Urs Fischer, Trainer des 1. FC Union, sieht man selten so emotionsgeladen wie nach dem Sieg bei RB Leipzig. Der Schweizer hat mit Union noch einiges vor. Foto: Imago

KURIER: Waren Sie bei den personellen Entscheidungen auch mal komplett anderer Meinung als Oliver Ruhnert und wie löst man diese Konflikte?

Urs Fischer: „Hoffentlich gibt es Konflikte und hoffentlich ist man nicht immer gleicher Meinung. Denn am Schluss hilft es auch, dass man mal unterschiedlicher Meinung ist. Man fällt eine Entscheidung und wichtig ist, dass man dann dahintersteht. Eine Mannschaft auszuwechseln, ist unheimlich schwierig, wenn man sich nur nach den Bedürfnissen des Trainers richtet. Es kann ja sein, dass der Trainer sechs Monate später nicht mehr da ist und man dann Spieler hat, die der alte Trainer wollte und ein Neuer kommt und es passt überhaupt nicht mehr. Natürlich waren wir nicht immer einer Meinung, aber umso sicherer ist man dann in der Entscheidung, wenn man andere Meinungen zulässt. Am Schluss, wenn eine Entscheidung gefallen war, standen wir dahinter und das ist entscheidend. Das spürt man dann auch, weil man es entsprechend lebt.“

Wie lange dauert diese Leidenschaft bei Urs Fischer? Sehen Sie sich noch mit 70 an der Seitenlinie langtigern?

„Nein, nein, nein, so lange sicher nicht. Ich habe meinen Leuten schon gesagt, wenn ich so etwas mache, dann holt mich von der Linie. Weil ich glaube, irgendwann ist auch Zeit Platz zu machen. Das habe ich so erlebt als Spieler und das ist auch mein Ziel ist als Trainer. So zumindest habe ich es im Kopf. Ich brauche dann irgendwann auch mal Zeit für mich. Es gibt ja auch noch was danach. Ganz so viel Zeit zur Verfügung gibt es im Leben dann auch nicht mehr. Es gilt dann auch mal nur zu genießen. Ich habe ja auch eine Ehefrau. Viel haben wir derzeit nicht voneinander. Dann möchte ich mir auch noch das eine oder andere anschauen. Das ist auch eine Frage der Qualität, der Lebenseinstellung. Mit 70 wird man mich da nicht mehr sehen.“

Urs Fischer träumt nicht von anderen Klubs

Stichwort Schweiz, dort werden Sie ja immer auch als eine Art Heilsbringer gesehen. Ich manchen Artikel werden Sie auf eine Stufe mit Mourinho oder Guardiola gestellt. Wäre ein Weg dorthin zurück reizvoll? Als Trainer der Nati eventuell?

„Man soll ja nie nie sagen. Aber das Thema stellt sich nicht. Und es ist unverschämt darüber zu reden, solange da jemand erfolgreich seine Arbeit macht. Dazu kommt, dass ich jemand bin, der im täglichen Geschäft auf dem Platz stehen möchte. Ich brauche dieses tägliche Miteinander. Vielleicht ändere ich mal meine Meinung. Aber jetzt? Diese tägliche Arbeit würde ich vermissen.“

Was sagen Sie denjenigen, die sagen, der Union ist doch längst zu klein für ihn, der muss zu einem großen Klub? Wo würde Urs Fischer schwach werden? Wer müsste anklopfen?

„Das ist für mich nicht entscheidend. Zum Schluss muss ich mich wohlfühlen, muss ich Spaß haben. Das habe ich nicht fertig im Kopf oder einen Masterplan. Ich hatte nie auf dem Zettel, dass ich nach Thun gehen werde und dann zu Basel oder irgendwann zu Union. Ich will da, wo ich bin, bestmögliche Arbeit machen und da sind für mich natürlich jetzt die Arbeitsbedingungen ideal.“

Hier reden ihnen ja auch keine Altinternationalen oder sonstige Granden rein oder diktiert der Präsident die Aufstellung.

„Ein Urs Fischer würde so etwas auch nicht zulassen. Sonst brauchst du auch keinen Trainer. Also es gibt Bereiche, da bin ich dafür verantwortlich, da muss ich entsprechend den Kopf hinhalten.“

Perlt trotzdem all dieses Lob an ihnen einfach so ab oder macht das was mit ihnen? Lesen Sie einfach nichts über sich? Oder nehmen nur Lob von Kollegen an?

„Natürlich erfüllt mich das auch mit Stolz und freut mich, logisch. Aber ich sage ja da auch immer, es ist nicht allein mein Verdienst. Ich brauche auch meine Leute um mich, um solche Komplimente zu bekommen. Denn am Schluss ist ja auch immer eine Teamarbeit. Und lesen? Nein, versuche ich nicht all zu viel. Wird ja auch sehr viel geschrieben. Aber natürlich versuche ich, mich irgendwo zu informieren. Es gibt jede Woche eine PK, man muss sich auch immer wieder äußern. Eine gewisse Ahnung, um on time zu sein, braucht es dann schon.“

Urs Fischer will nicht den Polizisten spielen

Verfolgen Sie die Aktivitäten der Spieler in den sozialen Medien?

