Wer zuletzt jubelt, jubelt am besten: Die Profis des 1. FC Union werden immer besser darin, nach Rückständen noch zu siegen.
Wer zuletzt jubelt, jubelt am besten: Die Profis des 1. FC Union werden immer besser darin, nach Rückständen noch zu siegen. City-Press

Es ist schon wieder passiert. Besser vielleicht: Der 1. FC Union hat es mal wieder geschafft, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und mit dem 3:1 gegen die TSG Hoffenheim einen der schönsten Siege einzufahren, den es im Punkte-Alltag gibt.

Das ist der nach einem Rückstand und bei dem es lange nach einer Niederlage aussieht, im aktuellen Fall gar nach einem Fehlstart ins neue Jahr und dem Bröckeln der Festung Alte Försterei. Dass es nach 90 plus sechs Minuten gegen die Männer aus dem Südwesten der Republik im Lager der Eisernen nur strahlende Gesichter gegeben hat, vor allem beim zweifachen Ecken-Einnicker Danilho Doekhi, liegt an einer intakten Moral, dem Vertrauen ins eigene Können und, zugegeben, an einer Portion, zumindest einer klitzekleinen, Glück.

Eiserne Entwicklung: Der 1. FC Union siegt auch nach Rückständen 

Auch Gladbach lernte die Moral des 1. FC Union kennen, verlor nach 1:0-Führung mit 1:2 bei den Eisernen.
Andreas Gora/dpa
Auch Gladbach lernte die Moral des 1. FC Union kennen, verlor nach 1:0-Führung mit 1:2 bei den Eisernen.

Aus einem Rückstand einen Sieg zu machen, das ist nicht alltäglich, braucht als Mannschaft sozusagen den ganzen Kerl und will ein wenig auch gelernt sein. Auch die Rot-Weißen haben eine ganze Zeit gebraucht, um dieses Kunststück, an dem manche Jahr für Jahr gnadenlos scheitern, in ihr Repertoire aufzunehmen. In ihrem Bundesliga-Premierenjahr nämlich ist es ihnen kein einziges Mal geglückt.

Aber dann! In der zweiten Saison schon hatten sie es doppelt drauf. Beide Male, gegen Köln und gegen Leipzig, stand am Ende ein 2:1. Den Vogel damit, ein 0:1 in ein 2:1 zu drehen, schossen die Jungs aus der Wuhlheide im vorigen Spieljahr ab: in Mainz, gegen Hoffenheim und bei den Rasenballern mit dem Sven-Michel/Kevin-Behrens-Tor-des Monats. In jener Spielzeit klappte es sogar im Pokal: 3:1 in Mannheim und 2:1 gegen St. Pauli. Auf dieser Überholspur wähnen sich die Eisernen in dieser Saison auch ein wenig. Zumindest hat es vor dem Dreier gegen die 1899er auch schon gegen Mönchengladbach geklappt und im Pokal in Chemnitz.

1. FC Union macht es wie die Nationalmannschaft 1974

Manchmal, das zeigt die Historie, ist es mit dem Sieg nach einem Rückstand eine regelrechte Crux, manchmal dafür läuft es wie geschmiert. Als die Weltmeisterschaft ein wenig noch in ihren Kinderschuhen steckte, gehörte für den neuen Champion ein Fehlstart im Finale so gut wie zum guten Ton. Uruguay holte sich 1930 den Titel (4:2 gegen Argentinien) nach einem 1:2-Pausenrückstand, Italien machte 1934 gegen die Tschechoslowakei aus einem 0:1 ein 2:1, Deutschland 1954 gegen Ungarn aus einem 0:2 ein 3:2, Brasilien 1958 aus einem 0:1 gegen Schweden ein 5:2 und 1962 gegen die CSSR ein 3:1, dazu England gegen Deutschland 1966 ein 4:2.

Das bisher letzte Mal, dass ein Team im WM-Finale ein 0:1 drehte, passierte 1974 mit dem 2:1 von Kaiser Franz (Beckenbauer) mit dem DFB-Team gegen König Johan (Cruyff) mit der Elftal der Niederlande. Danach war es damit vorbei, denn das Endspiel 2006 in Berlin, als Italien nach Rückstand den Titel gewann, taugt wegen des Elfmeterschießens nicht. Also dauert die Serie sagenhafte 48 Jahre oder zwölf Turniere.

Bei europäischen Titelkämpfen, bei denen die Endspiele seit 1960 auf immerhin schon 16 angewachsen sind, ist so etwas erst dreimal mit jeweils 2:1 nach Verlängerung oder Golden Goal passiert. 1960 gelang das der Sowjetunion gegen Jugoslawien, 1996 Deutschland gegen Tschechien und im Jahr 2000 Frankreich gegen Italien.

Diesen Nervenkitzel braucht eigentlich keiner. Denn ob die halbe oder manchmal auch ganze Drehung gelingt, steht ebenso in den Sternen wie so vieles andere. Irgendwie aber ist so eine Pirouette auch hohe Kunst. Manch Team, das nämlich passiert viel öfter, bricht nach einem Rückstand regelrecht zusammen. Man frage nur mal bei den Eisernen selbst nach, wie es ausgangs des vorigen Jahres beim 0:5 in Leverkusen und beim 1:4 in Freiburg ohne Fangnetz in die Tiefe gegangen ist.

1. FC Union: Mit Rückenwind aus Bremen ins Derby gegen Hertha

Was das eventuell für die Partie in Bremen (Mittwoch, 20.30 Uhr, Sky) zu bedeuten hat? Nichts. Reineweg nichts.

Gegen Werder hat es Vieles schon gegeben, Auswärtssiege hier wie da und einst in der Alten Försterei einen Hattrick von Joel Pohjanpalo. Außerdem, allerdings haben erst zwei Spiele dort stattgefunden, sind die Eisernen im Weserstadion bei zwei Siegen noch ohne jegliche Schramme. Natürlich hat auch das nichts zu sagen, könnte im erneuten Fall aber zusätzlich für eine breite Brust vor dem Derby drei Tage später bei Hertha BSC sorgen.

Nur: Gerade gegen die aus dem Westend ist es auch schon mal ganz, ganz anders gelaufen, als aus einem Rückstand einen Sieg zu machen. Da hat es mal eine Führung gegeben, kurz danach eine Rote Karte und am Ende ein 1:3. Wie für jede Partie gilt deshalb auch für die beiden an der Weser wie im Olympiastadion: Ein 0:1 bedeutet, so lange nicht abgepfiffen ist, noch lange keine Niederlage. 

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