Dario Urbanski (r.) organisiert in Südafrika sogar Turniere für Kids. Foto: Privat

„Ich lebe fast 10.000 Kilometer von Berlin entfernt. Union bedeutet Heimat und man bleibt dadurch auch mit alten Freunden verbunden“, erklärt Union-Fan Dario Urbanski. Der 58-Jährige wanderte 1995 mit seiner Frau und seinem Sohn nach Südafrika aus, um als Straußenfarmer und Gästehausbetreiber sein Glück zu suchen.

„Megastolz! Wirklich toll! Einfach super, was die da machen!“ Dario sucht im Skype-Videotelefonat sichtlich nach den passenden Worten, um die Saisonleistung seines 1. FC Union in Worte zu fassen. Viele Eiserne träumen nach 26 Spieltagen von Europapokalabenden in der nächsten Saison. Der Stadtrivale Hertha BSC kämpft dagegen trotz kräftiger Finanzspritzen von Investor Lars Windhorst um den Verbleib in der Bundesliga. In Punkteständen getrennt, vereint die Berliner Bundesligavereine eine Überraschung: In Südafrika fiebern viele Fans beider Lager dem Derby entgegen.

Hertha-Anhänger Steffen Scholz kam 2004 erstmals nach Südafrika, um sein Englisch aufzubessern. „Ich habe mich dann in Land und Leute verliebt“, erzählt der 37-Jährige, der sich dem Skype-Gespräch angeschlossen hat. Steffen blickt schmunzelnd zu seiner Tochter, die im Hintergrund Radau macht. „So weit, dass es inzwischen in einer Familie mit zwei kleinen Kindern geendet ist.“ Hertha-Schauen am Wochenende, das sei für den Pankower wie ein kleines Schätzchen aus der Heimat.

Die Anhänger von Union und Hertha verteilen sich tatsächlich im ganzen Land. Die Strauße des Union-Fans Dario rennen über eine Koppel nahe der Kleinstadt Oudtshoorn in der Provinz Westkap. Hertha-Fan Steffen arbeitet dagegen als Social-Media-Manager im öffentlichen Dienst über 1000 Kilometer nordöstlich in Pretoria, der Heimatstadt der Regierung. Facebook-Gruppen deutscher Auswanderer lassen vermuten, dass zum Stadtduell die meisten Fangesänge in der Hafenmetropole Kapstadt angestimmt werden.

Auch Steffens Wohnzimmer in Pretoria verwandelt sich zum Derby in eine kleine Ostkurve. Seine südafrikanische Frau und seine Kinder jubeln mit ihm den Herthanern zu: „Also meine Tochter ist drei. Der Große ist fünf. Wenn ich anfange Fußball zu gucken, dann kommt zumindest auch einmal ,Ha ho he Hertha BSC!’ aus deren Mündern, obwohl sie sonst nicht super viel Deutsch sprechen.“ Jubel von Herthafans am kommenden Sonntag? „So einfach wie gegen Leverkusen werden die Punkte nicht zu holen sein. Das kann ich dir jetzt schon versprechen, lieber Steffen“, feixt Dario.

Herbst statt Frühling, Links- statt Rechtsverkehr, Weiß- statt Graubrot, Berge statt Berliner Urstromtal. Das Derbyfieber der beiden Auswanderer kennt keine geografischen Grenzen. Eine Saison ohne Stadtduell mag sich der Unioner Dario gar nicht mehr vorstellen. „Leute, ihr dürft echt nicht absteigen!“, ruft er Steffen zu. „Dafür verzichten wir notfalls auch auf drei Punkte.“

Hertha-Fan Steffen Scholz lebt seit 17 Jahren am Kap. Foto: Privat

Vielleicht tippt Dario deshalb auch nur auf ein 2:2. Steffen sieht Union in der Favoritenrolle und prognostiziert schweren Herzens einen 2:1-Sieg der Köpenicker.

Seine Liebe für die alte Dame entfachte am 7. April 1997. Tabellenführer Hertha empfing den Zweitplatzierten Kaiserslautern, der Aufstieg in die Bundesliga war zum Greifen nah. Als Axel Kruse in der 24. Minuten zur Führung traf, verloren 75.000 Zuschauer ihren Verstand und Steffen sein Teenagerherz vollends an die Blau-Weißen.

Dario erinnert sich ebenfalls genau an sein erstes Union-Spiel. Er reckt ein rotes Stadionheft in die Höhe, das er in einer Prospekthülle aufbewahrt. Es ist auch nach 44 Jahren noch faltenfrei. „Berliner FC Dynamo – 1. FC Union Berlin“ prangt auf der Titelseite. „Die Fans waren so gigantisch. Die haben 90 Minuten durchweg Stimmung gemacht. Seitdem hat mich das nie wieder losgelassen“, erinnert sich Dario. Union-Spiele seien seither Pflicht. „Das ist gebucht und notfalls verschieben wir auch mal eine Geburtstagsfeier etwas nach hinten.“

Wenn Dario über seine Eisernen spricht, kann und möchte er seine Begeisterung nicht für sich behalten. Bei sich auf dem Dorf steht ein etwa 100 mal 130 Meter großes Zeugnis seiner Leidenschaft, die er mit der Welt teilen möchte. Denn seit zehn Jahren bauen er und seine Frau Carmen ein Fußballstadion, das sie standesgemäß „Alte Försterei 2“ getauft haben. Die Idee dazu kam ihnen während der Fußballweltmeisterschaft 2010 in Südafrika. Schon damals engagierte sich das Paar in der nahegelegenen Dorfschule. Die Kinder wollten unbedingt Fußball spielen, es fehlte aber ein Fußballplatz.

Inzwischen organisieren Dario und Carmen Trainingseinheiten, Turniere sowie Heim- und Auswärtsspiele für die Kinder der Umgebung, alles natürlich in Union-Montur. „Wenn die Kleinen in ihren Trikots auflaufen mit einer Rückennummer drauf, die fühlen sich wie die Stars“, erzählt Dario. Um das Projekt aufrecht zu erhalten, sind sie auf Spenden angewiesen. Die Organisation und Finanzierung zehrt oft an den Kräften. Dennoch steht für Dario fest: „So lange wie ich lebe, wird das hier weitergehen.“

Wenn Dario seine Vereinsliebe mit Familiengefühlen vergleicht, klingt das bei ihm nicht nach abgedroschener Phrase. Denn mit Fußball schafft er eine echte Gemeinschaft: mit den Kindern der umliegenden Dörfer, mit den Freunden in der Ferne, selbst mit Herthanern in Südafrika: „Steffen, ich lade dich ein, egal wie das Spiel ausgeht!“, ruft er seinem Gegenüber im blau-schwarz gesprenkelten Trikot zu.

Und Steffen kündigt wirklich an, vorbeizukommen auf ein Bier in diesen 100 mal 130 Metern Berlin zwischen Straußenfarmen „jottwede“ in Südafrika.