Unions Cheftrainer Urs Fischer kennt sich im Olympiastadion von Hertha BSC mittlerweile bestens aus. Foto: Imago

Heuern und feuern – nirgendwo ist das im Fußball leichter als bei Trainern. So wie seit drei Jahren auf dramatische Weise passiert bei Hertha BSC. Es gibt aber auch den anderen Dreh, nämlich einen Trainer zu feiern. So wie im vierten Jahr erlebt beim 1. FC Union.

Wenn es vor dem elften Hauptstadt-Derby – vier gab es in der 2. Bundesliga, eines im DFB-Pokal, am Sonnabend, 18.30 Uhr, gibt es das sechste in der Bundesliga – noch einer Konstante für die Schere zwischen den Rot-Weißen, für die noch immer ein Platz in Europa möglich ist, und den Blau-Weißen, die sich im Abstiegskampf befinden, dann die: Urs Fischer ist die Bank von Köpenick.

Dabei ist die Bank nicht einmal Fischers bevorzugtes Revier während des Geschehens auf dem Rasen, sondern die Coaching-Zone. Stehend oder laufend hat jeder Trainer einen besseren Überblick als sitzend aus einer Perspektive, die auf Kniehöhe der Spieler liegt. Außerdem ist Fischer mit seinen 1,78 m Körperlänge nicht gerade ein Riese, da kommen ihm Zehenspitzen manchmal ganz gelegen.

Unions Urs Fischer ist ein wahrer Methusalem

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Zum ersten Bundesliga-Derby gegen Hertha BSC begrüßte Fischer 2019 Herthas damaligen Cheftrainer Ante Covic.

Wobei: Körpergröße kann im Fußball durchaus einen Vorteil bringen und entscheidend sein, aber nicht auf der Trainerbank. Hansi Flick, der neue DFB-Trainer, misst 1,77 m; Didier Deschamps, Coach von Weltmeister Frankreich, bringt es auf 1,74 m; Sepp Herberger und Georg Buschner, die Trainer-Idole in Deutschland West und Deutschland Ost, waren genauso wenig Riesen wie BertiVogts mit seinen 1,68 m. Ganz nebenbei: Felix Magath, Herthas neuer Coach, war als Spieler mit 1,72 m auch kein Kopfball-Ungeheuer.

In anderer Beziehung ist Fischer jedoch bereits jetzt ein Großer. Was die Hauptstadt-Derbys angeht, ist der Union-Trainer nämlich bereits ein wahrer Methusalem.

1. FC Union: Fischer überholt Neuhaus

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2020 traf Union und Urs Fischer auf Hertha-Cheftrainer Bruno Labbadia.

Schon längst hat er die Anzahl seiner Pflichtspiele gegen den Nachbarn aus Charlottenburg gegenüber seinem Vor-Vor-Vorgänger Uwe Neuhaus fast verdoppelt. Während Neuhaus die Eisernen in den vier Zweitliga-Derbys in den Spielzeiten 2010/11 und 2012/13 betreut hat, hat Fischer sein sechstes in der Bundesliga vor der Brust und ein weiteres im DFB-Pokal vor zweieinhalb Monaten mit einem 3:2-Sieg gekrönt.

Längst ist Fischer, in seiner vierten Saison im Stadion An der Alten Försterei im Amt, in eine Reihe aufgestiegen zu den Trainer-Legenden der Eisernen. Werner Schwenzfeier, den Pokalsieger-Coach von 1968, hat er an Einsätzen übertroffen, Karsten Heine auch und sogar Georgi Wassilew, die beide auf zwei Amtsperioden zurückblicken. Nur noch Heinz Werner (181SpieleundsechseinhalbJahre im Amt) sowie Uwe Neuhaus (266 Spiele und sieben Jahre) waren als Trainer länger in der Wuhlheide beschäftigt.

Union-Trainer Urs Fischer ist ein Derby-Fuchs

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Zu Beginn dieser Saison reiste Hertha BSC mit Cheftrainer Pal Dardai nach Köpenick.

Gerade was Derbys angeht, ist Fischer ein regelrechter Fuchs. Oft genug hat er sie in der Schweiz für den FC Zürich (erst elf Jahre im Nachwuchs, danach dort 302 Einsätze im Männerbereich, 2007/08 Co- und 2010 bis 2012 Cheftrainer) im legendären Stadion Letzigrund, das ebenso Heimstätte der Grasshoppers ist und sich auch als Hotspot von Leichtathletik-Festen einen Namen gemacht hat, erlebt.

Aus dieser Erfahrung weiß er: „Ich habe Derbys schon in meiner Jugend gespielt. Es ist etwas anderes, wenn du mit Derbys aufwächst. Die haben natürlich noch eine andere Wucht als ein anderes Spiel.“ Seine bisherige Derby-Bilanz in Berlin: drei Siege (1:0 und 2:0 um Punkte, 3:2 im Pokal), zwei Niederlagen (0:4, 1:3) und ein Unentschieden bei einem 1:1 in der Försterei.

Dabei will es der Zufall oder besser wollen es die Turbulenzen bei Hertha BSC, dass bei den Blau-Weißen bei einem Derby fast immer ein anderer Coach das Sagen hat(te). Bekam es schon Neuhaus mit zwei Trainern zu tun (Markus Babbel und Jos Luhukay), besteht die Reihe von Fischers Gegenübern aus einer ganzen Latte von Namen: Ante Covic, Bruno Labbadia, Pal Dardai ,Tayfun Korkut und nun Felix Magath. Jedes Spieljahr sind es mindestens zwei – zuerst Covic und Labbadia, dann Labbadia und Dardai – in dieser Saison ist es mit Magath nach Dardai und Korkut bereits der dritte. Anders gezählt: Während Fischer nach Neuhaus beim 1. FC Union überhaupt erst der zweite Derby-Coach ist, ist der seit 27 Tagen im Amt befindliche Magath bei Hertha bereits der siebte.

Urs Fischer: Die Bank von Köpenick

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Zuletzt traf Urs Fischer im Januar mit dem 1. FC Union auf Hertha-Trainer Tayfun Korkut.

Fischer ist ohnehin eine Ausnahme, zumal er zum 1. FC Union passt wie der Hauptmann zu Köpenick oder das Weihnachtssingen in die Alte Försterei. In der Bundesliga ist mit dem Freiburger Christian Streich ohnehin nur ein Coach länger im Amt als er und seit der Schweizer in Berlin ist, seit 2018, gab es in Charlottenburg noch einige mehr als in den Derbys.

So hat Pal Dardai eine erste Amtszeit hingelegt – das Erstaunliche daran ist, dass sie mit vier Jahren und fünf Monaten länger dauerte als die bisherige von Fischer –, Jürgen Klinsmann und Alexander Nouri haben sich auch versucht, blieben aber ohne Spiel gegen die Eisernen.

Der nächste Coach vor Dardai, der bei den Blau-Weißen länger im Amt war als Fischer, ist Jürgen Röber. Aber da hießen die Spieler noch Gabor Kiraly und Michael Preetz, Kjetil Rekdal und Axel Kruse, Jolly Sverrisson und Dick van Burik und natürlich Pal Dardai. An ein Derby war damals nie und nimmer zu denken und an eine neue Trainer-Legende beim 1. FC Union erst recht nicht. Bis Fischer die Bank von Köpenick wurde.

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