Urs Fischer, Erfolgscoach des 1. FC Union, spricht exklusiv im Kurier über die letzten vier Jahre bei den Eisernen. Foto: Imago

KURIER: Herr Fischer, in der vergangenen Saison hat Union sich in der letzten Minute des letzten Spiels für Europa qualifiziert, dieses Jahr ist es sogar früher passiert. Müssen Sie sich bei dieser Entwicklung manchmal kneifen?

Urs Fischer: Nein, aber es ist trotzdem außergewöhnlich. Es ist immer gut, sich daran zu erinnern. Aber kneifen muss ich mich nicht, denn dafür betreiben wir viel Aufwand. Wir wollen erfolgreich sein. Dafür unternehmen wir alles. Sich im dritten Jahr zum zweiten Mal für das internationale Geschäft zu qualifizieren, ist außergewöhnlich.

Aber diese außergewöhnliche Entwicklung war bei Ihrer Vertragsunterschrift sicher nicht als Vision im Kopf.

Nein, das sicher nicht. Im ersten Jahr war die Vorgabe, sich tabellarisch zu verbessern und eine Stabilität reinzubekommen. Am Schluss hat es sogar für den Aufstieg gereicht. Natürlich geht man in eine Spielzeit mit Ambitionen und will etwas erreichen. Aber in erster Linie galt es, etwas zu stabilisieren, denn in der Spielzeit davor hat sich erst kurz vor dem Saisonende entschieden, dass Union in der Liga bleibt.

Fischer schielt weiter auf Freiburg, Mainz und Augsburg

Es heißt oft, dass man im Erfolg die größten Fehler macht – wie haben Sie es geschafft, die nicht zu begehen?

Wenn es läuft, sei wachsam. Tue mehr, wie wenn es nicht läuft. Das ist ein Prinzip von mir, das lebe ich auch. Es hat aber nicht mit mir allein zu tun. Es galt für den ganzen Verein wach zu bleiben, dran zu bleiben.

Seitdem er den 1. FC Union führt, geht es bei den Eisernen steil bergauf: Eefolgscoach Urs Fischer. imago/Matthias Koch/Sebastian Räppold

Union geht im Sommer in seine vierte Bundesliga-Saison. Wo sehen Sie das Limit in der Entwicklung?

Es hat immer mit den Möglichkeiten zu tun, die man vorfindet. Wo das hingeht, ist immer schwierig zu sagen. Wichtig ist, dass man im Jetzt versucht, nichts falsch zu machen. Aber natürlich versucht man, sich zu entwickeln. Der ganze Klub hat sich in den drei Jahren Erste Liga entwickelt. Da kamen viele Dinge dazu, gerade im ersten Jahr hat man viele Erfahrungen gesammelt. Aber das hört nie auf. Mainz, Augsburg und Freiburg sind gute Beispiele, wie man eine Konstanz hinbekommt, um Teil dieser ersten Bundesliga zu sein und zu bleiben.

Würde ein zweites internationales Jahr etwas an der sportlichen Orientierung des 1. FC Union ändern?

Was sagen denn Vereine wie Augsburg, Mainz oder Freiburg? Christian Streich hat zu Beginn der Saison vom Klassenerhalt gesprochen. Und jetzt kommen wir nach drei Jahren und weil wir zweimal international vertreten sind und sagen, dass nach vier, fünf Jahren in der Bundesliga der europäische Wettbewerb Pflicht ist oder wir dort vielleicht noch überwintern? Das hat für mich nichts mit der Realität zu tun und das heißt dennoch nicht, dass wir nicht ambitioniert bleiben.

Fischer setzt weiter nur auf Klassenerhalt

Es ist ja aber die Frage, ob sagt, man möchte den Klassenerhalt schaffen oder wir wollen mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben. Das wäre von der Herangehensweise etwas forscher.

Das ist für mich immer noch das Gleiche. Da bedarf es einiger geruhsamerer Jahre, dass man ein Selbstverständnis und auch die Möglichkeiten dafür entwickelt, so zu denken. Aber wenn man sieht, wer alles hinter uns ist: Wolfsburg und Hertha BSC sind etwa zwei Vereine mit ganzen anderen Möglichkeiten und bei Hertha ist es immer noch eng.

Sie verbessern aber trotzdem Ihre Möglichkeiten durch die Erfolge der vergangenen Jahre, weil mehr Etat möglich ist. Sie können bei Spielerkäufen in anderen Regalen denken, als noch in der 2. Bundesliga.

