Trainer Urs Fischer ist seit zwei Jahren, sueben MOnaten und 17 Tagen bei Union im Amt. Foto: dpa

Wer sich ein klein wenig für internationalen Fußball interessiert, wird Diego Simeone kennen. Der Argentinier war ein großer Kicker: In der Albiceleste spielte er zusammen mit Fußball-Gott Diego Maradona, er bestritt für die Gauchos 104 Länderspiele, gewann bei Olympia 1996 Silber. In Spanien und in Italien holte er alle möglichen Titel. Seit zehn Jahren, nicht nur für Spaniens Primera Division eine Ewigkeit, coacht er nun Atletico Madrid.

Warum komme ich auf Simeone? Weil er ein menschlicher Vulkan ist. Wenn schon nicht am Kochen, dann am Köcheln und gefühlt kurz vor einer Eruption. Immer mindestens unter Hochspannung, am besten empfangen seine Antennen bei 100.000 Volt und seine Sender sind ebenso auf Turbo geeicht. Manche mögen das und bewundern es sogar, auch wenn es für einige was von Rumpelstilzchen hat.

So etwas, um den weiten Schwenk vom anderen Ende der Welt oder zumindest aus dem Südwesten Europas nach Köpenick zu machen, wäre in der Alten Försterei oder dort, wo Urs Fischer den 1. FC Union coacht, regelrecht undenkbar. Der Schweizer gehört zwar derselben Trainergeneration an wie der Argentinier, nur hat er hundert Länderspiele weniger bestritten als der und ist auch sonst dessen komplettes Gegenstück: ruhig, ausgeglichen, überlegend und vor allem sich selbst treu. Trotz der Verpflichtung von Rafal Gikiewicz und Sebastian Andersson im Sommer 2018, trotz der erfahrenen Zugänge Christian Gentner und Neven Subotic nach dem Aufstieg in die Bundesliga ein Jahr später und trotz der spektakulären Transfers von Robin Knoche, Loris Karius und vor allem Max Kruse vor dieser Saison – der eigentliche Königstransfer der vergangenen drei Spielzeiten heißt Urs Fischer.

Es ist unvorstellbar, dass sie diesen Coach in der Schweiz und speziell beim FC Basel nicht mehr gewollt haben. Denn Fischer kann eigentlich alles. Er kann Aufstieg und er kann, fast noch besser, mit einem eigentlich aussichtslosen Außenseiter Klassenerhalt. Zugleich kann er, die Hinrunde hat es gezeigt, die Großen ärgern. Er kann ein Team, da vor allem die Spieler von Nummer 12 bis 25, bei Laune halten. Zumindest motzt aus sportlichen Gründen keiner rum und auch sonst bilden die Rot-Weißen einen durch und durch verschworenen Haufen.

Von der vielleicht größten Stärke des rot-weißen Übungsleiters hat wahrscheinlich noch niemand so richtig was mitbekommen, weil sie in den zweieinhalb Jahren seines Wirkens in Köpenick noch nicht gefragt war. Denn wenn alles läuft, alles in Butter ist, die Punkte nur so auf die Habenseite kullern und alle sich gegenseitig auf die Schultern klopfen, ist es leicht, sich auf den Feldherrnhügel zu stellen und Kommandos zu geben. Egal was einer da macht, es flutscht. Manchmal sogar ohne eigenes Zutun. Aber wenn nicht, was dann?

Nach fünf Spielen ohne Sieg kann schon mal die Frage lauter werden, was denn plötzlich falsch laufe und welches Rädchen vielleicht nicht mehr wie geschmiert ins andere greift. Dann ist der Coach richtig gefragt. Dann muss er zeigen, was er nicht nur fachlich, sondern noch mehr menschlich auf dem Kasten hat und wie ausgeprägt seine Gabe ist, eine sportliche Delle vernünftig zu moderieren. Das, so der allgemeine Eindruck, passt. Warum? Weil Fischer authentisch bleibt, weil er so ist wie immer, weil er das fordert, was er sonst auch gefordert hat: Ordnung! Disziplin! Laufbereitschaft! Einsatzfreude! Zutrauen!

Vor allem auch, weil der Trainer nicht auf dicke Lippe macht und nicht auf Aktionismus. Er bleibt besonnen und darf auch deshalb ein ruhiges Gewissen haben, weil er und sein Team die Hausaufgaben erledigen. Zudem strahlt er Lockerheit aus, Vertrauen in die eigene Stärke und in die der Spieler. Es ist nahezu eine Art von Gottvertrauen. Fast so wie bei Wilhelm Tell, dem Schweizer Nationalhelden, als der von Landvogt Gessler gezwungen wird, mit einer Armbrust einen Apfel vom Kopf des eigenen Sohnes zu schießen, ansonsten müssten Vater und Kind sterben.

Womöglich gibt es bessere Vergleiche, weil Fußball ja kein Duell auf Leben oder Tod ist, sondern immer ein Spiel bleibt und nach Möglichkeit Spaß machen soll. Nur ist Fischer halt mal Schweizer. Trotzdem: Einen wie Tell könnten die Eisernen immer gut in ihren Reihen brauchen, jetzt aber ganz besonders. Sie sollten, auch um ihren Königstransfer noch mehr zu stützen, bald mal wieder treffen.