Union-Moment im Hinspiel: Bayern Münchens Torwart Manuel Neuer kann dem Ball nur hinterherschauen, die Eisernen gehen mit 1:0 in Führung. Foto: Imago/Matthias

Folgendes klingt ziemlich vermessen, ist zugleich aber eine wunderbare Momentaufnahme aus Sicht eines krassen Außenseiters in einem grandiosen Spieljahr. Es gibt zwei Teams, gegen die Dauer-Titelträger Bayern München in dieser Bundesligasaison nicht gewonnen hat. Um genau zu sein, noch nicht gewonnen hat, denn gegen beide besteht für den Rekordmeister die Möglichkeit, das geradezurücken. Das eine Team, reifere Jahrgänge werden das auf dem Schirm haben, denn dieses Duell war einst der Klassiker schlechthin, ist am Niederrhein zu Hause und heißt Borussia Mönchengladbach. Das andere Team, das ist die eigentliche Sensation, hat seine Heimstatt an der Wuhle und heißt 1. FC Union.

Zahlen lügen nicht

Es mutet, zugegeben, verrückt an, aber so ist das nun einmal mit der Statistik. Zahlen lügen nicht, heißt es. Im Falle der Eisernen ist das einerseits dem Spielplan zu verdanken, nach dem die Männer um Kapitän Christopher Trimmel erst im letzten Saisonviertel nach München müssen, andererseits, darauf dürfen die Rot-Weißen stolz sein, ihrem starken 1:1, das sie dem Fast-schon-wieder-Meister im Herbst abgetrotzt haben.

Damit kann ich mich am Sonnabend so gegen 17.20 Uhr, wenn die Partie abgepfiffen wird, zum Affen gemacht haben. Inzwischen weiß man aber, dass mit den Münchnern und auch gegen sie nahezu alles möglich ist, auch wenn es häufiger als gegen jeden anderen Gegner mit einer Klatsche endet. Wenn man aber den einen Tag erwischt, den perfekten, den einmaligen, den, der vielleicht über Jahre nicht wiederkommt, der manchmal ewig auf sich warten lässt oder für manche überhaupt nicht greifbar ist, dann … Kann ja sein, dass die Eisernen genau diesen einen Moment abpassen. Auch wenn das mit einem großen Vielleicht, einem noch größeren Eventuell und einem übernatürlichen Womöglich verbunden ist.

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Es sind Träume, klar, vor allem dann, wenn es gegen den 30-maligen Titelträger geht, eine Mannschaft, die hin und wieder einer Maschine ähnelt, ab und an aber trotzdem ihre sozusagen menschliche Seite offenbart. Deshalb: Warum sollte es nicht möglich sein? Und: Was könnte gerade an diesem 28. Spieltag der klitzekleine Vorteil für das Team von Urs Fischer sein?

Manches mag abgedroschen klingen, aber eine Wissenschaft ist Fußball nur zum Teil. Vieles ist Kopfsache, eine breite Brust, Unerschrockenheit. Selbst das größte Team ist verwundbar, sonst hätte Deutschland nie und nimmer 1954 Weltmeister, Chemie Leipzig 1964 nicht DDR-Meister, der 1. FC Magdeburg 1974 nicht Europapokalsieger, Sachsenring Zwickau 1975 nicht Pokalsieger, Borussia Dortmund 1997 nicht Gewinner der Champions League und der 1. FC Kaiserslautern 1998 nicht deutscher Meister werden dürfen. Außerdem – ganz wichtig für einen, der es mit Jimmy Hoge und allen anderen Helden von damals hält – hätten die Männer aus der Alten Försterei 1968 nicht das Monstrum von FDGB-Pokal gewonnen.

Eigentlich spricht nichts für Union

Was also spricht für den 1. FC Union? Nichts. Eigentlich. In Wahrheit aber doch einiges. Die Münchner müssen Mittwochabend in einem für sie wichtigen Match gegen Paris Saint-Germain alles geben und sind davon vielleicht ein wenig geschlaucht. Sie haben auf ihren ärgsten Verfolger ein Sieben-Punkte-Polster geschaffen und könnten deshalb einen Schritt weniger laufen. Mit Robert Lewandowski fehlt ihnen zudem jener Mann, der oft den entscheidenden Unterschied ausmacht. Zieht man die 35 Tore des Polen ab (theoretisch, klar, ein anderer hätte an seiner Stelle ja auch getroffen, nur nicht so oft), stünden die Münchner bei 44 Saisontoren – und damit in etwa auf Augenhöhe mit den Eisernen und ihren 41 Treffern. Nicht zuletzt müssen sich die Köpenicker, was die Anzahl der Gegentore angeht, hinter keinem verstecken, nicht einmal hinter den Bayern. Auch dass Manuel Neuer jüngst als erster Torhüter in der Bundesliga zum 200. Mal die Null gehalten hat (und das in 432 Spielen!), muss niemanden schrecken. Auch die Abwehr der Eisernen ist sprichwörtlich eisern, Liga-weit eine der besten und (zumindest noch) um zwei Gegentore besser als die, die vor dem Welttorhüter ihre Aufräumarbeiten verrichtet.

Egal wie es ausgeht, die Rest-Saison ist für die Rot-Weißen so gut wie Bonus. Mit 39 Punkten ist noch keine Mannschaft abgestiegen, da können die Pferde vor der Apotheke noch so viele Bauchkrämpfe bekommen. Umso schöner wäre ein Pünktchen. Das allein wäre das i-Tüpfelchen auf einer durch und durch außergewöhnlichen Saison und etwas für ein neues Kapitel im Buch der eisernen Glanztaten. Gelingt das, käme womöglich einer der vielen Quizmeister irgendwann auf die Idee, diese Wie-viel-auch-immer-Euro-Frage zu stellen: Gegen welches Team hat Meister FC Bayern in der Fußballbundesliga-Saison 2020/21 kein Spiel gewinnen können – Borussia Dortmund, RB Leipzig, Bayer Leverkusen oder 1. FC Union?

Es ist ein Traum, ganz klar. Trotzdem darauf ein Eisern!