Wer auch so schön jubeln möchte wie der 1. FC Union, sollte sich das eine oder andere bei den Eisernen abkucken. dpa/Andreas Gora

Wahrheiten sind manchmal unangenehm. Dirk Zingler, Präsident des 1. FC Union, brachte dieser Tage ein paar davon unter das Volk, die dem Rest der Liga wenig schmecken werden. „Unser Einfluss in die Bundesliga hinein ist größer, als es sich alle gewünscht haben, weil alle wissen, dass wir die geringsten Ausgaben pro Bundesligapunkt haben“, sagte der Ober-Eiserne. Und in der Tat gehören die Köpenicker zu den Klubs, von denen viele sich eine Scheibe abschneiden könnten. Nicht nur am anderen Ende der Stadt. Vom 1. FC Union lernen, heißt siegen lernen! Zehn Lehren für die Bundesliga!

Aufgabenteilung: Hier ist der Sport, dort der Verein. Klarer Kompetenzzuschnitt. Urs Fischer kann sich auf seine Tätigkeit als Fußballlehrer konzentrieren und muss nicht fürchten, dass ihm ein Präsident die Aufstellung diktiert oder medienwirksam darüber schwafelt. Die Vereinsführung wiederum widmet sich der Weiterentwicklung des Klubs – sei es infrastrukturell oder bei den Finanzen. Auch der Aufsichtsrat mischt sich nicht ungefragt ins Tagesgeschäft ein.

Keine Eitelkeiten: Eines der ewigen Probleme beim Sport ist der Jahrmarkt der Eitelkeiten. Wer immer auch ein Pöstchen hat, den drängt es vor die Mikrofone und Kameras dieser Welt. Bei Union regiert keiner in die Belange des anderen hinein, jeder konzentriert sich auf seine Aufgaben. Und kann daher konzentriert arbeiten. Es herrscht kontinuierlich Ruhe. Zumindest nach außen. Jeder im Verein fühlt sich als kleiner Geheimnisträger. Mit dieser Wagenburgmentalität fahren die Köpenicker sehr gut.

Union setzt auf Bier, Bratwurst und Ball

Kontinuität: Heuern und Feuern ist ein Prinzip, das man in Köpenick nicht pflegt. In seiner Anfangsphase wechselte Präsident Dirk Zingler die Trainer sicherlich häufiger als seine Unterwäsche. Aber auch da hat man dazugelernt. Ein Uwe Neuhaus durfte sieben Jahre am Stück schaffen, legte den Grundstein für den Marsch ins Profilager. Urs Fischer geht in sein fünftes Amtsjahr. Auch Manager Oliver Ruhnert ist seit 2018 im Amt.

Fokussierung: Union setzt auf die drei großen B: Bier, Bratwurst, Ball. Im Mittelpunkt steht der Stadionbesucher, nicht ein Zuschauer in Fernost. Nur dann, so das Credo, kann man die Botschaft des Klubs auch über die Grenzen Köpenicks hinaus vermitteln. Fußball pur ist ein Wert an sich, Cheerleader, Tor-Jingle, sinnbefreite Gewinnspielchen – alles Fehlanzeige.

Das eiserne Erfolgstrio: Urs Fischer, Oliver Ruhnert und Dirk Zingler. Imago/Matthias Koch

Scouting: Da machen die Köpenicker sehr viel richtig, sondieren den Markt auch unterhalb der vermeintlichen Stars und Sternchen. Da muss kein Glamour her, damit man sich drin sonnen kann. Da wird gerne auch mit viel Wachstumsfantasie in der 2. Liga gefahndet. Was natürlich kostengünstiger ist …

Oder man stützte sich auf bundesligaerfahrene Kicker, die bei anderen Klubs ins Hintertreffen geraten waren. Wobei Alter kein Aspekt ist. Denn bei Union denkt man projektbezogen, sprich in sehr kurzen Zeiträumen. Wichtig erscheint nur, ob der Spieler in den kommenden zwölf Monaten Union weiterhelfen kann.

Union beteiligt seine Mitglieder

Hartnäckigkeit: Wenn einer einmal auf dem Radar der Köpenicker aufgetaucht ist, bleibt er drauf. Da gerät keiner so schnell in Vergessenheit, nur weil ein Transfer nicht geklappt hat. Weil er beispielsweise zunächst zu teuer war. Kevin Behrens und Sven Michel kamen auch erst im zweiten Anlauf, als sich andere Umstände ergeben hatten.

Mitgliederbeteiligung: Natürlich passiert bei Union nichts, was Dirk Zingler gegen den Strich geht. Doch der ist clever genug, immer wieder in verschiedene Abteilungen und Gruppierungen reinzuhorchen. Als Beispiel sei hier nur die Beteiligung der Ultras beim Entwurf der Stadionerweiterung angeführt. Sie wurden vorab mit eingebunden. Um jede Veränderung wird gerungen und nicht alles von oben her bestimmt. Heraus kommen dabei Kompromisse, die nicht allen schmecken, aber von der großen Mehrheit getragen werden.

Kommerzialisierung: Natürlich ist Union ein Profiverein und braucht Erträge. Aber es wird nicht alles dem schnöden Mammon untergeordnet. Der Stadionname ist unverkäuflich, der Klub ist sehr verhalten, was Investoren und Fremdkapital angeht.

Union scheut kein Risiko

Risikobereitschaft: Natürlich geht es nicht ohne. Und Union – Stichwort Fremdfinanzierung wie Quattrex – scheut sich auch nicht davor, das anzupacken. Geld muss her, um den Sport zu stärken. Die Profiabteilung ist die Lokomotive, die den Rest des Vereins zieht. Aber bei allen lebensnotwendigen Strukturen wie dem Stadionausbau oder dem Nachwuchsleistungszentrum wird peinlich genau darauf geachtet, dass ein unvermittelter Abstieg das ganze Gebäude nicht zum Einsturz bringen kann.

Überzeugungen: Union handelt nach seinen Grundsätzen und lässt sich auch nicht davon beirren, wenn mal Gegenwind herrscht. So wie in der Corona-Pandemie, als die Eisernen wiederholt Vorstöße unternahmen, um die Zuschauer zurück ins Stadion zu bringen. Was ihnen viele um die Ohren gehauen haben. Doch die Eisernen versuchen in Lösungen zu denken, nicht nur in Verboten.

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