Ein Union-Spieler wird auf dem Rasen behandelt. Foto: Imago Images/Matthias Koch

Die Abteilung für Sportmedizin der Charité am frühen Nachmittag. Dr. Clemens Gwinner betritt den langen Flur im ersten Stock, erscheint auf die Minute pünktlich zum Termin. „Wir sind verabredet“, sagt er, halb Frage, halb Feststellung, hat dann aber noch kurz etwas zu erledigen, holt ein Smartphone aus der Tasche seines Arztkittels. Der 1. FC Union ist dran, schickt gleich einen Spieler vorbei, der sich im Training eine Blessur zugezogen hat. „Eine halbe Stunde wird er wohl von Köpenick bis hierher brauchen“, sagt Gwinner und steckt das Smartphone wieder ein.

Passender hätte der Einstieg kaum sein können in ein Gespräch, das sich um den Berliner Bundesligisten Union und dessen medizinische Betreuung drehen soll und zu dem kurz darauf Prof. Bernd Wolfarth in sein Büro bittet. Der Leiter der Sportmedizin an der Charité begrüßt Gwinner, den Oberarzt der Orthopädie. Dann geht es auch schon los, geht um Verletzungen und den Betreuerstab, der sie behandelt. Um Corona, natürlich, und den Umgang damit. Vor allem aber geht es darum, wie sich ein Fußballverein ein ganzes Universitätsklinikum nutzbar machen kann.

1974, das Mittelalter der Sportmedizin

Früher verfügte ein solcher Verein mit Spitzenteam über einen Arzt, der meist ein Orthopäde war, dazu über einen Masseur. „Zu Zeiten der Weltmeisterschaft 1974 war das ungefähr so“, sagt Wolfarth, und sein Lächeln lässt erkennen, dass es sich um eine Art Mittelalter der medizinischen Betreuung im Fußball gehandelt haben muss. Heute, beim 1. FC Union, sagt der 55-Jährige, „ist der Personenkreis schwierig zu beziffern“. Dann überschlägt Wolfarth aber doch: „Das Kernteam ist überschaubar: vier, fünf Physiotherapeuten, ein Reha-Trainer, ein Athletik-Trainer. Hinzu kommen drei Ärzte, die sich schwerpunktmäßig um den Verein kümmern.“

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Bis zu diesem Punkt unterscheidet sich der Betreuungsschlüssel der Unioner nicht sonderlich von dem anderer Bundesligisten. Genau an diesem Punkt jedoch kommt die Charité ins Spiel, ins Fußballspiel. Über 17 Behandlungszentren verfügt das wohl berühmteste Universitätsklinikum Deutschlands, rund 100 Krankenhäuser gehören zu dem Netzwerk mit insgesamt 3000 Betten. Mehr als 150.000 stationäre und 700.000 ambulante Fälle behandelt die Charité pro Jahr. Darum kümmern sich 4500 Pflegekräfte und mehr als 4000 Ärzte, Wissenschaftler und Professoren. Nicht alle Fachrichtungen werden für die Eisernen irgendwann einmal in Betracht kommen, doch theoretisch steht ihnen die ganze Palette offen.

„Sehr häufig benötigen wir die Expertise eines Radiologen“, sagt Wolfarth. Der 1. FC Union kann auf mehr als nur einen zurückgreifen. „Es gibt einen Hauptansprechpartner für uns, aber es gibt unter den Radiologen Spezialisten für Muskeln, für Gelenke, für die Inneren Organe und so weiter.“

„Schönen Gruß von Herrn Ruhnert“

Welcher Experte an diesem Nachmittag gefragt sein wird und welches Körperteil von welchem Spieler überhaupt betroffen ist, fällt vermutlich unter das Arztgeheimnis, tut in diesem Moment aber auch nichts zur Sache, in dem Clemens Gwinner wieder sein Smartphone hervorholt und vielsagend die Augenbrauen hochzieht. Der Spieler werde direkt zu ihm gebracht, erklärt Gwinner seinem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung. „Dann geht es gleich in die Diagnostik. Es ist alles organisiert.“ Und dann zum Kollegen Wolfarth über den Konferenztisch hinweg: „Schönen Gruß von Herrn Ruhnert.“ Oliver Ruhnert ist Geschäftsführer Profifußball bei den Eisernen.

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Wieder wird eine Routine in Gang gesetzt, wieder greift auch in diesem Fall ein Rädchen ins andere. Wie in einem Uhrwerk, wie immer, wenn sich beim 1. FC Union ein Spieler im Training verletzt und sich die Teamärzte von der Charité nicht auf dem Gelände der Alten Försterei befinden. Vor der Pandemie hielten Clemens Gwinner und Fabian Plachel einmal pro Woche ihre Sprechstunde in Köpenick ab, nun zweimal, wegen der Corona-Tests.

