Max Kruse geht in der kommenden Saison für den 1. FC Union auf Torejagd. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Berliner KURIER: Sie scheinen mit der mitunter aberwitzigen Aufmerksamkeit, die man Ihnen als Fußballprofi entgegenbringt, ganz gut klarzukommen. Sie verstecken sich nicht, bleiben unangepasst, wirken bei all dem Trubel ziemlich frei. Wie gelingt einem das?

Max Kruse: Ich habe mir nur vorgenommen, ich selbst zu bleiben. Und wenn ich was zu sagen habe, sag ich das. Es gibt ja keinen Menschen auf der Welt, außer meinen Eltern, der mir etwas verbieten kann. Man hat sich im Verein an gewisse Regeln zu halten, klar. Aber dass mir irgendwer aus der Medienlandschaft diktiert, was ich zu tun habe, so weit wird es nicht kommen. Ich bin immer gut damit gefahren, direkt zu sein, ehrlich zu sein. Das kann dann eben nicht jeder so gut ab. Wenn man es jedem recht machen will im Leben, wird es sowieso schwierig. Es wird immer Leute geben, die, egal was du tust, eine andere Meinung haben werden.

Es ist Ihnen schon bewusst, dass Sie mit Ihrer offenen Art ein gewisses Risiko eingehen, oder anders: dass Sie sich selbst Stress verursachen?

Stress mach ich mir nur, wenn ich mich damit beschäftige. Ich lese das zwar manchmal durch, finde das auch ganz lustig, aber es tangiert mich nicht.

Sie scheinen tatsächlich frei von Angst zu sein.

Ich habe immer gemacht, worauf ich Lust hatte. Am Ende kommt es im Fußball, wie in jedem anderen Job, aber auf Leistung an. Wie du diese Leistung auf den Platz bringst, sollte jedem außenrum eigentlich scheißegal sein. Klar, wenn ich keine so guten Leistungen gezeigt hätte und trotzdem das gemacht hätte, was ich mitunter gemacht habe, wäre es vielleicht scheiße gelaufen.

Sie gehen seit geraumer Zeit über Ihren Instagram-Account offensiv in die Öffentlichkeit, warum?

Ich finde es einfach gut, die Fans mit einzubinden. Ich weiß, dass der Fußball an erster Stelle steht. Und dafür lebe ich auch, solange ich Fußballprofi bin. Ich will einfach den Mix hinbekommen, die eine Hälfte Berufs-, die andere Hälfte Privatleben. Da gibt es eben die andere Seite von Max Kruse.

Und dabei ist schon bemerkenswert, wie sich Ihr Image in den vergangenen Jahren gewandelt hat. hat. Um es ganz plakativ zu formulieren: vom Skandal- zum Kultkicker. Man könnte auch sagen, Sie sind inzwischen eine richtige Marke.

Eine Marke zu sein, ist ja nicht schlecht. Die Leute, mit denen ich zu tun hatte, die Vereine, für die ich gespielt habe, die kennen meine Einstellung, wissen, was für mich wichtig ist. Wenn ich wirklich so ein Lebemann gewesen wäre und das alles nicht so ernst genommen hätte, dann hätte ich nicht so performen können. Es gibt halt so Spieler: Die machen zwei Minuten vor Spielbeginn den Schalter an, noch schnell eine SMS und dann geht’s los. Andere müssen schon am Tag vor dem Spiel total fokussiert sein, müssen jede Woche gleiche Abläufe haben, was ja auch in Ordnung ist. Jeder Mensch, jeder Fußballspieler ist eben anders.

EISERN - das Magazin

Am 19. September erscheint die zweite Ausgabe unseres Magazins über den 1. FC Union. Lesen Sie darin, was Max Kruse zu seinem Wechsel nach Köpenick bewogen hat. Ober aber auch, wovon sich Jürgen Rank, der Chefdesigner für Fußballtrikots bei Adidas, beim Entwurf der neuen Union-Jerseys inspirieren ließ. Und erfahren Sie, wie Gerald Karpa, der Archivar der Eisernen, rot-weiße Geschichte lebendig werden lässt.

Hilft Ihnen jemand bei der Öffentlichkeitsarbeit?

Ich habe 2016 meine Agentur gewechselt, habe seither auch eine Medienstrategin, die dafür zuständig ist, mein Bild in der Öffentlichkeit zu verändern. Sie hat mir nicht gesagt, was ich sagen soll, aber ein Briefing gegeben. Nicht, dass ich mir gewünscht hatte, dass mein Image komplett geändert wird, aber zumindest ein bisschen, weil vieles, was da über mich geschrieben wurde, nichts mit mir zu tun hatte. Ich denke, dass wir das ganz gut hinbekommen haben.

Gab es wirklich nicht einen Moment, an dem Sie von diesem Drumherum genervt waren?

Doch, einen gab es, da dachte ich mir schon: Die spinnen doch alle! Das war unmittelbar nach dem Rauswurf aus der Nationalmannschaft, als ich wieder nach Wolfsburg geflogen bin. Da gibt es ja keine 15 Einwohner, aber 1500 Journalisten, die vor meiner Haustür auf mich gewartet haben, beim Training mir hinterhergelaufen sind. Ich hab da schon mal in den Rückspiegel geguckt, ob mich da nicht schon wieder einer verfolgt. Das ging zwei, drei Tage, aber das war’s dann auch wieder.

Bauch oder Kopf, wem sind sie bei der Entscheidung, zu Union zu wechseln, gefolgt?

Zuvorderst dem Bauch. Ich hatte vom ersten Moment an, als ich mich mit Oliver Ruhnert getroffen habe, ein gutes Gefühl. Ich hatte einfach Bock auf dieses Projekt. Ich kann mich ja immer noch gut daran erinnern, als hier noch Container standen. Bombenstimmung, was man ja sogar im Fernsehen spürt. Ich habe immer ein bisschen den Vergleich zu St. Pauli gezogen, weil das auch ein richtig geiler Verein ist. Und dann waren da ja auch noch die Reize Berlins. Natürlich ist Berlin ein gutes Pflaster zum Leben. Aber es kann die schönste Stadt der Welt sein – wenn es fußballerisch nicht läuft und man im Verein keinen Spaß hat, hilft das nicht. Wenn die Stimmung im Verein nicht da ist oder wenn man das Gefühl hat, dass das mit den Menschen im Verein nicht passt, dann macht auch die Stadt keinen Spaß. Du musst Erfolg haben, dann kannst du die Stadt auch richtig genießen.

Und der Kopf hat sich gegen Werder Bremen entschieden?

Nein, Bauch und Kopf für Union und nicht gegen Bremen. Ich habe in Bremen eine schöne Zeit gehabt, hab dem Verein viel zu verdanken, hab dem Verein aber auch geholfen, dass er wieder ein bisschen nach oben gekommen ist. Das war ein Geben und Nehmen. Ich bin aber einfach nicht der Typ, der zwölf Jahre in ein und demselben Verein spielt. Ich brauche einen neuen Input, ich brauche etwas Außergewöhnliches.

Eine neue Erfahrung im Ausland hat Sie nicht gereizt?

Das Einzige, womit ich mich noch beschäftigt habe, war ein Wechsel in die USA, weil dort mein Sohn lebt. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren leider nicht so viel von ihm mitbekommen, und man denkt sich schon, dass es an der Zeit ist, dahingehend etwas zu ändern. Aber im Endeffekt weißt du auch, dass sich die Karriere im höheren Bereich mit einem Wechsel in die MLS erledigt hat. Und letztlich ist es so: Ich will’s den Leuten in Deutschland einfach noch mal zeigen.