Wenn man europäisch spielen kann, wird man attraktiver für die Spieler. Aber vor allem haben wir eine Attraktivität aufgrund dessen, wie der Verein lebt. Aufgrund seiner Prinzipien und seiner Philosophie. Aufgrund dieses Stadions und unserer tollen Fans. Das darf man nicht außer Acht lassen. Natürlich kommt da sportlicher Erfolg hinzu, aber in erster Linie geht es um das Gesicht dieses Klubs. Das ist etwas, das für zukünftige Spieler etwas wert ist. In unserem ersten Jahr konnte sich niemand die Verpflichtung von Neven Subotic vorstellen – viele hätten Oliver Ruhnert für verrückt erklärt, ihn überhaupt zu fragen. Aber er hat gefragt und ein Spieler seines Renommees hat sich für uns entschieden. Christian Gentner ist ein gleiches Beispiel – der wollte eventuell seine Karriere beenden und hat sich für Union entschieden. Oder Max Kruse – ich glaube, und das hat nichts mit dem internationalen Erfolg zu tun, dass die Adresse 1. FC Union interessant ist.

Wie sehr hilft es bei der Verpflichtung von Spielern, dass sie sehen, wie sich etwa ein Nico Schlotterbeck beim 1. FC Union entwickelt hat und mittlerweile Nationalspieler geworden ist?

Das ist natürlich individuell und kommt auf jeden einzelnen Spieler an, warum er sich für einen Wechsel zum 1. FC Union entscheidet. Sicherlich zum einen, weil er die Aussicht auf mehr Spielzeit hat, aber auch, weil er einfach Bock hat. Ich glaube, all die neuen Spieler, die zu uns gestoßen sind, haben sich immer innerhalb von kürzester Zeit – da spreche ich jetzt von zehn Tagen, zwei Wochen – bei uns wohlgefühlt. Weil sie entsprechend aufgenommen wurden, weil man versucht hat, ihnen das Leben so leicht wie möglich zu machen, sich schnellstmöglich einzugewöhnen. Dazu sind bei uns die Wege sehr kurz. Man läuft schnell 50, 60 Meter auf das Trainingsfeld, das Forsthaus ist da, die Kabine ist da, Gym und Wellnessbereich sind kurz erreichbar. Also ja: Union hat viel zu bieten und es hat nicht nur mit dem sportlichen Erfolg zu tun.

Sie sagten gerade, dass viele Spieler gekommen und durch die Bedingungen besser geworden sind. Sie verstehen sich als Lehrer, im Sinne des Verbesserns der Spieler. Wie weh tut es, wenn Sie einen Spieler wie Suleiman Abdullahi haben, der einen Körper wie Taiwo Awoniyi und die Geschwindigkeit von Sheraldo Becker hat, und trotzdem nicht in die Spur kommt?

Es gibt auch mal Beispiele, wo es nicht funktioniert. Entscheidend ist, dass er und wir es versuchen und wie man miteinander umgeht. Es wäre schön, wenn wir 30 oder 40 Spieler, die wir verpflichten, so weiterentwickeln können, dass sie den nächsten Schritt machen können. Es geht aber nicht immer auf. Wir versuchen jeden Spieler besser zu machen, weil es uns ja auch hilft, uns als Team zu entwickeln.

Unions Trainer Urs Fischer (l.) legt großen Wert darauf, dass sein Trainerstab ein Teil des Erfolgsgeheimnisses ist. dpa/Jan Woitas

Urs Fischer nervt der alljährliche Neuaufbau

Aber sie haben einige Spieler insoweit besser gemacht, dass etabliertere Vereine wie Hoffenheim, Leverkusen oder Frankfurt diese Spieler verpflichtet haben. Ist das Fluch und Segen zugleich, ein indirektes Lob für die Arbeit hier oder nervt es, jedes Jahr aufs Neue etwas aufbauen zu müssen?

Es ist schon ein Lob und es nervt, logisch. Auch in der neuen Spielzeit wird es wieder Veränderungen geben. Aber: Das ist eine neue Herausforderung, eine neue Challenge (lacht). Spieler wie Robert Andrich, Max Kruse oder Marvin Friedrich zu verlieren, ist hart. Dazu noch Christopher Lenz, Christian Gentner und Marcus Ingvartsen, der für uns wichtig war – da spricht man schnell von sechs, sieben Stammspielern, Achsenspielern, die wegfallen. Und da kommt noch Grischa Prömel für die neue Spielzeit dazu. Man verliert ein Gerüst, aber es ist eine Herausforderung für die neuen Spieler und die, die dableiben.

Man spricht ja aber auch von Abnutzung, wenn jemand so lange da ist als Trainer. Sie haben jedes Jahr eine halbe neue Mannschaft, da kann keine Abnutzung eintreten. Ist das ein positiver Nebeneffekt?

(lacht) Logisch, logisch. Wenn man den Trainer nicht wechselt, muss man die Mannschaft wechseln.

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