In Abwesenheit der Doktoren liefern die Physiotherapeuten die erste Einschätzung nach einem Crash im Training. Die sei sehr fundiert, sagt Gwinner: „Unions Physiotherapeuten verfügen über viel Erfahrung im Fußball.“ Sehende Hände haben diese medizinischen Fachkräfte, tastend erkennen sie das Ausmaß einer Verletzung. „Ein Physiotherapeut kann meist beurteilen, ob sich das Problem in einigen Tagen von selbst löst oder ob man eine Bildgebung benötigt“, sagt Gwinner.

Eine MRT-Röhre ist immer frei

Diesmal wird eine Aufnahme mittels MRT erforderlich, was um die frühe Mittagszeit kein Problem ist. Aber selbst zu späterer Stunde lässt sich etwas bei der Charité arrangieren, eine freie MRT-Röhre auftreiben. Wenn nicht am Campus Mitte, dann eben am Campus Benjamin Franklin, im Virchow-Klinikum oder einem der anderen Standorte. „Das hilft uns auch, wenn wir eine Bildgebung am Wochenende brauchen, und das ist relativ oft der Fall“, sagt Wolfarth. Am Wochenende bestreitet der 1. FC Union seine Punktspiele.

Wurde die Diagnose gestellt, können weitere Spezialisten hinzugezogen werden. Kommunikation ist nun entscheidend. „Den Mitgliedern des medizinischen Stabs stehen immer dieselben Informationen zu Verfügung“, sagt Gwinner. „Wir befinden uns in einem regen Austausch. Das Telefon steht nicht still.“ Wie zum Beweis meldet sich Gwinners Smartphone: Der Spieler trifft gleich ein.

Das medizinische Uhrwerk läuft weiter. Daran, wie es läuft, hat auch die Pandemie nichts geändert. Außer, dass Gwinner und Plachel öfter draußen in Köpenick sind, weil sie die Mannschaft auf das Coronavirus testen, 24 Stunden vor jedem Heimspiel, 48 Stunden vor jedem Auswärtsspiel, zu dem auch stets einer der beiden Ärzte mitreist.

Engmaschige Testung des Umfelds

„In Ausnahmesituationen testen wir auch zwischendurch.“ Wenn ein Verdacht besteht. PCR-Tests kommen zum Einsatz, untersucht werden nicht nur die Profispieler. „Ein wesentliches Element unseres Hygienekonzeptes ist die engmaschige Testung aller im Umfeld der Mannschaft“, erklärt Gwinner.

Mehr als 50 Personen werden regelmäßig der Prozedur unterzogen. „Vom Busfahrer über die Medienabteilung bis zur Mannschaftsbetreuerin“, sagt Wolfarth. Sein Institut hat auch für die Füchse, die Eisbären und den Olympiastützpunkt ein Hygienekonzept entworfen, das auf die Bedürfnisse der Handballer, der Eishockeyprofis, der Olympiaathleten aus der Hauptstadt zugeschnitten ist.

Untersucht werden die Abstriche im Labor Berlin, dem Zentrallabor der Charité und des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes. „Es ist extrem leistungsfähig“, sagt Wolfarth. Zu Beginn der Pandemie hatte es Diskussionen darüber gegeben, ob Testkapazitäten für Profifußballer genutzt werden sollten, die andernorts fehlen könnten. „Das Labor Berlin ist jedoch nicht an seine Kapazitätsgrenzen gekommen“, sagt Wolfarth.

Zugriff auf Drostens Arbeitsgruppe

Formal steht Christian Drosten diesem Labor vor, jener Professor, den die Pandemie zu einem der bekanntesten Vertreter seiner Zunft hat werden lassen. „Zu ihm persönlich gibt es zwar keine größeren Kontaktflächen“, sagt Wolfarth, „aber bei konkreten Fachfragen haben wir im Charité-Netzwerk Zugriff auf Drostens Arbeitsgruppe, auf den Bereich der Virologie also.“ Ein weiteres Rädchen im Uhrwerk, das sich seit dem vergangenen Jahr für den 1. FC Union dreht.

„Unsere Aufgaben werden tendenziell mehr als weniger“, sagt dann auch Clemens Gwinner. Wobei das Kerngeschäft die Arbeit nah am Fußballer bleibt, wie Wolfarth betont: „Die Schnittstellen zwischen Arzt, Physiotherapeut, Reha-Trainer und Athletik-Trainer müssen optimal funktionieren, um einen verletzten Spieler wieder an die Mannschaft heranzuführen.“

Profifußballer erfordern hohe Investitionen, die sich auf dem Platz amortisieren und nicht als Passiva auf einer Behandlungsbank liegen sollen. Zeit ist deshalb bei Verletzungen ein wichtiger Faktor. „Manchmal müssen wir gegenüber einem Trainer oder den Vereinsverantwortlichen hart bleiben, die einen Spieler vielleicht zu früh wieder belasten wollen“, sagt Wolfarth. Das Timing muss eben stimmen. Bei Knochen, Muskeln, Gelenken. Aber auch bei Herz und Kreislauf.

Union will alles aus einer Hand haben

Mit Herz und Kreislauf hat die Liaison zwischen Union und Charité angefangen. „Ich bin seit sechs Jahren in Berlin“, erzählt Wolfarth, der zuvor in München am Klinikum rechts der Isar tätig war. „Es war in meinem zweiten Jahr hier, als Union nach jemandem für die von der DFL vorgeschriebenen Jahres-Grunduntersuchungen gesucht hat.“ So ging es los.

