Unions Trainer Urs Fischer sprach am Donnerstag erstmals seit seiner Rückkehr nach Berlin am vergangenen Wochenende über die Situation bei den Eisernen. Foto: Andreas Gora/dpa

Berlin - In einer Zeit, in der Kontakte nur eingeschränkt möglich sind, ändert sich vieles. Da der Sport ja auch nur in Kleinstgruppen möglich ist, liegt die Zukunft des Fußballs vielleicht im Kleinfeld und Sieben gegen Sieben?  „Für meine Altersklasse wahrscheinlich schon", scherzte Unions Chefcoach Urs Fischer in einer Videokonferenz mit Journalisten am Gründonnerstag. In dieser äußerte sich der 54-Jährige erstmals nach seiner Rückkehr über die Situation bei den Eisernen. Urs Fischer über ... 

... den Zustand seiner Mannschaft: „Die Tests waren nicht so zufriedenstellend, wie wir uns das vorgestellt haben. Die Jungs haben schon einiges verloren. Das gilt es jetzt wieder aufzubauen, vor allem in physischer Sicht. Wir wollen die Jungs wieder dahin bekommen, wo wir sie hatten, als wir aufgehört haben. Auch wenn wir nicht wissen, wann der Tag X ist. Wir müssen sie auch immer daran erinnern, dass sie den vorgeschriebenen Abstand einhalten. Sie sind es ja gewohnt, gemeinsam aus der Kabine zu kommen und beim Gang zum Platz miteinander zu reden." Das stecke so tief drin, sei so sehr verwurzelt, dass es des einen oder anderen Hinweises bedarf. Es bestehe weiter eine Ungewissheit, wann es weitergeht oder ob die Zwangspause womöglich noch einmal verlängert wird. „Es bringt aber nichts, darüber zu diskutieren", so Fischer.

... die Ursachen dieser überraschenden Defizite: „Wenn die Jungs in der Sommerpause drei, vier Wochen Ferien haben, bekommen sie auch ein Programm und setzen das um. Nur: Da sind die Jungs immer unterwegs, immer in Bewegung. Wenn du jetzt aber im Home Office bist, gehst du vielleicht einmal am Morgen und einmal am Nachmittag raus. Sonst hältst du dich zu Hause auf und bewegst dich kaum. Ich glaube, das ist ein Umstand, der dazu geführt hat, dass die Jungs ein bisschen schwächer zurückgekommen sind, obwohl sie sich toll an unser Programm gehalten haben." Sicherlich sei es auch eine mentale Geschichte. Ob das Ganze sich dann auf die Liga auswirken werde, müsse man abwarten. Fischer bleibt da aber Optimist. „Für mich ist ein Glas immer halbvoll, nicht halbleer."

... über die Art des derzeitigen  Trainings: Das habe derzeit mit Mannschaftssport noch wenig zu tun. Verschieben, taktische Elemente, Zweikämpfe oder Deckungsverhalten sei alles nicht drin. „Wir versuchen, den Jungs die besten Möglichkeiten mit auf den Weg zu geben. Da müssen wir uns täglich was Neues einfallen lassen. Wichtig ist, dass irgendwann auch wieder Spielformen und Zeikämpfe dazu kommen können. Also Fußball spezifische Elemente."

Malli in Quarantäne aber nicht selbst erkrankt

 ... über verletzte Spieler: „Einige haben die Zeit nutzen können, um wieder näher heranzurücken. So wie Akaki Gogia, Manuel Schmiedebach, Suleiman Abdullahi oder Joshua Mees. Aber Yunus Malli musste sich jetzt für 14 Tage in Quarantäne begeben. Er kann nicht mittrainieren."  Nach Angaben des Klubs sei der Leihspieler aber nicht selbst erkrankt, sondern es gäbe einen Fall in seiner Familie. Der 28-Jährige wäre daher also nur in einer Schutzisolation.  Schon kommende Woche werde er in Köpenick zurückerwartet,

... über auslaufende Verträge zum 30. Juni: „Das ist in erster Linie die Sache von Oliver Ruhnert (der Manager/die Red.). Aber wir sind im täglichen Austausch. Und die Spieler lesen ja derzeit auch alles. Die kriegen das schon selber mit, ob sich die Verträge verlängern werden über den ursprünglichen Stichtag hinaus und wie es dann weitergeht." 

