Max Kruse ist vom Elfmeterpunkt auf Rekordjagd. Foto: Matthias Koch

Es ist ziemlich leicht, als Anfänger Rekorde aufzustellen. Allein mit dem zweiten Erfolg ist die Anzahl der Dreier glatt mal verdoppelt. Abgesehen davon, dass alles ja irgendwie das erste Mal ist. All das hatten die Jungs vom 1. FC Union vor einem Jahr ganz fix erledigt. Nach den dritten 90 Minuten und dem damaligen 3:1 gegen Borussia Dortmund durften sie hinter all das einen Haken setzen: das erste Spiel, das erste Tor, der erste Punkt, der erste Sieg … Auch bis zum ersten Auswärtserfolg, dem 3:2 in Mainz, hat es nicht lange gedauert.

Mit der Zeit, da hilft weder beten und schon gar nicht fluchen, wird es immer schwieriger, generelle oder eigene Bestmarken aufzustellen, auch wenn der höchste Sieg zuerst auf ein 4:0 (gegen Mainz) und nun auf ein 5:0 (gegen Bielefeld) geschraubt ist. Geht es um, ich nenne sie „moralische Bestmarken“, wird es ein wenig regional-emotional. Als fünftes Team aus Berlin haben sich die Rot-Weißen im vorigen Jahr den Traum von der Bundesliga erfüllt. Dazu, dass sie in der „ewigen Tabelle“ mir nichts, dir nichts an Tasmania vorbeiziehen würden, brauchte es keiner hellseherischen Fähigkeiten. Auch nicht dafür, dass Blau-Weiß 90 geschluckt würde. Nun aber haben die Jungs aus der Alten Försterei im Handstreich Tennis Borussia, seit dem Horror-Sommer 1994 neben den für sie Unaussprechlichen aus Hohenschönhausen einer der schlimmsten Erzfeinde, geknackt. Jetzt sind die Männer um Trainer Urs Fischer, was die „Berliner Tabelle“ angeht, die Nummer 2. Damit hat es sich hierbei erst einmal, denn an die Nummer 1 ist nicht zu denken. Zumindest nicht in diesem Jahrhundert, die Blau-Weißen aus Charlottenburg haben 36 Spieljahre Vorsprung. Es ist eben nur als Anfänger leicht, Rekorde aufzustellen.

Max Kruse hat die Bestmarke von Hans-Joachim Abel eingestellt

Trotzdem werden die Eisernen inzwischen als Primus mitgenannt in einer Disziplin, deren Bestmarke eine uralte ist. Als die aufgestellt wurde, stand die Mauer noch, die eisernen Stars hießen Andreas Hawa, Lutz Hendel, Ingo Weniger, Lutz Möckel, Bernd Quade, Uwe Borchardt und Ingo Kimmritz und im Westen hatte gerade Franz Beckenbauer die Töppen an den Nagel gehängt. Es ist diese Disziplin, die jene Elfmeterschützen führt, die vom Punkt die meisten Treffer erzielten und bei all ihren Schüssen keinen Fehlversuch hatten.

Max Kruse hat die 37 Jahre alte Bestmarke von Hans-Joachim Abel eingestellt – bei 16 Bundesliga-Elfmetern traf er 16 Mal. Nun tauchen als Vereine Borussia Mönchengladbach, Werder Bremen und 1. FC Union auf. Spaßvögel mögen meinen, Manager Oliver Ruhnert habe für die Eisernen eine Abkürzung gesucht, um sie schon in ihrer zweiten Saison mit einem schier unantastbaren Rekord für alle Ewigkeiten in Verbindung zu bringen. Nur deshalb habe er den Deal mit Kruse ausgeheckt.

Elfmeter und die Männer aus der Alten Försterei, das ist ohnehin eine Geschichte, die immer wieder fasziniert. Meinhard Uentz hat 1968 im Kurt-Wabbel-Stadion von Halle einen versenkt und somit den Triumph im Finale um den FDGB-Pokal gegen Jena ermöglicht. Wolfgang Matthies hat einen gehalten und damit im Frühjahr 1977 dem damaligen Oberliga-Neuling das 1:0 gegen den BFC Dynamo gerettet. Wer denkt nicht gern an 2001, an das Halbfinale im DFB-Pokal gegen Mönchengladbach, das die Eisernen vom Punkt für sich entschieden? Noch ganz frisch ist der Hammer von Sebastian Polter im Herbst vorigen Jahres gegen Hertha BSC und der 1:0-Triumph im Stadt-Derby.

Dass in der eisernen Elfmeter-Historie auch jenes epische Schießen aus dem Sommer 2000 in Osnabrück steht, gehört zur Dramatik vom Punkt einfach dazu. Als es um den Aufstieg in die 2. Bundesliga geht, müssen die Nerven und alle 20 Spieler (mehr sind nach Rot und Gelb-Rot nicht mehr auf dem Platz) entscheiden. Genau die braucht es auch, ehe die Eisernen eine ihrer bittersten Niederlagen einstecken müssen.

Was das für Max Kruse bedeuten könnte? Dass auch er mal scheitert. Warum? Weil die Wahrscheinlichkeit dafür immer größer wird, zumal es eine hundertprozentige Sicherheit nicht gibt. Nicht einmal für das größte Elfmeter-Schlitzohr. Mathe-Asse werden vehement widersprechen, Union-Fans gehen erst recht auf die Barrikaden. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass ein Elfer reingeht, ist immer gleich (es beginnt ja immer von vorn, sozusagen bei 0:0 zwischen Torhüter und Schütze) und nicht davon abhängig, wie oft jemand getroffen oder nicht getroffen hat. Vielleicht ist das aber besser eine Sache für Albert Einstein.

Anhänger der Rot-Weiß sehen die Dinge ganz anders, nämlich so: Kruse soll auch den nächsten reinmachen, damit er den Rekord allein hält, den nächsten auch, den nächsten wieder und überhaupt. Diesen Rekord zu brechen, wird dann allerdings schwer, vielleicht unmöglich. Dann wäre der 1. FC Union aber auch kein Anfänger mehr.