Der 1. FC Union jubelt, der VfB Stuttgart liegt am Boden. Die Eisernen waren einer von nur drei Zweitligisten, die sich in den K.-o.-Duellen gegen die Bundesligisten durchsetzen konnten. imago/Sportphoto Rudel

Die Tabelle lügt nicht, sagt man gern. Vor allem dann, wenn 34 Spieltage vorbei sind und Meister sowie Absteiger feststehen, weil die Saison manches, ob eine Prise Glück hier oder eine Portion Ungerechtigkeit da, ausgleicht. Eigentlich. Manchmal aber lügt die Tabelle doch. Nicht im Falle des 1. FC Union, der bannig stolz sein darf auf seine beste Erstliga-Platzierung, denn besser waren die Eisernen selbst in der DDR-Oberliga (1970/71 sprang auch da Rang 5 heraus) nicht. Sonst aber schon. Dann, wenn es um den Drittletzten in der Bundesliga und um den Dritten der Zweiten Bundesliga geht. Das Stichwort heißt Relegation. In den Augen vieler ist die nämlich eine Krux, denn sie hat was brutal Ungerechtes.

In diesen beiden Spielen treffen Fluch und Segen aufeinander. In geballter, ursprünglicher Form und mit geradezu brachialer Wucht. Die Eisernen haben diese Tortur gemeistert. Sie sind von unten gekommen und haben es nach oben geschafft. Aber: Seit diese Form der Relegation 2009 wieder eingeführt wurde, haben es neben den Männern aus der Alten Försterei in 13 Anläufen nur zwei weitere Zweitligisten gepackt, den letzten Schritt zu gehen. Gleich beim ersten Mal ist es dem 1. FC Nürnberg gelungen und drei Jahre später Fortuna Düsseldorf. Andersherum: Vor und nach den Eisernen haben acht (!) Zweitligisten gehofft, gebangt, gezittert, gelitten und am Ende geflucht und in den meisten Fällen auch geheult. Es ging Kaiserslautern so und Greuther Fürth, Karlsruhe und Nürnberg, Heidenheim und gleich zweimal Kiel.

Relegation ist ungerecht

Was eine verpasste letzte Chance mit einem etablierten Zweitligisten, der in vielen Jahren zuvor grandios aufgestiegen wäre, anrichten kann, haben der Karlsruher SC und Eintracht Braunschweig bitterböse erfahren. 2015 standen die Badener kurz vor dem Aufstieg, zwei Jahre später waren sie Drittligist. Da gerade war Braunschweig nahe dran am Oberhaus, einen Punkt nur schlechter als Direktaufsteiger Hannover, aber sechs Zähler besser als der Tabellenvierte, damals der 1. FC Union. Das knappe Scheitern mit zwei 0:1-Niederlagen, die gegen den Niedersachsen-Nachbarn VfL Wolfsburg auch noch doppelt wehtaten, führte ein Spieljahr später zum Durchfall in die Dritte Liga.

Na gut, in anderen Sportarten, so im Eishockey, Basketball und im Volleyball, gibt es Play-offs. Die Eisbären sind zum Glück Meister geworden, verdientermaßen, denn nach 56 Punkterunden (sie spielten sogar eine weniger) waren sie Erster. Aber auch die Kölner Haie besaßen als Tabellenzehnter, astronomische 38 Punkte schlechter als die Männer aus Hohenschönhausen, noch die Chance. Was ist daran gerecht?

Ganz so schlimm ist es im Fußball nicht, trotzdem stellen die zweimal 90 Minuten samt möglicher Verlängerung (hat es schon einmal gegeben) und Elfmeterschießen (hat es zum Glück noch nicht gegeben, das wäre die Steigerung von brutal) das Spieljahr oftmals auf den Kopf, Ausschreitungen, ja Randale inklusive.

Ein Zweitligist, der eine sensationelle Saison hinlegt, die beste vielleicht seiner Vereinsgeschichte, wird oft in allerletzter Minute weggegrätscht. Ein Erstligist, der eine miese 34-Spiele-Runde absolviert, die womöglich grottigste seiner Historie, darf häufig durch die Hintertür zurückschleichen. Kann das jemand, außer er schielt auf den Kommerz der zwei zusätzlichen TV-Spiele, ernsthaft wollen?

Union stieg ohne eigene Führung auf

Als dieser Tage jemand laut darüber nachdachte, den Meister im Fußball in Play-offs zu ermitteln, wurde das schnell als Schnapsidee abgetan. Dabei ist das nichts anderes als Relegation, nur auf etwas anderer Ebene und dass sich die Kleinen, in diesem Fall die Zweitligisten, nicht derart laut wehren.

Die Eisernen haben vor drei Jahren neben ganz viel Können auch ein wenig Glück gehabt. An ihrem Beispiel werden Fluch und Segen dieser Nervenkiste noch sichtbarer als anderswo. Als Zweitliga-Dritter waren sie bei Punktgleichheit kaum fühlbare fünf Tore schlechter als Direktaufsteiger Paderborn. Danach wiederum haben sie gegen den VfB Stuttgart nie (!) geführt. Beim 2:2 im Ländle glichen Suleiman Abdullahi und Marvin Friedrich einen zweimaligen Rückstand aus. Beim 0:0 im Rückspiel lag der Ball sogar im Kasten von Rafal Gikiewicz, und nur weil VfB-Stürmer Nicolas Gonzalez dem Union-Torhüter die Sicht nahm, wurde der Treffer annulliert. Auch gab damals noch die Anzahl der Auswärtstore den Ausschlag. Ansonsten: Wer weiß …

Um den seidenen Faden weiterzuspinnen: Um ein Haar wäre eine zuvor einmalige Zweitliga-Saison in Köpenick für die Katz gewesen. Was danach in der Alten Försterei passiert wäre, steht in den Sternen. Eines jedenfalls ist klar: Die rot-weiße Erfolgsgeschichte mit den Rängen 11, 7 und 5 und der zweimaligen Qualifikation für Europa hätte es nie gegeben.

Nach drei Jahren kommt die Relegation nun also wieder nach Berlin, anders als 2019 ans andere Ende der Stadt und auch anders als damals kommt das Berliner Team diesmal von oben. Wie auch immer es ausgehen mag, die Eisernen sind indirekt ja ebenfalls dabei. Immerhin steht die Zukunft der Derbys auf dem Spiel. Vielleicht schaut man in solch elementarem Fall, Ungerechtigkeit einer Relegation hin oder unverdiente Zusatzchance her, etwas milder auf den eigentlichen Erzfeind.

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