Findet es schade, dass das Stadtderby am Sonntag in der Alten Försterei erneut ohne Fans stattfinden muss: Boxtrainer Ulli Wegner.
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Der dicke beigelederne Fernsehsessel von Ulli Wegner steht seit dem letzten Fußball-Länderspiel noch vor dem Fernseher in seinem Haus in Tegel. Der Boxtrainer hat ihn stehen gelassen: für das Berliner Stadtderby am Ostersonntag, wenn Hertha BSC beim 1. FC Union antritt (18 Uhr/Sky). „Ich hab mehr Ahnung vom Fußball als vom Boxen. Das ist ja immer mein Spruch“, sagt der 78-Jährige, der Boxer wie Sven Ottke, Markus Beyer, Arthur Abraham oder Marco Huck zu Weltmeistern gemacht hat. Im Keller bewahrt er ein abgegriffenes Büchlein mit dem Titel „Die ungarische Fußballschule“ auf. Dazu die gesammelten Sportbild-Ausgaben der Jahre 1954 und 1958. „Das muss jeder angucken, der bei mir war“, sagt Wegner. Für das Gespräch mit dem KURIER hat seine Frau Margret Zitronenkuchen besorgt. Ulli Wegner sagt, während er auf das Kaffeeservice deutet: „Auf dem Tisch steht unser bestes Porzellan.“

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Herr Wegner, Hertha oder Union. Für wen schlägt Ihr Herz?

Wegner: Ich freue mich, dass es dieses Stadtduell gibt. Das ist immer spannend. Mich beeindruckt, nicht erst seit den letzten zwei Jahren, die kontinuierliche Arbeit des 1. FC Union mit wenig finanziellen Mitteln. Da müssen viele leitende Funktionäre am Werk sein, die im Team gut zusammenarbeiten. Das fängt an der Spitze an. Das merken wir ja immer wieder, dass es auf eine gute Leitung ankommt. Ich kann nicht weiter reingucken, ich sehe ja nur die Leistungen. Wenn man nun überlegt, ob ein, zwei Union-Spieler bei Hertha ins Team hineinkommen könnten, ist das fraglich, ob sie es schaffen. Denn Hertha hat ja sehr gut veranlagte Fußballer für viel Geld eingekauft. Aber sie sind unter den Erwartungen geblieben. Ich fiebere jetzt mit Hertha, dass sie nicht absteigen. Das ist ja gar nicht so abwegig. Das kann passieren. Ich tippe auf ein Unentschieden. Denn Union ist für mich auch was Besonderes.

Weshalb?

Ich komme aus dem Osten. Union hat über Jahre guten Fußball gepflegt. Ich kenne viele Fußballer von früher persönlich aus den 1950er-, 60er-Jahren, als sie Pokalsieger wurden gegen Jena, 2:1 – das war eine Sensation. Ob Mäcki Lauck, Hoge, Uentz, Bethge, Prüfke, Leo Weiß im Tor, nachher Matthes, das waren alles sehr gute Spieler. Mit manchen von ihnen war ich im Urlaub.

Und was ist mit dem aktuellen Union-Kader?

Da merkt man, dass Trainer Fischer hervorragende Arbeit macht. Wie er das Team zusammengefügt hat, wie sie sich einsetzen, ihre Möglichkeiten voll ausnutzen, was man von Hertha nicht sagen kann. Ich bin auch beeindruckt von Fischers Konsequenz, dass er den Torwart drin lässt. Der Luthe hat jetzt im Sportstudio einen sehr guten Eindruck gemacht, sich hervorragend verkauft. Ich habe gar nicht gewusst, dass das so ein Hüne ist.

Nun findet das Derby schon wieder ohne Zuschauer statt.

Das tut mir ja so richtig leid. Und jetzt muss man mal überlegen, und darüber sollte sich Hertha Gedanken machen: Wie kann es sein, dass Union mehr Mitglieder hat als Hertha? Hertha hat tolle Fans, die für Hertha durchs Feuer gehen. Aber Union ist anders.

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„Union hatte schon mal so einen Verrückten wie Max Kruse: Jimmy Hoge“

Inwiefern?

