Marko Briesemeister in Verl beim Pokal – sein Spiel Nr.24 mit Union in dieser Saison. Foto: Matthias Koch

Berlin - Marko Briesemeister wäre am liebsten aus seiner Haut gefahren. Das darf doch alles nicht wahr sein. Sein 1.FC Union sollte diesen Samstag gegen den großen FC Bayern (18.30 Uhr, Alte Försterei) spielen. Und alles, worum sein Denken seit Tagen kreiste, ist: Ich! Bin! Nicht! Dabei!

Tagelang hatte er wegen der Coronakrise und des angeordneten Geisterspiels nur diesen einen Gedanken. Ein Traum drohte deswegen zu platzen. Gestern, so kurz nach 16 Uhr, hatte die DFL ein Einsehen und setzte alle Spiele der Bundesliga vorerst aus. Absage! Auch Mist, aber immer noch besser als Geisterspiel.

1985 sah Briesemeister erstmals ein Union-Spiel. Ein 3:2 gegen Hansa Rostock in der Alten Försterei. Seitdem hat ihn der eiserne Virus gepackt. Auch sein Spitzname, Anno85, leitete er davon ab. Unter seinem bürgerlichen Alias kennt ihn kaum einer in der rot-weißen Fanszene, in der er mit seinem Fanclub „Die Eisernen“ via Facebook auch mal einen Liveticker von Testspielen macht. Durch dick und dünn folge der gelernte Einzelhandelskaufmann Union. Auch in der Oberliga.

Für Union drohte Marko mit Kündigung

Am liebsten wäre Anno am Sonnabend beim Bayern-Kick über den Zaun geklettert, um dabei zu sein. Muss er jetzt ja nicht. Aber so wie dem 48-Jährigen ging es vielen. Für ihn und alle anderen Eisernen wäre ein Geisterspiel mehr als ein verpasster Kick. Eher eine Katastrophe für einen Klub, der so sehr mit seinem Anhang verbandelt ist.  Denn damit scheint sein Traum, in den er viel Zeit, Mühe und auch Geld gesteckt hat, doch noch möglich.

Der Traum vom „clean sheet“ – einer weißen Weste, der Traum, alle Spiele in einer Saison besucht zu haben. Ein Plan, geboren Ende Mai vergangenen Jahres, als die Eisernen sich in der Relegation gegen Stuttgart durchsetzten und das gelobte Land namens Bundesliga Wirklichkeit wurde. 29 Pflichtspiele waren es bisher. Alles andere als leicht. „Ich hab ja keine Auswärtsdauerkarte. Aber irgendwie bin ich immer an Tickets gekommen“, sagte Briesemeister.

„Wer weiß, ob so eine Chance wiederkommt“, grummelte er die ganze Woche lang bei allem Verständnis für die Gefahren, die diese Pandemie mit sich bringt. Vom Geld will er gar nicht groß anfangen, das er investiert hat. „Ich glaube, ich hab bislang rund 1300 Euro ausgegeben. Ich versuche ja immer, so günstig wie möglich zu den Spielen und zurück zu kommen“, sagte Briesemeister, der bis vor Kurzem als Security-Mitarbeiter tätig war und ab April als Bundesfreiwilliger anfangen will. „Ich hatte meinem Arbeitgeber sogar mit Kündigung gedroht, wenn ich zu den Union-Spielen nicht frei bekomme“, berichtet er über manche Widrigkeiten.

Der spielte mit. Seltsamerweise waren es andere Probleme, die sich auftaten. „Beim Pokal in Verl wusste ich gar nicht, wie ich da zurückkommen soll. Da fuhr ja keine Bahn. Viele Unioner durften da nicht hin, weil das Stadion so klein war“, erinnert sich Anno. Am Ende musste eine Übernachtung in Gütersloh her. Tat dem schmalen Budget auch nicht so gut. Aber hey, ein Fan muss auch mal Opfer bringen. Bahn, Bus, Mitfahrgelegenheiten – er nahm alles mit. Außer trampen. Er meisterte das. Mit Bravour. Doch dann kam Corona ...