Loris Karius schnappt sich im Training den Ball, Andreas Luthe (l.) konzentriert sich ganz auf sich. Foto: Michael Hundt

Jetzt haben die Eisernen auch noch ihren Torhüter gewechselt. Vorgesehen war das nicht, nur steckt ja niemand drin in den jeweiligen 90 Minuten und den Widrigkeiten, die passieren können. Dabei sind Verletzungen von Keepern oft ganz speziell und noch weniger gemocht als bei Feldspielern, weil das eigentlich blinde Verständnis zwischen dem Schlussmann und seinen Vorderleuten für den Ausgang eines Spiels essentiell ist.

Was die 24 Saison-Gegentore angeht, liegen der 1. FC Union auf Rang 4, ist besser als die Bayern, Dortmund, Frankfurt und Gladbach. Das ist, wer hätte das für möglich gehalten, keine Momentaufnahme mehr.

Ein Torwartwechsel also, erst einmal nur für 21 Minuten plus Nachspielzeit. Na gut. Vielleicht steht Loris Karius am Sonnabend in Mainz noch einmal im Kasten. Das wäre, weil er 91 seiner nunmehr 92 Bundesligaspiele für die Nullfünfer bestritten hat, so ein Fall, bei dem man gern sagt: Es ist eine Geschichte, die nur der Fußball schreibt.

Karius hat andere Ambitionen

Wenn nicht, weil Andreas Luthe wieder fit wird, muss sich Karius wohl erneut hinter der Nummer1 anstellen. An eine Rolle rückwärts von Trainer Urs Fischer in der Keeper-Frage glaube ich eher nicht.

Karius schmeckt dieses sportliche Schicksal nicht, ist er doch mit ganz anderen Ambitionen nach Köpenick gekommen. Manchmal erwischt es einen Torhüter aber so, dass er gar nicht anders kann – oder er in eine Rolle gezwungen wird.

So wie Jakob Busk, der sich darin seit nahezu drei Jahren sieht, denn sein bislang letztes Punktspiel hat der Däne am 7. April 2018 bestritten, bei einem 0:0 in der 2. Bundesliga gegen Duisburg. Trotzdem ist er noch da und ein mieses Wort von ihm hört niemand.

Dennoch: Wer sollte Karius, der beim FC Liverpool einst erste Wahl war, nicht verstehen. Nur gibt es in der Historie ganz andere Fälle von Schlussleuten, die richtig gut waren, einen Teil ihrer Karriere aber opferten, weil ein anderer, einen Tick nur, besser war. Und sei es nur für den Moment.

Unbekannte Hintermänner

Allein die größten Enthusiasten werden wissen, dass die „Hintermänner“ von Sepp Maier, der bei den Bayern über ein Jahrzehnt im Kasten nicht wegzudenken war, Fritz Kosar, Manfred Seifert, Hugo Robl, Zlatko Koric, Hubertus Licht und Manfred Ober heißen und in der Maier-Ära in München zusammen (!) auf sieben (Teil-)Einsätze kommen. Ähnlich erging und ergeht es an der Säbener Straße den Back-ups für Jean-Marie Pfaff, Oliver Kahn, Manuel Neuer.

Immer wieder gibt es solche Karrieren, die fast etwas von Masochismus haben. In Zwickau, Sie wissen schon, die damalige Zeit von Sachsenring ist so etwas wie mein Steckenpferd, stellten sie sich, erst Gunter Kirtschig und dann Lothar Lindl, vergeblich an hinter Jürgen Croy.

Einer beweist als Croys Stellvertreter dennoch ein unglaubliches Stehvermögen und schafft es aus dem Schatten ins Rampenlicht: Hans-Ulrich Grapenthin. An Ausdauer und Beharrlichkeit ist dieser Mann nicht zu übertreffen.

Sprotte mit Biss

Mit 23 Jahren von Motor Wolgast nach Jena gekommen, heißt er erstens fix mal „Sprotte“, zweitens muss er sich dort gegen Wolfgang Blochwitz beweisen. Doch er lässt nicht locker. Der Durchbruch gelingt ihm mit sagenhaften 31 Jahren! In einem Alter, in dem einige ans Ende ihrer Karriere denken, startet „Sprotte“ richtig durch.

Nur nicht im Nationalteam. Dort gibt es ja Croy. Mit gerade zwei Länderspiel-Teileinsätzen reist Grapenthin als zweiter Mann zum olympischen Fußballturnier 1976 nach Montreal. Nach dem 3:1 im Finale gegen Polen baumelt die Goldmedaille auch um seinen Hals, nur gespielt hat er nicht eine Minute. Erst im Frühjahr 1979, mit 35 Jahren, ist er endlich auch im A-Team die Nummer 1.

Sogar individuelle Titel greift „Sprotte“ am Abend seiner Karriere doch noch ab. Zweimal, erst mit 36, dann mit 37, wird er Fußballer des Jahres. Auch das gibt’s nur bei Torhütern, nämlich einen „Opa“ als besten Kicker des Landes.

Kahn kennt sich aus

Das alles hilft Loris Karius nicht, schon klar. Natürlich will einer, der es in die Premier League geschafft hat und ins Endspiel um Europas Vereinskrone, nicht in Köpenick nur dann spielen, wenn ein anderer nicht kann. Deshalb ist es nicht immer einfach, Torhüter zu sein.

Ein Hans-Ulrich Grapenthin ist schließlich nicht jeder. Fragen Sie mal Oliver Kahn nach seiner Laune, als er erfuhr, dass er bei der Heim-WM 2006 hinter Jens Lehmann nur noch die Nummer 1b ist. 3d oder 4f wäre kaum schlimmer gewesen.

Das ist letztlich Sache des Trainers. Besser eines Psychologen. Nur keine Bange, ein solcher ist Urs Fischer in der Torhüterfrage schon die ganze Saison.