Union hat, um in den Mittelpunkt zu kommen, den Kruse geholt. Fußballerisch ist er sehr gut. Er hat den Instinkt, auch Tore zu machen. Er geht ein bisschen aus der Mitte. Das tut Union gut. Er bringt Union aus dieser gleichförmigen Linie raus. Schlage ich die Zeitung auf, steht Kruse drin. Man sieht, dass er gute Qualität hat. Solange er sich ins Team einordnet, ist alles in Ordnung. Ich habe am Anfang gedacht, das wird problematisch für Union, weil der Verein anders geschmiedet ist. Aber Union hatte schon mal ’nen Verrückten, das war Jimmy Hoge. Der war so populär. Das war unwahrscheinlich. Wenn Trainer Schwenzfeier ihn draußen gelassen hat, und wenn sich Jimmy nur warm gemacht hat, haben schon alle getobt. Solche Spieler muss man entsprechend führen können als Trainer.

Urs Fischer kann das offenbar.

Trainer Fischer macht einen sehr überlegten, souveränen Eindruck. Seine Art überträgt er auf die Mannschaft, sonst käme der Erfolg nicht. Nicht nur der Trainer, das Team insgesamt stimmt. Taktisch ist der Trainer hundertprozentig für die Leistung verantwortlich. In dieser Hinsicht ist er alleinstehend. Er muss eine Strategie und Taktik vorbereiten, dass er siegt. Da darf er keinen Fehler machen. So wie ein Arzt, der operiert, auch keine Fehler machen darf. Du brauchst aber auch einen Assistenztrainer, den du überzeugst, dass er mit deiner Philosophie mitgeht.

Bundestrainer-Nachfolge: „Ralf Rangnick ist ein Ass“

Manchmal wird der Assistent dann sogar Nationaltrainer.

Wenn diskutiert wird über den Nachfolger von Löw, könnte das Matthäus machen. Kloppi soll in Liverpool seinen Auftrag erfüllen. Rangnick ist ein Ass. Wenn man überlegt, dass er mit Ulm aufgestiegen ist, wenn man verfolgt hat, was er in Hoffenheim gebaut hat … Wenn der Mittelstürmer nicht verletzt worden wäre, wäre er vielleicht auch noch Meister geworden. Überall, wo er war, hat er Spuren hinterlassen. In Schalke auch. Er ist nicht nur intelligent, gebildet, sondern auch verbohrt ehrgeizig. Den könnte ich mir als Bundestrainer gut vorstellen.

Sie haben in Ihrer Familie ein Union-Mitglied.

Meinen Urenkel, den Moritz. Sein Vati ist Union-Fan, dessen Vater auch. Da habe ich gesagt, den Moritz melden wir gleich an, wenn er geboren wird. Dann habe ich Christian Arbeit angerufen, ich kenne seinen Vati noch, der war Leichtathletik-Chef-Verbandstrainer in der ehemaligen DDR. Im Juli 2019 ist Moritz dann Mitglied von Union geworden.

Als Marcelinho (r.) und Pal Dardai (4. von rechts) noch bei Hertha spielten, brachte Ulli Wegner den Blau-Weißen das Boxen bei.
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Auch zu Hertha haben Sie eine gute Beziehung.

Ich hatte über Jahre ein Faible für Hertha. Die hatten großartige Fußballer. Dass sie immer in diese Zwangsjacke kommen, darüber sollten sie sich wirklich Gedanken machen. Natürlich bin ich ein Fan von Pal Dardai. Das gebe ich zu. Ich habe mich schon ein paarmal mit ihm unterhalten. Sein Auftreten ist beeindruckend. Er war als Spieler großartig. Man muss Dardai bewundern, dass er die Mannschaft übernommen hat, denn er hat einen guten Leumund. Ich habe ihm vorige Woche zum 45. Geburtstag ein paar kleine Handschuhe und meinen Film überreicht. Da hat er sich sehr gefreut. Ich liebe den ungarischen Fußball. In den 50er-Jahren war das mit Abstand die beste Mannschaft, obwohl sie im WM-Finale verloren hat. Ferenc Puskas hat mit links die Rückzieherfinte gemacht, ich als Junge mit rechts.

