Kruse hat den Ball im Blick, in Sachen Union haben alle Kruse im Blick. Foto: contrast photoagentur/Oliver Behrendt

Außer Atem sei er nicht gewesen, sagte Max Kruse nach seiner Auswechslung im Spiel gegen Hoffenheim. 74 Minuten hatte der Angreifer durchgehalten bei seiner Rückkehr ins Team des 1. FC Union, und das 1:1 hat er mit seinem Hammer-Elfmeter maßgeblich geprägt.

Wahrscheinlich wäre es für Kruse auch länger gegangen, die Puste war ja noch nicht weg. Nur kann ein Trainer die Leistungsfähigkeit vor allem nach Verletzungen meistens besser einschätzen als der betreffende Spieler selbst, zumal der Coach auch darauf zu achten hat, was der Mannschaft im besagten Moment am besten hilft.

Dass Kruse wichtig ist für die Eisernen, steht vom ersten Tag an außer Frage. Bisher hat der 32-Jährige noch stets die Balance gefunden zwischen Leidenschaft und Lässigkeit, Professionalität und Privatem, Können (viel) und Klamauk (so gut wie gar nicht). Er tut der Mannschaft gut und bei Union sind sie froh, dass er wieder fit ist.

Manchmal reicht die Aura

Manchmal, so verrückt ist der Fußball und manchmal sogar das Leben, reicht es aber sogar, dass einer wie er mit seiner Aura überhaupt da ist – sollte er körperlich auch fehlen. Das ist nicht mystisch zu verstehen, fürs Gemüt aber hat es durchaus Bedeutung.

Dazu gibt es in der Historie so manche namhafte Anleihe. El Cid, der spanische Nationalheld, ist eines der berühmtesten Beispiele. Der Legende nach sollen seine Anhänger ihn nach seinem Tod geschminkt und in voller Kriegsmontur aufs Pferd geschnallt haben, um den Gegnern weiszumachen, der große Feldherr führe seine Truppen weiterhin an. Tatsächlich sollen sie so einen grandiosen Sieg in einer entscheidenden Schlacht errungen haben.

Mit anderen Worten: Das meiste ist Kopfsache, aber manches ist auch dank Emotionalität zu wuppen. So wie es Kopfsache ist, sich bei den Eisernen auf ein Spiel ohne Kruse einzustellen (was sie während seiner Verletzung oft genug und sogar ziemlich erfolgreich getan haben) und auf eines mit ihm.

17 Punkte gegen 17 Punkte

Das Ergebnis ist einerseits überraschend, andererseits beruhigend. Ob mit oder ohne den siebenmaligen Torschützen: Die Eisernen machen ihr Ding fantastisch. Bei 34 Punkten stehen sie inzwischen.

Die Preisfrage ist nun: In welcher Zeit haben sie mehr Punkte geholt, während Kruse fit war oder als er verletzt fehlte? Die verrückte Antwort: weder noch. Mit ihm sind es 17 Zähler, ohne ihn auch. Ein klein wenig neigt sich die Waage aber doch zu seinen Gunsten, denn er war in elf Spielen dabei, zwölfmal hat er gefehlt. Die seit Corona-Ausbruch im Sport manchmal zurate gezogene Quotientenregel besagt: winziges Plus Kruse!

Damit ist er einer für den Kopf und vielleicht noch mehr fürs Herz. Generell ist es ohnehin so, dass sie viel lieber mit ihm als ohne ihn antreten, auch wenn die moderne Bezeichnung für einen wie ihn, nämlich Unterschiedsspieler, rein zahlenmäßig einen Unterschied erst einmal nicht erkennen lässt.

Wichtig für die Hygiene

Auch ohne ihn haben die Eisernen ihre Punkte geholt, doch mit ihm werden sie ganz anders wahrgenommen. Dabei ist zugleich klar: Ohne Kruse wären sie garantiert nicht dort, wo sie derzeit sind, nämlich auf Rang 7 und elf Spieltage vor Saisonende ziemlich dicht vor dem Klassenerhalt.

Solche Spieler sind wichtig und solche Spieler haben Verdienste. Sie zählen was in der Hierarchie und sie sorgen zugleich für eine gewisse Hygiene innerhalb der Kabine, wobei es da, logisch, nicht um die Entsorgung des eigentlichen Mülls geht, sondern um die Sauberkeit des Teams insgesamt: um Verlässlichkeit, Teamgeist, das An-einem-Strang-Ziehen.

Dafür ist Kruse neben einigen anderen, so vor allem Capitano Christopher Trimmel und Oldie Christian Gentner, genau der richtige Mann. Solchen Leuten wird ab und an schon mal eine Extrawurst gebraten. Zumindest kenne ich einige Beispiele aus der Vergangenheit.

Extrawurst für Streich

Da durfte sich Joachim Streich, der DDR-Torjäger und Rekordnationalspieler, im Training schon mal ins Tor stellen, wenn ihm nicht nach Laufen zumute war. Am Wochenende traf er trotzdem, ganz oft jedenfalls.  

Auch folgte der damalige Nationaltrainer Georg Buschner seinem Herzen und nicht seinem Kopf (oft ist ihm das nicht passiert) und nahm den im Sommer 1974 nach langer Verletzung eher formschwachen Peter Ducke mit zur WM, um ihn dann lediglich als Joker einzusetzen.

Dabei konnte Buschner mit Jürgen Sparwasser, Joachim Streich, Eberhard Vogel, dem wieselflinken Wolfram Löwe und dem blutjungen Martin Hoffmann auf genügend andere Angreifer der Extraklasse zurückgreifen. Für ihn war der „Schwarze Peter“ extrem wichtig für das Gesamtkunstwerk Mannschaft.

Alle schauen auf Max

Das ist auch bei Max Kruse so, selbst wenn Trainer Urs Fischer (vernünftig so!) von Extrawurst nichts hält. Das braucht einer wie Kruse auch nicht, für ihn spricht allein Leistung. Zumal alle, die Mit- und noch wahrscheinlicher die Gegenspieler, auf ihn schauen.

Auf einen wie ihn wird von vornherein mehr geachtet, sodass im Spiel ein anderer vielleicht ein bisschen unterm Radar etwas Gutes für das Team anstellen und herausholen kann. Von Punkten, mögen sie bei 17:17 zufällig im Gleichstand sein, völlig abgesehen.