Das legendäre Weihnachtssingen musste Union dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie ausfallen lassen. Foto: dpa

Fußballer können nicht singen. Von wegen. Damit meine ich nicht so sehr Franz Beckenbauer und seine ziemlich stumpfen Töne von „Gute Freunde kann niemand trennen“. Eher habe ich es mit Julio Iglesias, als Jugendlicher ein durchaus talentierter Torhüter in der Ausbildungsmannschaft von Real Madrid, wenngleich sich sein Repertoire mit ein wenig Abstand ganz schön schnulzig anhört. Selbst das „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, das in der das Jahr beschließenden Pokalrunde vor allem bei den Außenseitern zu hören gewesen wäre und bei manchen durchaus als Lied durchgeht, fällt aus.

Trotzdem: Fußball und Gesang – diese Kombination, man könnte auch sagen Komposition, weckt bei mir etwas Angenehmes. Gerade 16 war ich oder auch 17, ich weiß es nicht mehr, es ist ja auch schon einige Jahrzehnte her. Ich gehörte zum Chor der Erweiterten Oberschule Gerhart Hauptmann in Zwickau und wir nutzten eine Woche der Winterferien, um neue Lieder einzuüben. Eigentlich hatte niemand richtig Lust darauf, schließlich hatten diejenigen, die keine Note hinter oder über eine andere setzen konnten, ja frei. Trotzdem habe ich diese Woche in allerbester Erinnerung. Denn unser Chorleiter, zugleich unser Musiklehrer, brachte einen Dirigenten an, der, nicht viel älter als wir, die Woche über mit uns übte. Stundenlang, manchmal bis es draußen schon wieder dunkel wurde. Trotzdem hatte es etwas Schönes: Es wurde uns nicht langweilig, nie, niemandem von uns. Und das als pubertierende Jugendliche, die sich damals, ja, es lag Schnee, lieber auf Ski gestellt hätten.

Dieser Kerl, Typ Menschenfänger und ein wenig jugendlicher Held, packte uns. Sonst hätte ich mir seinen Namen kaum gemerkt: Hartmut Haenchen, ein Dresdner, der später Orchestern auf den berühmtesten Bühnen der Welt vorstand. Er dirigierte die Staatskapelle Dresden, zu Herbert von Karajans Zeiten die Berliner Philharmoniker, er war Chefdirigent der Niederländischen Philharmonie, gastierte in Paris und Zürich, Kopenhagen und Genf, war am Teatro Real in Madrid und an der Mailänder Scala, er hatte Engagements in Bayreuth und an der Metropolitan Opera in New York.

Kein Wunder, dass er uns gleich am ersten Tag um seinen Dirigentenstab wickelte, denn er hatte den Dreh absolut raus. Zum Beispiel mit diesem Kanon: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder – nur ein Kofferradio und „nen Fernsehapparat.“ Das mit dem Fernsehapparat war mir schnuppe, wir hatten noch keinen. Nur das mit dem Kofferradio fand ich nicht so prickelnd, weil es unserer Clique an Sonnabenden, an denen Motor, erst kurz danach in Sachsenring umbenannt, kein Heimspiel hatte, die Oberligaspiele in der legendären Konferenz von Radio DDR ans Ohr brachte.

Es geht ja aber ums Singen beim Fußball, in Stadien und überhaupt. Dieses Gefühl hatte ich damals in Zwickau noch nicht, zu sehr war die Aufmerksamkeit auf die Paraden von Jürgen Croy gerichtet und von „You’ll Never Walk Alone“ hatte ich noch keinen blassen Schimmer. Das erste Mal, dass gesungen wurde, sogar auch für mich, weil ich mit auf dem Platz stand, erlebte ich in der Alten Försterei. Lange vor Weihnachten rieselte es von den damals noch luftigen Rängen: „Kling, Glöckchen, klingelingeling, kling, Glöckchen kling. Hört Ihr’s jeden sagen, Union wird alle schlagen. Hört Ihr schon die Geister, Union wird wieder Meister.“

Na gut, das war in einer weit zurückliegenden Zeit das Pfeifen im Walde oder ein Klopfen auf den Busch. Meister sind die Eisernen natürlich nicht geworden und das ist auch in Zukunft nicht zu erwarten. In einer Disziplin haben sie es und noch mehr ihre Anhänger dennoch zur Meisterschaft gebracht: im Singen von Weihnachtsliedern. Das wäre ein Akt geworden angesichts der bisher phänomenalen Bilanz in dieser Saison, wenn heute, ja, es wäre der Tag gewesen, aus 28.000 Kehlen ein „Stille Nacht, heilige Nacht“ aus der Alten Försterei hinaus in die Wuhlheide und nach Köpenick geflimmert wäre. Ganz fällt das Singen zwar nicht aus, es muss jedoch in den eigenen vier Wänden und am besten mit dem Weihnachtssingen-Paket für zu Hause stattfinden.

Schade, dass es diesmal nicht gemeinsam geht, denn selten genug hatten die Fans so viele gute Gründe, ein derart spektakuläres Jahr mit grandiosen Siegen und atemberaubenden Spielen zu feiern. Es hätte besser nicht passen können. Irgendwann aber, bald hoffentlich, wird es wieder anders sein, dann wird wieder geschmettert: „Unsere Liebe. Unsere Mannschaft. Unser Stolz. Unser Verein. Eisern Union.“ Denn auch Fußballer können singen und erst recht ihre Anhänger. Ganz ohne Weihnachten sogar, in einem Jahr vielleicht aber wieder zusammen mit dem Rauschebart.