Und jetzt stimmt die Zusammenstellung der Hertha-Mannschaft nicht?

Natürlich braucht man für die Entwicklung einer Spitzenmannschaft ein bisschen Zeit, die man einem Trainer geben muss. Natürlich haben wir in der heutigen Zeit keine große Chance, auf eine Entwicklung zu warten. Darum kauft man ja auch immer gute Spieler ein, um erfolgreich zu sein. In unserer Hauptstadt ist gerade Hertha dafür auserwählt, eine Spitzenmannschaft zu werden. Dardai hat damals den 5. Platz gemacht. Das war eine tolle Leistung.

„Pal Dardai ist Berliner und ein Sympathieträger“

Was ist im Abstiegskampf wichtig als Trainer?

Natürlich das mentale Training. Du musst ein guter Psychologe sein, um die Fähigkeiten aus den Spielern herauszulocken. Man muss die Spieler an der Ehre krabbeln, jedem in die Seele reingucken. Das ist bei einer Mannschaft gar nicht so einfach. Man hat 22 Spieler. Elf stehen auf dem Platz, und wenn ein Reservespieler böse ist, dass er nicht aufgestellt wurde, muss der Trainer das verstehen. Wenn der Spieler nicht mal böse ist, dass er nicht spielt, hat er keine gute Einstellung. Dann muss er eben kämpfen. Gleichzeitig müssen die Spieler wissen, dass ihnen ein Trainer zur Verfügung gestellt wird, der ihnen den Erfolg garantiert.

Pal Dardai zum Beispiel.

Diese Fähigkeiten traue ich Dardai auf jeden Fall zu. Er hat auch eine große Chance, weil er schon Leistung gebracht hat. Er hat ein unwahrscheinlich sachliches Auftreten. Er sucht nicht die Schuld bei anderen, sondern versucht, das Bestmögliche aus der Situation herauszuholen. Er ist ein Berliner und ein Sympathieträger. Diese Aufgabe an die Spieler heranzutragen, ist eine schwere Arbeit. Da musst du Autorität ausstrahlen. Aber eines darfst du nie vergessen: Du musst einen, zwei Generäle auf dem Platz haben. Was mich am meisten beeindruckt ist, dass er endlich seinem Jungen eine Chance gibt, Marton Dardai. Der hat bewiesen, dass er eine gute Partie spielt und große Veranlagung hat. Es kommen Fragen: Ah, warum jetzt der Sohn? Aber das muss der Junge tragen. Wie Mick Schumacher. Sein Vater war eben ein ganz Großer. Und Pal Dardai, der die meisten Hertha-Spiele hat, konnte nicht nur am Ball etwas, er konnte auch das Team mitreißen.

„Dass sich die Spieler beim Jubeln umarmen, enttäuscht mich als Fan und als Trainer“

Das ist ohne Publikum vielleicht schwieriger als sonst in dieser Corona-Saison.

Wir in der Gesellschaft müssen 1,50 Meter oder 2 Meter Abstand halten. Da ist es nicht gut, dass die Trainer, die Verantwortlichen nichts dazu sagen, wenn sich die Spieler beim Jubeln umarmen. Das enttäuscht mich als Fan und als Trainer. Bei aller Freude finde ich das schrecklich. Das ist keine Vorbildwirkung – und die kleinen Kerlchen in der Regionalliga oder Oberliga dürfen nicht mal trainieren. Das ist eine Erziehungsfrage der Trainer.

Gibt es einen Boxkampf, mit dem Sie das Derby Union gegen Hertha vergleichen können?

Wenn ich gefragt wurde: Wer würde gewinnen beim Kampf Sven Ottke gegen Markus Beyer – beide eine Gewichtsklasse, beide Weltmeister, raten Sie mal, was ich gesagt habe? Derjenige, bei dem ich in der Ecke stehe. Ich will, dass Hertha nicht absteigt. Also bin ich für ein Unentschieden.