Derby-Sieger, Pokal-Viertelfinalist und erneut auf Europa-Kurs: Die Profis des 1. FC Union lassen sich zu Recht feiern.  Imago

Langsam wird es unheimlich, was an und in der Alten Försterei passiert. Woche für Woche liefert der 1. FC Union ab, macht selbst Experten sprachlos und lässt die Gegner ratlos, wenn nicht frustriert zurück. Platz 4 nach 20 Spieltagen, in der Rückrunde bei sieben Punkten aus drei Spielen noch ungeschlagen, obwohl die Gegner mit Leverkusen (1:1), Hoffenheim (2:1) und Mönchengladbach (2:1) ziemlich handverlesen waren. Sie alle haben gefühlt erst gestern oder vorgestern in der Champions League gespielt, Hoffenheim in der Saison 2018/19, Leverkusen ein Jahr später und die Gladbacher wiederum eine Saison danach. Es ist absolut erste Sahne, was die Rot-Weißen auf den Rasen zaubern. Vom souveränen Sprung ins Viertelfinale des DFB-Pokals ganz abgesehen. Mehrmals zwicken bitte!

Stellt sich nahezu automatisch die fast bange Frage: Wohin, bitte, soll das noch führen?

Es gibt sie durchaus, diese Kometen. Sie schnuppern Höhenluft, haben vielleicht mal einen goldenen Jahrgang oder, wenn es ganz prima läuft, eine goldene Generation. Damit sind nicht einmal die Ein-Jahres-Fliegen gemeint wie Ulm und VfB Leipzig, Fortuna Köln oder Blau-Weiß 90. Auch nicht Unterhaching und die Stuttgarter Kickers, Wuppertal, Neunkirchen und Homburg, die vor einiger Zeit zwei oder drei Jahre für Abwechslung in der Bundesliga sorgten und, der eine etwas mehr, der andere etwas weniger, ihre Farbtupfer setzten. Irgendwann aber bröselt es, sei es auch nur, dass das Spielglück verlorengeht.

Union wird für viel Ungemach entschädigt

Beim 1. FC Union scheint es hingegen so, als sollten die Eisernen für all das Ungemach, das ihnen in den vergangenen Jahrzehnten widerfahren ist, entschädigt werden. Es ist ein wenig weit hergeholt, aber es klingt noch immer in meinem Ohr, was der damalige Deutschlehrer, ein in Ehren ergrauter Herr Herwegh, unserer Abiturklasse immer und immer gepredigt hat, wenn jemand bei Goethe vor lauter Aufregung mal Gretchen, Faust und vor allem Mephisto in einen falschen Topf geworfen hatte. „Wer immer strebend sich bemüht, …“, kurze, aber wirkungsvolle Pause, „… den können wir erlösen.“ Fast hätten wir den moralischen Fingerzeig schon im Chor vollenden können.

Damals, nicht nur bei Goethe, hatte das Wörtchen „bemühen“ einen völlig anderen Klang als heute. Auch ich musste erst lernen, dass es eigentlich einer Ohrfeige gleicht, wird jemandem attestiert, er habe sich bemüht. Im heutigen Zwischen-den-Zeilen-Lesen und fast noch mehr im Zwischen-den-Tönen-Hören ähnelt „sich bemühen“ einem Ausschlusskriterium. Ungefähr so: Ein heller Kopf, naja, wird aus ihm kaum werden, aber er kam halbwegs pünktlich, hatte meist saubere Schuhe und gemuffelt hat er auch nicht.

Union ist Teil eines elitären Kreises

Lange, viel zu lange hatten die Eisernen dieses Etikett an ihren Klamotten zu hängen. Es hat gedauert, bis sie allen Schmutz von ihren Schuhsohlen abgestrichen hatten und Schritt für Schritt und Sieg um Sieg angekommen sind im elitären Kreis der 18 besten deutschen Vereinsmannschaften. Das schon ist eine Sensation. Alles, was folgte, Rang 11 zuerst, danach Rang 7 und nun ein noch verrückterer Ritt durch die Liga mit dem Abstecher nach Europa, ist mit normalen Maßstäben schon lange nicht mehr zu messen.

Wem gebührt dafür das größte Kompliment, wem die tiefste Verbeugung? Ist es Dirk Zingler, der seit Menschengedenken als Präsident die Linie vorgibt und vorlebt? Oder Oliver Ruhnert, der als Sportdirektor immer wieder neue Spieler, die anderswo nicht gewollt und teils halb auch ausgestoßen worden sind, aus dem Hut zaubert?

Natürlich auch Urs Fischer, der Jahr für Jahr und Tag für Tag manches Sammelsurium an Ballartisten und vor allem Charakteren so an die Deichsel spannt, dass der Wagen nicht nur fährt, sondern der Motor regelrecht schnurrt. Da erlebt Max Kruse seinen x-ten Frühling, klebt Robin Knoche die Abwehr regelrecht mit Pattex zusammen, räumt Rani Khedira 20 Meter vor dem eigenen Tor alles ab, frisst Grischa Prömel Kilometer um Kilometer, wächst Andreas Voglsammer über sich hinaus und glaubt Kevin Behrens niemand, dass er erst mit 30plus in der Bundesliga stattfindet.

Ohne Awoniyi: Eiserne beweisen Rückgrat

Dass die Eisernen derart rutschfest durch den Januar gekommen sind, hatte kaum jemand für möglich gehalten. Das schafft nur eine Truppe mit Rückgrat. Fast schon vergessen ist, dass Taiwo Awoniyi gefehlt hat. Jetzt erst, da der mit neun Treffern beste Saisontorschütze der Rot-Weißen nach Nigerias 0:1 gegen Tunesien aus dem Afrika-Cup ausgeschieden ist und zurückkehrt, dämmert es auch dem Letzten, der es mit den Männer aus der Wuhlheide hält: Mann, was für ein Luxus! Oder was für ein Problem!

Andererseits sind die Rot-Weißen immer dann gut gefahren, wenn sie den Ball flachgehalten haben. Dafür werden sie, Trainer, Manager, Präsident, mit Christopher Trimmel auch der Kapitän und der eine oder andere Haudegen sowieso, schon sorgen. Denn: 34 Punkte sind wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag in einem, aber die Reise ist noch lange nicht zu Ende. 

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