Keiner kennt das Stadion An der Alten Försterei besser: Stadionplaner Dirk Thieme. Foto: Sebastian Wells/Ostkreuz

Berlin-Köpenick - Dirk Thieme kann jede Tür öffnen. Er hat einen Generalschlüssel für die Alte Försterei. Können wir die Fotos auf dem Stadiondach machen? Kein Problem. Als wir über die Wuhleseite nach oben steigen und das von acht Stützen getragene Wellblech betreten, sagt Thieme: „Ist auch nur ein größeres Buswartehäuschen.“ Muss man ihm glauben. Denn keiner kennt dieses Stadion besser als der Mann, der es wieder und wieder umbauen ließ. Thieme, 57, ist der Stadionplaner beim 1. FC Union. Ein Gespräch über schlaflose Nächte, abgebrochene Türklinken und die nächste Ausbaustufe.

Herr Thieme, in Köpenick heißt es, die Zukunft des Vereins hängt an der Zukunft des Stadions. Warum?

Ich weiß gar nicht, ob man das sachlich begründen kann, ich kann es nur emotional.

Bitte.

Für uns ist völlig klar, dass Union wie sonst fast kein anderer Verein in Deutschland mit seinem Stadion verbunden ist. Wir waren schon zu Ostzeiten stolz auf unsere Alte Försterei. Das hier war was Besonderes, das war nicht Erfurt oder Zwickau oder Dresden. Wir hatten ein reines Fußballstadion, wie es das damals nur noch in Leutzsch bei Chemie Leipzig gab. Da der Wald, dort die Wuhle, dazwischen nur noch der heilige Rasen – Fußballidylle pur!

Wo standen Sie früher?

Auf der Gegengerade. Ich weiß genau, so in den Neunzigerjahren, da haben wir vor 3000 Leuten gespielt, an guten Tagen. Ich musste mir nicht wirklich Gedanken machen um meinen Platz da draußen. Ich hätte auch 80 Minuten später kommen können.

Erinnern Sie sich noch an das erste Mal in der Alten Försterei?

Heimspiel gegen Rot-Weiß Erfurt, 4:1 gewonnen, und ich dachte: Boah! Ich muss mich gefühlt haben wie auf der Dortmunder Südtribüne. Wenn du klein bist, siehst du alles viel größer, als es in Wirklichkeit ist. Von dem Tag an wusste ich: Alte Försterei, sonst nichts mehr. Das ist eine so enge Bindung, die zu der Frage geführt hat: Wenn Union irgendwo anders hingeht – geh ich da eigentlich noch mit? Ich bin froh, dass ich nie vor diese Entscheidung gestellt worden bin. Wenn man Union strukturell entwickeln will, dann nur hier.

Wie kam es, dass Dirk Zingler Ihnen das Stadionprojekt anvertraute?

Er hat mich mal eingeladen in sein Büro und gesagt: Du, pass mal auf, ich habe gelesen, du machst hier was mit Bau. Guck mal, ich habe hier drei Entwürfe vorgefunden, von dem hier und dem und dem hier. In vier Wochen habe ich einen Termin beim zuständigen Senator in Berlin, aber ich weiß noch gar nicht, ob ich damit hingehe. Keiner gefällt mir. Dann habe ich mir das angeguckt und gesagt: Kann ich besser.

Und er?

Na, dann mach.

Und dann machten Sie?

Wenn ich im Auto unterwegs war oder nicht schlafen konnte, habe ich überlegt: Hm, wenn du aus dieser Klitsche etwas machen müsstest, was wäre eigentlich deine Idee? Ich habe dann mit meiner Frau diskutiert, die ebenfalls vom Fach ist: Pass mal auf, dieses oder jenes Problem stellt sich, was würdest du machen? Als ich zu Dirk Zingler gesagt habe, dass ich es besser kann, wusste ich schon, was ich will. Jetzt musste ich nur noch innerhalb von vier Wochen einen Entwurf daraus machen.

Was war besonders daran?

Es musste um die Vereinshistorie gehen. Oberschöneweider Industriearchitektur, gelber Klinker, bewusst traditionell, nicht anders. Es war eine lange, flache Haupttribüne, drei Geschosse, zwei zu sehen. Alles musste klein sein, durfte kein Geld kosten. Die Skizze hängt hier irgendwo noch.

Wie ist das heute für Sie, wenn Sie dieses Stadion betrachten?

Wenn ich hier so über den Parkplatz laufe, die Allee entlang bis zu dem Baum am Forsthaus, dann ist der um Weihnachten rum auch noch geschmückt, dann denke ich: Das ist schon schick geworden, das ist schon nett hier. Denke ich auch, wenn ich in andere Stadien komme.

Das neue Magazin

U.N.V.E.U. heißt jetzt EISERN. Unser neues Magazin wird der Anders- und Einzigartigkeit des 1. FC Union mit neuer Form und neuen Inhalten gerecht. Den thematischen Schwerpunkt haben wir beim Relaunch aber natürlich beibehalten: 100 Jahre Alte Försterei. 100 Jahre und tausend Stories, wobei wir uns auf ein paar wenige konzentrieren mussten. Das 84 Seiten starke Magazin ist ab dem 16. März für 4,50 Euro erhältlich.

Hat Union jetzt mehr Spielraum für besondere Ideen?

Schon, aber das heißt nicht, dass es keine Grenzen gibt. Die Entwicklung im Baubereich, was die Kosten angeht, ist immens. Die sind in fünf Jahren um 30, 35 Prozent gestiegen, also überproportional. Den Freiraum, den man sich vielleicht gegeben hat oder glaubte, sich geben zu können, der ist schnell aufgefressen. Das wird immer eine haarige Geschichte bleiben. Damals, 2008, hatten wir überhaupt keinen Spielraum, weder finanziell noch zeitlich. Wir haben vier Wochen vor Baubeginn entscheiden, dass wir es machen. Aber auch jetzt, es wird keine großen Kinkerlitzchen geben, nichts, was vom eigentlich Fußball ablenkt.

Unter welchem Motto stehen also die Ausbaupläne?

Unsere Vorstellungen unterscheiden sich kaum von den Wünschen der Stadionbesucher. In erster Linie muss alles funktional sein. Die größte Herausforderung ist es, den besonderen Charakter künftig aufrechtzuerhalten. Es muss die Alte Försterei bleiben. Das ist uns beim ersten Bauabschnitt gelungen, das ist uns beim zweiten Bauabschnitt gelungen, das muss beim dritten auch so sein.

Und was machen Sie danach?

Das habe ich schon beim letzten Bauabschnitt gesagt. Wenn das hier irgendwann zu Ende ist, stelle ich mich vier Wochen an den Trainingsplatz und schaue zu, wie der Rasen wächst. Mache nichts, gar nichts. Das ist aber eine totale Illusion. Weil: Du denkst, du bist heute fertig – und morgen machst du genauso weiter wie bisher. Es gibt immer was zu tun. Du musst hier nachbessern, dort ist die Türklinke abgebrochen. Man ist ja nie fertig. Wir werden auch mit dem neuen Stadion nie fertig sein, niemals. Aber um die abgebrochene Türklinke, um die können sich dann andere kümmern.