Julian Ryerson hat allen Grund, in Frankfurt zu jubeln. Foto: City-Press GmbH

Es gibt diese Senkrechtstarter, die schon mit 19 Jahren alles in Grund und Boden spielen und denen eine große Zukunft prophezeit wird. Oder die als 18-Jährige wie selbstverständlich zum Stamm einer Bundesligamannschaft gehören.

Noch verrückter ist es, wenn die Talente mit 17 ihr erstes Erstligaspiel bestreiten oder gar mit 16 und ein paar Wochen oder Monaten in der höchsten Spielklasse angekommen sind. Nuri Sahin ist so einer, denn der jetzige Bremer hat im Alter von 16 Jahren und 335 Tagen, damals für Borussia Dortmund, in Deutschlands Eliteliga debütiert.

Um ein Haar hätte der defensive Mittelfeldmann seinen Status als jüngster Bundesligaspieler aller Zeiten an Yann Aurel Bisseck verloren. Dieser junge Mann, dessen Spezialgebiet die Abwehr ist, war, als er im November 2017 für den 1. FC Köln erstmals in der Bundesliga spielte, lediglich 27 Tage älter als Sahin bei seinem Debüt. Nur: Während Sahin eine Größe geblieben ist, ist Bisseck seitdem ausgeliehen, zuerst zu Holstein Kiel und aktuell zum niederländischen Zweitligisten Roda JC Kerkrade.

Nuri Sahin 2005 im Trikot von Borussia Dortmund. Foto: imago images/Team2

Nimmt man all diese – das ist keinesfalls respektlos gemeint, sondern allein dem Alter im „Männersport“ Fußball geschuldet – Grünschnäbel, die jüngsten Bundesligadebütanten der einzelnen Vereine, zu denen bei Schalke Weltmeister Julian Draxler zählt und bei Bayer Leverkusen Kai Havertz, beim FC Bayern Pierre-Emile Höjbjerg und beim VfB Stuttgart (auch wenn die Schwaben durch die Köpenicker abgestuft worden sind) Timo Werner, dann ist der bislang jüngste Spieler des 1. FC Union in dieser Liga vergleichsweise ein Methusalem.

21 Jahre und 350 Tage alt war Julian Ryerson, als er am 2. November im Stadtderby gegen Hertha BSC für die letzte Minute (der zehn Nachspielminuten folgten) eingewechselt wurde. Damit hätte der Norweger als Benjamin woanders nicht den Hauch einer Chance.

Franco Foda könnte er schon gar keine Konkurrenz machen, denn der jetzige Trainer der österreichischen Nationalelf ist als jüngster Bundesligaspieler sowohl beim 1. FC Kaiserslautern (dort spielte er mit siebzehneinhalb) als auch beim 1. FC Saarbrücken (da war er neunzehneinhalb) geführt.
Es ist logisch, dass Ryersons Status als „ältester Benjamin“ daher stammt, dass die Eisernen nun mal ihre erste Saison im DFB-Oberhaus spielen und Trainer Urs Fischer beim Unternehmen Klassenerhalt aus Pragmatismus lieber auf Erfahrung setzt als auf Übermut.

Ryerson macht das großartig

Trotzdem: Wie sich Ryerson bisher mit seiner Rolle identifiziert, wie er bei seinem 180-Sekunden-Einsatz gegen Mönchengladbach Sebastian Andersson das 2:0 millimetergenau auf den Kopf servierte, wie er sich mit ganz viel Ehrgeiz in seine Aufgabe hineinwirft, wie er am Montag beim 2:1 gegen Eintracht Frankfurt mit dem gesperrten 33-jährigen Kapitän Christopher Trimmel einen Oldie vertrat, mit 11,61 Kilometern die hinter Robert Andrich zweitstärkste Laufleistung hatte und mit 63 die meisten (!) Ballkontakte – das ist großartig.

Sollten die Eisernen die Klasse halten – davon bin ich nach wie vor felsenfest überzeugt –, wird Julian Ryerson nicht lange der rot-weiße Benjamin bleiben. Das ist nicht weiter schlimm, im Gegenteil, denn auch bei den Eisernen gibt es genügend Talente und wird es sie womöglich immer geben, die das Zeug dazu haben, in der Bundesliga Akzente zu setzen oder zumindest den einen oder anderen Fußabdruck zu hinterlassen.

Helms hat's nicht gepackt

Wie es sich anfühlt, den wirklich jüngsten Spieler aller Zeiten in den eigenen Reihen zu haben, weiß eine längst verflossene eiserne Generation nur zu gut. Am 26. Februar 1977, zufällig heute auf den Tag genau vor 43 Jahren, der Torhüter damals hieß Wolfgang Matthies und der Kapitän Joachim Sigusch, warf Trainer Heinz Werner mit Detlef Helms ein regelrechtes Milchgesicht in die Mannschaft, die beim FC Karl-Marx-Stadt zwar 0:2 verlor, am Ende aber als Aufsteiger, welch wünschenswerte Parallele zu heute, die Klasse hielt. Der Angreifer, der in der DDR-Juniorenauswahl fast in jedem Spiel traf, war 16 Jahre und 139 Tage jung, jünger als Nuri Sahin bei seinem Erstligadebüt und der jüngste Debütant in der DDR-Oberliga aller Zeiten. Auch 103 Tage jünger als später René Rydlewicz, der bei Wikipedia fälschlicherweise als solcher geführt wird.

Dumm nur, dass Helms nach drei Erstligaspielen zum BFC Dynamo delegiert wurde, dort in sechs Jahren gar nicht auf die Strümpfe kam und bei Zweitligist Chemie PCK Schwedt und bei Auto-Trans Berlin seine Karriere, die anfangs einem Bilderbuch zu entspringen schien, brutal in den Sand setzte. Hier verglühte, wie es vielleicht dem Ex-Kölner Bisseck gerade in Kerkrade passiert, ein Komet.

Talent allein ist nichts

Die Gefahr, dass Julian Ryerson ein ähnliches sportliches Schicksal bevorstehen könnte, sehe ich nicht, zumal er mit seinen nunmehr 22 Jahren einiges an Reife besitzt. Eines aber sollte das Beispiel Helms trotzdem zeigen: Wird es nicht gehegt, gepflegt und veredelt, dann taugt das größte Talent reineweg nichts.

Diesen Umstand sollten vor allem diejenigen beherzigen, die Ryerson als jüngstem eisernen Bundesligaspieler vielleicht bald, vielleicht auch später, folgen. Und das werden, so ist jedenfalls zu vermuten, einige sein.