„Habe ich noch nie. So etwas käme mir nie in den Sinn. Weil so etwas irgendwann dann etwas Privates ist. Das muss ein Spieler selber entscheiden. Und ich muss sie nicht kontrollieren oder nachlesen. Ich kontrolliere auch im Trainingslager nicht, ob jetzt die Spieler rechtzeitig im Bett sind oder nicht. Weil ich das erwarte. Da brauchst du Erholung, damit du optimal trainieren kannst. Und wenn sie es mal nicht machen, dann müssen sie entsprechend am nächsten Tag leiden. Zu meiner Zeit hättest du kontrollieren müssen. Aber das war jetzt wirklich eine ganz andere Zeit. Jetzt muss ich nicht den Polizisten spielen. “

Hilft es dem Trainer Urs Fischer, dass er als Spieler Urs Fischer vielleicht auch nicht immer so pflegeleicht war?

„Ja, logisch. Wenn es da keine Emotionen mehr gäbe, wäre alles irgendwo ja langweilig.“

Nervt Sie eigentlich etwas an ihrem Job?

„Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde es nervt mich gar nichts. Gibt da schon die eine oder andere Frage, wo ich denke … Aber es ist ein Teil dieses Geschäfts. Und ich glaube, ich mache es schon viel besser als vielleicht noch in den Jahren zuvor. Wenn ich da an meine Zeit in Basel denke. Da war ständig Druck auf ganz hohem Niveau. Da musstest du gewinnen. Auch noch schön gewinnen und hoch. Dass eine oder andere Mal habe ich es da eben nicht schlau gemacht. Habe mich provozieren lassen. Obwohl das ist das falsche Wort.“

Reizen?

„Ja, reizen. Da habe ich mich zu schnell reizen lassen. Und das musst du lernen. Es wäre schön, wenn ich alles mit auf den Weg bekommen hätte. Ich habe viel mitbekommen. Man hat ja auch eine Erziehung, dafür sind die Eltern da, da bekommst du viel fürs Leben mit. Aber es gehört auch dazu, Erfahrungen zu machen. Und die machst du nur über Fehler. Aus Fehlern lernst du am meisten.“

Das sagt Fischer zu den Abgängen von Friedrich und Kruse

Foto: Imago
Urs Fischer und Ex-Union-Star Max Kruse: Für den Trainer des 1. FC Union war es wichtig, dass der Klub den Abgang als Team aufgefangen hat.

Haben Sie in ihren vier Jahren bei Union schon mal einen Fehler gemacht, wo sie hinterher sagten, das hätte ich anders lösen müssen?

„Das ist gar nicht so einfach, wenn alles so positiv läuft. Was aber wichtig ist für mich, dass wir uns im Trainerteam nach einer Spielzeit hinsetzen und dann das Jahr analysieren. Da sind wir wirklich sehr selbstkritisch. Da haben wir dann einige Dinge angepasst und anders gemacht. An manchen Sachen noch intensiver gearbeitet.“

Eine neue Erfahrung war ja, nicht nur im Sommer ein Team neu aufbauen zu müssen, sondern dass mitten in der Serie zwei Korsettstangen wegfielen mit Marvin Friedrich und Max Kruse. Wie machen Sie so etwas?

„Ein Rezept dafür gibt es nicht. Das habe ich nicht. Aber ich versuche es. Es hilft, wenn man nach vorne schaut. Was gewesen ist, wirst du nicht mehr beeinflussen können. Entscheidend ist, was machst du ab jetzt. Ich habe der Mannschaft stets nahegelegt, dass bei uns jeder wichtig ist. So hat es die Mannschaft angenommen. Da hat jeder noch ein bisschen was drauf gepackt und noch mehr investiert. Wir konnten es als Team auffangen. Und ja, wir hatten unsere Phase mit sieben Spielen und nur vier Punkten. Dann hatten wir gegen Köln das Erfolgserlebnis zur richtigen Zeit. Manchmal braucht es auch ein bisschen Glück. Aber entscheidend war sicherlich, dass wir den Abgang von Marvin und Max akzeptiert haben und uns nie dahinter versteckt haben.“

Diese Herausforderung, von der Sie jetzt wieder stehen, ist nicht in der Liga abzustürzen und doch die Dreifachbelastung aushalten zu können. Also dieses Jahr zu bestätigen.

„Der Weg wird wieder über das gleiche Ziel führen. Davon bin ich überzeugt. Wir haben es jetzt einmal hinbekommen und das auch wirklich toll. War ja unser erstes Mal. Aber eine Garantie hast du nicht. Du hast jetzt nur eine gewisse Erfahrung, die du mitnehmen kannst fürs zweite Jahr. Aber ich denke kaum, dass wir von unserer Zielstellung abweichen werden.“

Urs Fischer sieht beim 1. FC Union noch Potenzial

Wie schön wäre es denn für Sie, vielleicht noch Europacupspiele in der ausgebauten Alten Försterei zu erleben?

„Die nächste Spielzeit wird schwierig.“

Sie haben ja nicht gesagt, dass Sie jetzt aufhören wollen …

„Ich schaue doch nicht, was ist in fünf, zehn Jahren. Was zählt ist der Moment.“

Da kann man doch sagen, wenn es am schönsten ist, soll man gehen.

„Es könnte ja noch eine Steigerung geben. Wir könnten ja auch ins Pokalfinale kommen. Oder im Europacup überwintern. Wer sagt denn, dass es jetzt am schönsten ist? Fußball ist Leidenschaft. Trainer zu sein, ist eine Leidenschaft. Ja, das bedeutet auch manchmal zu leiden. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen als Spieler. Und ich konnte daran anknüpfen als Trainer. Also was gibt es Schöneres? Ja, dafür bin ich dankbar. Und entsprechend lebe ich es. Und was in ein, zwei, drei oder 10 Jahren ist, werden wir sehen.

Lesen Sie hier den ersten Teil des Interviews und mehr über den 1. FC Union >>