Union-Stürmer Taiwo Awoniyi fühlt sich in Köpenick und bei den Eisernen pudelwohl.  Imago

Heimat ist ein großer Begriff, manchmal ein fragiler dazu. Das klingt philosophisch und das ist es ja auch. Jeder mag etwas anderes mit Heimat verbinden. Familie auf jeden Fall, Eltern vor allem, Geschwister, Oma und Opa, die vertrauten Ecken der Kindheit, die Sitten und Bräuche, die Kultur, die Kleidung, die Musik und die Geräusche der Straße oder des Waldes, aber auch das Essen, der Geschmack der Luft und selbst die Gerüche.

Am besten, wohl auch am schmerzlichsten weiß das jemand, der seine Heimat verloren hat.

Womit ich bei Taiwo Awoniyi wäre, dem derzeit überaus stabilen Angreifer des 1. FC Union. Nein, den inzwischen 24-Jährigen hat niemand verschleppt, er ist nicht auf der Flucht und er kann gefahrlos zurück nach Nigeria, nach Ilorin, in die 1,15-Millionen-Einwohner-Metropole im Westen des Landes. Insofern benötigt der Stürmer kein Mitleid, er ist aus freien Stücken in die Welt gezogen, auf einen anderen Kontinent, in einen anderen Kulturkreis, auf jeden Fall ganz fern von Zuhause. Sein Plan bestand aus dem Willen, etwas aus sich zu machen, ein guter, ja großer Fußballstar zu werden, dem es gelingt, sein enormes Talent – Awoniyi hat 2013 sein Team mit vier Toren in sieben Spielen zur U17-Weltmeisterschaft geschossen und ist mit Nigeria sowohl U20- als auch U23-Afrikameister geworden – zu vergolden.

Unions Awoniyi spielte nie an Liverpools Anfield Road 

So weit, so gut. Irgendwie ist das Taiwo Awoniyi auch gelungen. Nur eben nicht so, wie er sich das im Grunde seines Herzens erträumt hat, als er mit 18 Jahren nach Liverpool gekommen ist, zu den Reds in die Anfield Road. Dorthin, wo Fußball noch so ursprünglich zu sein scheint wie in den Gründerjahren. An jenen Ort, an dem das „You`ll Never Walk Alone“ zur unschlagbaren Hymne geworden ist. Das Dumme nur ist: Wann auch immer in der Zeit seit Sommer 2015 dieser Gänsehaut-Song erklang, nie hat Awoniyi dabei auf dem Rasen gestanden. Schlimmer noch: Obwohl er sieben Jahre Teil der Reds-Familie gewesen ist, dazugehört hat er nie.

Wie ein schwarzes Schaf muss er sich vorgekommen sein, ausgestoßen fast, ein Außenseiter, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte und den sie in Europa herumgeschubst haben: erst zum FSV Frankfurt in Deutschlands zweite Liga, dann zum NEC Nijmegen in Hollands Eredivisie, nach Belgien zu Royal Excel Mouscron und zu KAA Gent, zurück nach Mouscron, schließlich in die deutsche Bundesliga nach Mainz. Die Liste der Trainer aber ist viel länger als die seiner Vereine. Überall hatte er in jedem Spieljahr mindestens zwei, in Mainz damals drei. Nur der, der seit nunmehr auch sieben Jahren bei seinem eigentlichen Stammverein das Kommando hat, Jürgen Klopp, hatte mit ihm am wenigsten zu tun.

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Auch beim 2:2 bei der TSG Hoffenheim war wieder auf ihn Verlass: Taiwo Awoniyi traf für den 1. FC Union zum 2:2. 

Kann einer unter diesen Umständen, mit immer anderen Sprachen, mit immer anderen Trainern, mit immer anderen Spielsystemen, heimisch werden? Unmöglich!

Nun aber, in seinem zweiten Jahr beim 1. FC Union und erstmals von einem Verein nach dem Null-Spiele-Reinfall Liverpool fest verpflichtet, scheint Awoniyi zu sich selbst zu finden. Natürlich wird ihm auch hier manches nicht vertraut sein, aber immerhin sollte sich Tag für Tag und Spiel für Spiel ein etwas wohligeres Gefühl einstellen: nicht das von Heimat, das geht nicht auf Knopfdruck, zumindest aber vom Angekommen sein. Weg vom Globetrotter und hin zum Eisernen. Oder wie sie an der Wuhle auch sagen: Paris, Rom, Erkner – für Awoniyi ist es in Köpenick am allerschönsten.

Dass Gefühle auf Leistung durchschlagen, weiß schon jeder Abc-Schütze. Das ist bei Sportlern, mögen sie sich noch so professionell wähnen, zumindest ähnlich. Wenn es um Emotionen geht, kann kaum jemand aus seiner Haut. Je höher der Wohlfühlfaktor, desto größer die Wahrscheinlichkeit, Dinge zu vollbringen, die zuvor kaum denkbar schienen. Sie wissen schon, Berge versetzen und so.

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Gönnt Urs Fischer Taiwo Awoniyi eine Pause?

Hat Taiwo Awoniyi deshalb so einen Tore-Lauf? In drei Spielen hintereinander hat er getroffen, zwei der drei bisherigen Saisontore in der Bundesliga kommen auf sein Konto und zwei gegen Kuopio aus dem Play-off-Hinspiel für Europa. Wer weiß, vielleicht gelingt ihm morgen im Rückspiel gegen die Finnen erneut eine Bude.

Womöglich aber, das Ding mit der Gruppenphase sollte bei allem Respekt vor dem Gegner angesichts eines 4:0-Polsters geritzt sein, spielt er auch nicht. Vielleicht gönnt Urs Fischer dem derzeit besten Knipser eine Pause. Der Trainer ist es nämlich, der beim oft herumgeschubsten Stürmer den richtigen Ton getroffen hat. Es ist für den Schweizer Coach so etwas wie ein Ritterschlag, wenn ein Spieler, wie Awoniyi es getan hat, ihn „Vaterfigur“ nennt.

Vater, das hat ganz viel von Heimat, von Zuhause, von Gefühl, von Wärme und von Geborgenheit. Insofern ist Köpenick für Taiwo Awoniyi die wirklich beste Adresse außerhalb von Ilorin. 

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