Union-Keeper Andreas Luthe platzte bei der Rumhampelei von Kölns Stürmer Anthony Modeste kurzzeitig der Kragen.  Imago

Manchmal fällt es mir schwer, Fußballer ernst zu nehmen. Dabei wollen sie Profis sein, alle, durch und durch. Schaut jemand aber genauer hin, fällt manches in sich zusammen. Meist demaskieren sie sich sogar selbst. Damit meine ich nicht Cristiano Ronaldo, wie er sich die Hosenbeine fast bis in den Schritt zieht, um was auch immer damit auszudrücken. Ich meine auch nicht Mario Balotelli, der ein bestimmtes EM-Tor minutenlang mit bloßem Oberkörper feierte und den Eindruck erweckte, mit seinen Muskeln Ketten sprengen zu können. Das ist geschenkt und zumeist dem Adrenalin geschuldet, das ab und an die Sinne vernebelt.

Was ich meine, sind die oft weniger beachteten Dinge, hingeplapperte Nebensätze, winzige Gesten, geschauspielerte Verletzungen, subtile Andeutungen. Oder, wie bei Anthony Modeste, dem Doppeltorschützen für den 1. FC Köln beim jüngsten 2:2 gegen den 1. FC Union, blödsinnige Hampeleien.

Was erlauben Modeste? 

Einige mögen das, was der Franzose in Minute 17 getan hat, als Kinderei abtun. Ich finde es schlimmer, respektlos nämlich und unter der Gürtellinie. Wenn nämlich ein Torhüter, in dem Fall Andreas Luthe, bei einem gegnerischen Freistoß nur knapp außerhalb des Strafraums eine Abwehrmauer positionieren will und ein Gegenspieler dabei vor ihm – das Wort affig verbietet sich wahrscheinlich, trifft es trotzdem am besten – herumhampelt, um ihm die Sicht zu nehmen, ist von Achtung, Respekt und Fairplay nicht viel übrig. Giovanni Trapattoni, Grandseigneur der italienischen Trainer, hätte auf seine Art gefragt: Was erlauben Modeste?

Andreas Luthe ließ sich das unsportliche Verhalten nicht bieten und rüffelte Anthony Modeste.  Imago

Fußballer nehmen sich das einfach so heraus. Wahrscheinlich wäre dieses – ich komme kaum umhin – Affentheater nicht einmal bestraft worden, hätte Andreas Luthe, dieser besonnene Torhüter, nicht ein wenig die Beherrschung verloren und den Hampelmann weggestoßen. Fehlte nur noch, dass sich dieser 1,87-Meter-Hüne und 84-Kilo-Koloss beim Schubser hingeschmissen hätte.

In England würde einer nach einer solchen Eierei Spießruten laufen und selbst die Fans der eigenen Mannschaft würden sich fragen, ob so jemand noch alle Hühner im Stall habe. In anderen Sportarten ist das regelrecht verpönt und nahezu ausgeschlossen. Und wenn, dann gäbe es im Handball für den Anstifter mindestens eine Zeitstrafe und beim Eishockey würden glatt die Fäuste fliegen.

Was läuft im Fußball falsch? 

Hat jemand wie der Acht-Tore-Stürmer der Geißböcke (nur Bayerns Robert Lewandowski und Dortmunds Erling Haaland sind aktuell besser) so etwas nötig? Soll er seine Treffer ausgelassen feiern, es sei ihm gegönnt. Wenn er dabei wie nach dem 2:2-Ausgleich Steffen Baumgart, seinem Coach, die Schiebermütze vom Kopf reißt, um sie sich selbst aufzustülpen, ist das lustig und dem Augenblick geschuldet. Sie wissen schon, Männer und das Adrenalin … Andererseits frage ich mich, was angesichts des Unfugs vor dem Freistoß nicht richtig zusammengefädelt wurde zwischen Schussbein und Kopfball. Größe zeigt sich anders. Da bin ich ganz bei Unions Torhüter und dessen „anderem Verständnis von Fairplay“.

Das nährt bei Feinden dieses Sports die Meinung, Fußballer seien sowieso und schon immer ein wenig unterbelichtet. Was im Übrigen, Untersuchungen haben das vor Jahren ergeben, nicht stimmt. Fußballer bilden den Durchschnitt der gesamten Bevölkerung ab, nicht mehr. Gibt es unter ihnen mehr schlichte Gemüter als vielleicht im Volleyball oder im Basketball, beim Hockey oder beim Reiten, dann zum Großteil nur deshalb, weil es mehr Fußballer gibt.

Köln-Fans pfeifen aufs Fairplay

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Was mich fast noch mehr beschäftigt und während der Partie in Müngersdorf regelrecht aufgewühlt hat, ist die Reaktion des Publikums. Da wird nicht der Provokateur ausgebuht und bei jedem Ballbesitz mit tausendfachen Pfiffen bedacht, sondern der, der schlichtweg das eingefordert hat, was sie sonst alle predigen: Fairplay. Hat das auf den Rängen mit dem monatelangen Entzug zu tun und mit damit verbundener Wahrnehmungsstörung? Oder ist bei manchen die Vereinsbrille derart stark gefärbt, dass dahinter kein Licht mehr brennt?

Vereine und ihre Anhänger – ich weiß, dass das mit ganz viel Glatteis verbunden sein kann. Bis zum Bibelgleichnis, dass derjenige, der ohne Schuld ist, den ersten Stein werfen möge, ist es nicht weit. Da sollte am besten – auch in Köpenick hatten sie schon genug Stress mit angeblichen Fans, jüngste rassistische Ausfälle und deutschlandweite Stadionverbote inklusive – jeder vor seiner eigenen Haustür kehren.

Pfeifkonzerte, Schweigeminuten und ähnliche seriöse Anlässe ausgenommen, gehören im Fußballstadion durchaus dazu. Aber Pfiffe aus derart hinterhältigem Anlass und in dieser Heftigkeit lassen mich erschrocken und ein wenig ratlos zurück.

Dann doch lieber Cristiano Ronaldo, selbst wenn er sich die Hosenbeine bis auf Höhe seines Bauchnabels zieht. 

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