich nötig hat.

Kann man so einem Menschen vorbehaltlos zujubeln, wenn er im Sommer die deutschen Farben bei der EM trägt? Hauptsache schön ein Nest bauen in den luftigen Höhen des internationalen Geschäfts, das für die Borussia auf sehr wackligem Grund und Boden gestanden hätte bei einer Niederlage. Vielleicht kann da endlich mal einer die Reuslinie, äh Reißlinie ziehen. Geld ist nicht alles, wie wir ja gerade bei der geplatzten Super-League-Blase gelernt haben. Der Fußballfan wünscht sich Sport und Fairness. Keine Der-Scheck-heiligt-die-Mittel-Mentalität.

PS: Sportskamerad Möller, der sein Foulplay auch noch als Schutzschwalbe zu rechtfertigen suchte, bekam nachträglich eine Sperre von zwei Spielen und eine Geldstrafe von 10.000 Mark aufgebrummt.