Marcus Ingvartsen (r.) legte seinen Union-Kollegen bereits sieben Tore auf, bediente zuletzt beim 1:0-Sieg in Freiburg Grischa Prömel (l.).  Foto: Imago

Mit 25 hat man als Fußballer noch die beste Zeit vor sich, sagt man. Wenn man nicht gerade Mario Götze heißt. Das ist gemein gegenüber dem Rio-Weltmeister, der Deutschland 2014 mit seinem Tor im Maracana ja erst zum Titel geschossen hat, ich weiß. Es soll auch nicht um das ein wenig in sportliche Schieflage gekommene einstige Supertalent gehen, nur ist die Fallhöhe bei ihm als unter und als über 25-Jährigem besonders auffällig.

Aktuell hat der 1. FC Union zwei 25-Jährige in seinem Aufgebot. Zufällig haben beide, Marvin Friedrich in der Abwehr und Marcus Ingvartsen in der Schnittstelle zwischen Mittelfeld und Angriff, ihren festen Platz im Personalpuzzle von Trainer Urs Fischer. Besser noch: Sie sind so wichtig, dass sie aus der Mannschaft nur schwer wegzudenken wären. Bei Friedrich weiß man das schon länger, auch weil die Defensiv-Kante zu den Aufstiegshelden von 2019 gehört. Aber Ingvartsen? Was genau macht den Dänen so wertvoll für das Spiel der Eisernen?

Ingvartsen auf Trimmels Spuren

Ingvartsen läuft, zugegeben, für viele Beobachter öfter etwas unterm Radar, wenn er nicht gerade wie zum Auftakt der Rückrunde beim 1:2 in Augsburg einen Elfmeter versemmelt. Dabei ist fast das genaue Gegenteil der Fall. Seine Bilanz hat was von „Aha!“ und „Guck an!“: Mit fünf Treffern war er in der Vorsaison hinter Sebastian Andersson (12) und Marius Bülter (7) drittbester eiserner Torschütze. In dieser Spielzeit ist er ebenso in den Vordergrund gerückt. Nicht mit der Anzahl der Tore, es sind genau zwei, und das ist für einen wie ihn nicht das Nonplusultra. Aber als derjenige, der die entscheidende Vorarbeit zu Treffern leistet. Die Flanke, die Grischa Prömel in Freiburg zum goldenen 1:0 einköpfte, ist Ingvartsens siebter Assist in dieser Saison.

Nicht falsch verstehen, das hat nichts mit Rangliste innerhalb des Teams zu tun, nur ist der Däne in dieser Wertung immerhin besser als Flanken-Gott Christopher Trimmel. Was Tor-Vorbereitungen angeht, ist Ingvartsen, man mag es kaum für möglich halten, auf Augenhöhe mit Bayerns Leroy Sané und Dani Olmo und besser als Olmos Leipziger Mitspieler Emil Forsberg, Gladbachs Florian Neuhaus, Dortmunds Marco Reus und die Bayern-Größen Serge Gnabry und Leon Goretzka.

Dafür, dass Ingvartsen etwas unbeachtet seine Kreise dreht, befindet er sich in guter dänischer Tradition. Womöglich ist „Danish Dynamite“ sowieso notorisch unterschätzt. Das Paradebeispiel dafür liefern die rot-weißen Helden von 1992, die aus dem Strandurlaub heraus Europameister wurden, als sie im Finale Deutschland salopp gesagt in Badeschlappen mit 2:0 ausgedribbelt haben.

Dänen darf man trauen 

Nun ist Ingvartsen zwar ganz nah dran am Nationalteam, vorerst aber hat es nur zu einigen Einsätzen im U21-Team seines Landes gereicht. Trotzdem hat er beste Voraussetzungen, denn an Spielern, die in der deutschen Bundesliga ihr Ding klasse durchziehen, ist noch kein dänischer Nationaltrainer achtlos vorbeigegangen. Da Fußballer und selbst Trainer zudem hin und wieder zum Aberglauben neigen, könnte Ingvartsen aus einem total verrückten Umstand zusätzliche Motivation ziehen: Er misst 1,82 m und ist damit exakt so groß wie Ulrik Le Fevre, 1971 für Mönchengladbach der erste Torschütze des Jahres, und Flemming Povlsen, den sie auch 30 Jahre später in Dortmund hoch verehren. Auch Preben Elkjaer Larsen, Michael Laudrup und Morten Olsen (alle 1,83 m), dazu Sören Lerby sowie Henning Jensen (beide 1,84 m) spielen rein körperlich auf Höhe des Mannes aus der Alten Försterei.

Aberglaube hin, Können her. Was das für Ingvartsen und für den 1. FC Union heißen mag? Alles und nichts. Höchstens so viel: Denen, nämlich den Dänen, darf man vertrauen. Auf sie darf jeder Trainer nahezu blind bauen. So wie einst bei Allan Simonsen, 1977 als bisher einziger seines Landes zu Europas Fußballer des Jahres gewählt. Simonsen war Tage zuvor gerade 25 geworden …