Die Frauen-Teams, der Nachwuchsbereich – das medizinische Paket erweiterte sich nach und nach. „Vor zweieinhalb Jahren stand schließlich ein Wechsel in der Betreuung der Profis an. Union wollte alles aus einer Hand haben.“ Es wurde eine umfangreiche Kooperation daraus.

„Wir kümmern uns nun nicht nur um die Spieler“, sagt Wolfarth. Nicht nur das professionelle Umfeld liegt im Blickfeld der Charité-Ärzte. „Es kann sein, dass auch mal eine Spielerfrau ein medizinisches Problem hat oder eines der Kinder.“ Der Fußballer soll sich damit nicht belasten, soll den Kopf frei haben für seinen Job. „Im Hochleistungsbereich spielen ja ganz feine Konstrukte eine Rolle.“

Zahnschmerzen? Kein Problem

Schmerzen dürfen auf keinen Fall sein, auch nicht an den Zähnen, deren Behandlung bei Bedarf ebenfalls im Leistungskatalog der Charité für Union enthalten sind. Ein Stechen im Kiefer sonntags nach 17 Uhr? „Wir haben an der Aßmannshauser Straße eine große Zahnklinik“, berichtet Wolfarth. „Ich kann auch den dortigen Chef jederzeit anrufen und sagen: In der Rettungsstelle erscheint gleich einer unserer Spieler, schaut ihn euch doch bitte mal an.“

Clemens Gwinner muss jetzt los, der Union-Profi ist aus Köpenick eingetroffen, die Untersuchung steht an. Eine letzte Frage kann Gwinner noch beantworten: die nach seinem Pensum in Diensten des 1. FC Union. „In der Arbeitszeit beansprucht die Betreuung 30 Prozent“, sagt der Mediziner. 70 Prozent werden demnach in der Freizeit erledigt? „Freizeit in der Medizin?“, fragt Gwinner zurück und lächelt. Eine Antwort darauf erübrigt sich.

An der Charité gehört der Orthopäde zum Team von Professor Carsten Perka, der Oberarzt operiert im Centrum für muskuloskeletale Chirurgie. In dessen Ambulanz ist das Arbeitsaufkommen durch Sportunfälle während der Pandemie gesunken, immerhin – kein Amateurfußball, weniger Verletzungen.

Quarantäne konnte er sich nicht leisten

Gwinner macht sich auf den Weg zu seinem Patienten, Wolfarth schenkt sich einen Kaffee ein. „Den habe ich mir verdient“, sagt er. Seit 6.30 Uhr ist der Professor mal wieder im Einsatz für die Gesundheit. Doch auch er ist nur ein Rädchen im Uhrwerk, diese Feststellung ist Wolfarth wichtig: Es handelt sich um eine Maschinerie, der er vorsteht, immer um Teamwork. Ob sie nun für den 1. FC Union arbeiten oder für den Olympiastützpunkt Berlin, an dem Wolfarth der leitende Arzt ist.

In der Vorwoche hätte er eigentlich zum Weltcup der Biathleten nach Nove Mesto in Tschechien reisen müssen. In eine Region, in der Virus-Mutationen gehäuft auftreten, in ein Risikogebiet. Die obligatorischen zehn Tage Quarantäne nach der Rückkehr konnte sich Wolfarth nicht leisten, er blieb in Berlin.

Tröstlich war es da für ihn zu wissen, dass während der Pandemie wenigstens die Zahl der grippalen Infekte unter Wintersportlern auf nahezu null gesunken ist. „Mund-Nasen-Bedeckung, Hygiene- und Abstandsregeln haben dazu geführt“, sagt Wolfarth. Vielleicht ist es das, was an Positivem von der Pandemie bleiben wird: ein allgemein besseres Bewusstsein für den Schutz vor Infektionen.

Langzeitstudie an Hochleistungssportlern

Mögliche negative Folgen der Corona-Pandemie untersucht der Professor zusammen mit Forschern anderer sportmedizinischer Zentren in Deutschland. Es handelt sich um eine Langzeitstudie an Hochleistungssportlern, die sich mit Corona infizierten. „Über 90 Prozent von ihnen können sich nach zwei, drei Wochen wieder normal belasten.“ Das ist der aktuelle Kenntnisstand. Aber was kommt später? „Hierzu werden erst in ein, zwei Jahren die ersten Ergebnisse zur Verfügung stehen.“

Was für ihn selbst in diesem Augenblick kommt, lässt Wolfarth plötzlich unruhig werden: der nächste Programmpunkt in seinem Terminkalender. An einem Online-Meeting nimmt er teil, diskutiert wird über Belange des Hochschul-Gesundheitsmanagements an der Humboldt-Universität. Dort lehrt Bernd Wolfarth.

Clemens Gwinner untersucht längst seinen Patienten. Und längst wird sich sein Smartphone wieder gemeldet haben. Der 1. FC Union am Apparat.