Ein gewohntes Bild dieser Tage: Die Profis des 1. FC Union feiern gemeinsam einen Sieg. Foto: City-Press/Mathias Renner

Langsam wird es unheimlich, was sich in Köpenick oder dort tut, wo der 1. FC Union gerade zeigt, was er draufhat. Dass die Rot-Weißen erneut, wie in der Vorsaison schon, in Bremen gewonnen haben, entlockt manchem lediglich nur ein lockeres Zucken mit der Augenbraue. Es ist im siebten Auswärtsspiel der dritte Dreier gewesen. Soll heißen: Keine Aufregung bitte, alles im normalen Bereich.

Ist es aber nicht. Nicht heute, nicht morgen und auch nicht übermorgen. Fußball ist und bleibt ein Tagesgeschäft. Mal so, mal anders. Diese Woche gewinnt der, in der nächsten Woche jener, auch wenn manchem das öfter und einem anderen dafür seltener glückt. Dass es jedoch ein Team, eigentlich noch immer ein Greenhorn, gibt, dem es derart grandios gelingt wie den Männern um ihren Kapitän Christopher Trimmel, ist phänomenal. Es ist ein Traum, es ist ein Märchen.

Mehr Torschützen als die Bayern

Es ist dennoch eines, das real ist, mit Zahlen und Daten unterfüttert. Nicht mit jenen aus irgendeiner Datenbank, weil zum Beispiel Ballbesitz eine ganz gefährliche Größe ist und ein Zwei-Drittel-Anteil noch lange keine Garantie für einen Sieg darstellt. Die belastbaren Zahlen jedoch zeigen: Union ist bei Toren mit 29 (nur die Bayern haben mehr) wie bei Gegentoren mit 18 (allein Leipzig, Leverkusen und Wolfsburg, am Sonnabend in der Alten Försterei der nächste Gegner, stehen besser da) sensationell gut dabei. Dass der Gestern-noch-Neuling neben den Bayern zudem in jedem bisherigen Spiel getroffen hat, ist außergewöhnlich und nicht zu fassen, zumal die Eisernen (sollte es am Saisonende noch immer so sein, plädiere ich für einen zusätzlichen Punkt) zwölf Torschützen in ihren Reihen haben und die Münchner nur elf …

Dabei gibt es nicht wenige, die einen Absturz prophezeit haben. Gerade im eigentlich so viel komplizierteren zweiten Jahr und spätestens nach der Niederlage im Stadtderby. Der Gründe gab es viele damals: Max Kruse verletzt, Joel Pohjanpalo auch, Christian Gentner nicht einsatzfähig, Robert Andrich gesperrt, Marcus Ingvartsen, Nico Schlotterbeck und Anthony Ujah außer Gefecht. Dem Anschein nach führen sie in der Alten Försterei die angebliche Fußball-Weisheit mit diesem komischen zweiten Jahr gerade so was von ad absurdum, dass mögliche Absteiger schon jetzt an völlig anderen Orten gesucht werden sollten.

So weit hergeholt ist das trotzdem nicht mit dem Fluch des zweiten Jahres. Viele, sehr viele Teams hat es erwischt, als sie das Gröbste überstanden glaubten und sich auf halbwegs sicherem Gelände wähnten. Als junger Mann habe ich, wenn auch nur mit dem Blick ins Westfernsehen, mich darüber gewundert, dass der Wuppertaler SV als Neuling 1973 Vierter geworden ist und die damals gerade ganz groß werdende Borussia aus Mönchengladbach mit Günter Netzer und Berti Vogts, Rainer Bonhof und Uli Stielike, Allan Simonsen, Henning Jensen und vor allem auch Jupp Heynckes hinter sich gelassen hat. Was aber kam danach? Uefa-Cup mit dem Aus in Runde eins gegen die Polen von Ruch Chorzow, Rang 16 in der Bundesliga und die Gerade-so-Rettung gegenüber Fortuna Köln, ein Jahr später das tatsächlich böse Erwachen: 12:56 Punkte, krachender Letzter, noch heute die zweitschlechteste Ausbeute nach Tasmania Berlin neun Jahre zuvor. Um den Horror fortzusetzen: Das vorerst letzte Zweitligaspiel der Wuppertaler fand vor gut 27 Jahren statt und aus Liga 3 ist der WSV vor elf Jahren verschwunden.

Selbst in der jüngeren Vergangenheit gibt es diese Beispiele wie Sand am Meer. Fortuna Düsseldorf landet 2019 auf Rang 10 und schmiert danach auf 17 ab; der VfB Stuttgart wird 2018 mit 51 Punkten Siebter und muss 2019 (Union-Fans erinnern sich gern) in die Relegation; Ingolstadt und Darmstadt werden 2016 Elfter und Vierzehnter, zwölf Monate danach steigen beide wieder ab; Kaiserslautern hat 2011 als Siebter scheinbar die Kurve bekommen, leistet sich aber 2012 als Letzter eine Bruchlandung und wird in der Bundesliga wahrscheinlich so schnell nicht wiedergesehen. Viele andere lassen ebenfalls grüßen.

Staunen ist erlaubt

Sicher sollte man sich seiner Sache nie sein, auch nicht als Tabellenfünfter. Im Kleinen wissen die Eisernen nämlich, wie sich das anfühlt, wenn eine ziemlich komfortable Situation anfängt zu wackeln. Vorige Saison, die zeitlich natürlich anders lief als die jetzige, standen nach 14 Runden nicht wie aktuell 24, trotzdem durchaus angenehme 19 Punkte zu Buche. Danach aber gab’s aus vier Spielen (1:1 in Paderborn, 0:2 gegen Hoffenheim, 1:2 in Düsseldorf, 1:3 in Leipzig) nur noch einen Zähler. Was das heißen mag? Demütig bleiben, Jungs, jeden Tag! In jedes Spiel so gehen, als fingen alle bei null an. Für jeden Punkt hart malochen und jeden Sieg als Geschenk sehen.

Nur Normalität sollte die Bundesliga nicht werden in Köpenick oder dort, wo der 1. FC Union gerade zeigt, was er draufhat. Ein klein wenig staunen darf man trotzdem.