De Kuip, „die Badewanne“ Rotterdams, ist eins der berühmtesten Stadien der Niederlande, in dem auch die Nationalmannschaft gern spielt. Imago

Für Fans des 1. FC Union ist die Frage nach dem schönsten Stadion der Welt kurz und knapp beantwortet: AF.

Nichts geht über die Alte Försterei. Mag der Rasen im Londoner Wembley-Stadion noch so heilig und die Historie im Maracana von Rio noch so bilderbuchhaft, mögen die Auftritte im Old Trafford von Manchester noch so von David Beckham und Cristiano Ronaldo und im Camp Nou von Xavi, Andres Iniesta und Lionel Messi geprägt worden sein, das „Ballhaus des Ostens“ hat was Eigenes, was Spezielles. Nicht ganz so Geschichtliches, dazu ist es viel zu jung und nicht erwachsen genug. Dafür aber hat es was Heimeliges, was Kuscheliges, was Familiäres. Es ist wie eine Puppenstube.

Auf ihrem Trip durch Europa mit den Reisen nach Helsinki, nach Prag und morgen nach Rotterdam, wo die Eisernen in der Conference League auf Feyenoord treffen, erleben die Anhänger der Rot-Weißen einerseits vom Gegner und andererseits vom Stadion eine andere Welt.

Feyenoord besitzt Strahlkraft

Über Feyenoord zu schreiben hieße, Tulpen nach Holland zu bringen. Seit 1921, seit genau 100 Jahren, spielt der Verein stets in der höchsten niederländischen Spielklasse. 1970 gewannen die Männer mit dem markanten rot-weißen Trikot als erstes Team ihres Landes den Europapokal der Landesmeister, noch vor Ajax Amsterdam. Neben zwei Triumphen im damaligen Uefa-Pokal, dem Vorgänger der Europa League, gewann Feyenoord 15 Mal den Meistertitel und 13 Mal den Pokal. An großen Spielern mangelt es deshalb nicht.

Selbst der allergrößte Oranje-Star hat bei ihnen gespielt, obwohl die meisten ihn nur vom Erzfeind Ajax (das hat man ihm gönnerhaft nachgesehen) und vom FC Barcelona kennen: Johan Cruyff. Ruud Gullit wiederum, der Kapitän der Elftal bei ihrem EM-Triumph 1988, hat ebenfalls für Feyenoord gespielt und war später auch Trainer an der Van Zandvlietplein 1.

Union will in der Badewanne nicht untergehen

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Genug der Meriten, zurück zum Stadion. Das, 1937 eröffnet, hat viel mehr zu erzählen als die Alte Försterei.

Es hat Schlimmes erlebt, so wurden während der deutschen Besetzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg dort mehrere Zehntausend Männer festgehalten, um zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt zu werden.

Es hat natürlich auch Triumphe gefeiert, allein neun Endspiele in europäischen Klubwettbewerben wurden hier ausgetragen, die meisten überhaupt. Aus DDR-Sicht zählen dazu zwei Länderspiele, auch wenn beide, das eine 1971 mit zwei Toren von Eberhard Vogel 2:3, das zweite sieben Jahre später 0:3, verloren wurden. Das international wichtigste Spiel ist gewiss das EM-Finale aus dem Jahr 2000 mit dem 2:1-Sieg Frankreichs über Italien.

City-Press
Auf den Geschmack gekommen: Die Spieler des 1. FC Union wollen auch am Donnerstag bei Feyenoord Rotterdam in der Europa Conference League feiern.

Allein vom Namen her ist die Arena Legende: De Kuip. Auf Deutsch: Die Badewanne. Wobei: Ans Baden gehen sollten die Eisernen morgen ab 18.45 Uhr lieber nicht denken.

Eher an Gefühle und Erlebnisse der Vergangenheit, auch wenn es inzwischen eine völlig andere Zeit ist und die aktuelle Generation von Spielern Typen wie Manfred Zapf, Jürgen Sparwasser, Jürgen Pommerenke und Martin Hoffmann nur aus Erzählungen und vielleicht alten TV-Mitschnitten kennt. Die Haudegen vom 1. FC Magdeburg werden sich mit einem Lächeln erinnern und mit dem Wissen, am 8. Mai 1974 im Kuip Einmaliges erspielt zu haben: Hier besiegten sie im Finale der europäischen Pokalsieger den großen AC Mailand mit deren damaligem Trainer Giovanni Trapattoni sensationell 2:0. Auf dem Rasen feierten die Männer aus der Börde ihr Husarenstück in mit Kapuzen versehenen weißen Bademänteln. Eventuell haben sie den späten Udo Jürgens damit dazu animiert, seine Zugaben am transparenten Flügel ebenso im weißen Frottee zu geben …

Feyenoord baut Mega-Stadion

Neben einem Eigentor der Italiener traf Wolfgang „Paule“ Seguin. Auf dessen Sohn, der tatsächlich Paul heißt und für Aufsteiger Greuther Fürth spielt, treffen die Eisernen erst am 3. Advent. Erst einmal aber gibt es also Feyenoord, wie die Eisernen ein klassischer Arbeiterverein aus dem Rotterdamer Hafenviertel. Wie die Schlosserjungs wissen, steht eine derartige Historie für Zusammenhalt und Kämpfernaturen.

Eines aber haben die Köpenicker ihren Seelenverwandten aus dem Hafenviertel voraus. Sie haben schon ein neues Stadion. De Kuip dagegen wird es in der Form bald nicht mehr geben. Seit Jahren schon planen sie eine neue Arena. Kürzlich hat der Verein sein Okay gegeben für das neue „Feyenoord City“, das 444 Millionen Euro kosten und Platz bieten soll für 63.000 Zuschauer. Ab der Saison 2024/25 soll Feyenoord dann in seinem neuen Zuhause spielen.

Es ist für Union-Fans die erste, womöglich aber schon die letzte Gelegenheit, die Badewanne mit ihren Fußball-Göttern darin zu sehen. Daran aber, dass die Alte Försterei für sie das schönste Stadion bleibt, wird sich trotzdem nichts ändern.

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