... über seinen Arbeitstag: „Der fängt jetzt früher an. Teilweise schon um 8 Uhr auf dem Platz. Wir arbeiten den ganzen Tag lang über in unterschiedlichen Gruppen, damit es für alle reicht und jeder genügend Zeit bekommt." Mit anderen Worten, er arbeitet noch mehr als vorher, auch wenn der Schweizer nie zu den Menschen gehört hat, die nach dem Verlassen des Arbeitsplatzes richtig abgeschaltet haben.

... seine dreiwöchige "Auszeit" in der Schweiz und den bevorstehenden Ostersonntag: „Ich habe mich da genau verhalten wie jeder andere vernünftige Mensch auch. Ich bin zu Hause geblieben, war vielleicht mal einkaufen mit meiner Frau oder habe Spaziergänge gemacht. Wir haben immer auch auf den nötigen Abstand geachtet. An Ostern verschwende ich jetzt keinen einzigen Gedanken."  

Fischer: Nur beim Zappen sehe ich andere Spiele als Union

... über den Nachteil von Geisterspielen für Union: „Gerade uns wird der 12. Mann fehlen. Unser Stadion mit unserer Atmosphäre hat uns schon oft geholfen, Spiele zu gewinnen und Punkte zu holen. Das haben uns auch immer gegenerische Teams bestätigt, die gesagt haben, dass es nicht einfach sei, bei uns Punkte zu holen. Welche Auswirkungen das haben wird, muss man sehen. Ein Vorteil für uns ist das aber sicherlich nicht."

... die schnellstmögliche Saisonfortsetzung: Fischer drängt jetzt nicht auf einen schnellen Wiederbeginn der Saison, die bis mindestens 30. April unterbrochen bleibt. „Man muss mal ein bisschen aufhören, jede Entscheidung zu hinterfragen. Man muss sich jetzt an die Vorgaben halten und diese umsetzen."

... über Fußball im Fernsehen: In den letzten drei Wochen war er vornehmlich mit dem Fernstudium von Spielen seiner Mannschaft beschäftigt. Anders als viele nach Fußball lechzende Fans, die sich derzeit im Fernsehen nicht selten alte Klassiker reinziehen. „Das ist mir nur beim Zappen passiert. Da bin ich bei einem Spiel der Bayern gegen Dortmund hängengeblieben. Nein, ich habe mir noch mal ganz genau angeschaut, was wir in den bisherigen Spielen richtig gemacht haben. Und da war einiges sehr gut. Und natürlich wissen wir auch, wo wir uns verbessern können. Auch da gibt es einiges, woran wir arbeiten können", verriet Fischer.

Fischer stornierte USA-Reise

... die modernen Kommunikationsmethoden: „Ich bin ja so eher Old-School. Bin großer Freund von E-Mails. Da schreibt einer was, dann kommt ne Re-Mail, dann wieder eine Re-Re-Mail. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das einfacher geht.  Warum greift man nicht einfach zum Telefon und bespricht sich? Dann ist das alles in fünf Minuten erledigt", so der 54-Jährige, der dennoch einigen Sachen gegenüber sehr aufgeschlossen ist. „Ich bin noch nicht so alt. Ich habe WhatsApp, Face Time. Videokonferenzen finde ich klasse. Skype ist ein tolles Instrument. Wir haben im Trainerteam immer wieder darüber Sachen besprochen. Auch mal mit dem ein oder anderen Spieler uns ausgetauscht. Auch dieses Interview jetzt passt doch so."

... eine veränderte Welt nach der Krise: „Ich glaube, dass diese Krise so einschneidend war, dass vielen in der Gesellschaft bewusst geworden ist, dass sich was ändern muss in unserem Verhalten. Wohin das genau führt, ist schwierig zu sagen. Es ist ja nur menschlich, dass man sich etwas vornimmt und dann oft doch wieder in alte Muster zurückfällt.  Ich aber bin zuversichtlich, ich glaube, dass der Mensch aus dieser Situation lernt. Eine Krise solchen Außmaßes, die die ganze Welt betrifft, wird Spuren hinterlassen."

... über seine Urlaubsplanungen nach dem Saisonende: „Mir geht es da wie jedem Arbeitnehmer. Urlaub muss man planen, da kann man seinem Boss nicht sagen, ich bin dann jetzt mal für zwei, drei Wochen weg. Auch ich hatte meinen Urlaub bereits gebucht und musste jetzt versuchen zu stornieren, was möglich ist. Eigentlich wollte ich nach Amerika."