Zuletzt hatten die Profis des 1. FC Union in den Derbys gegen Hertha BSC deutlich mehr zu feiern. Für eine Wachablösung bedarf es aber noch Zeit, oder? Foto: Imago

Den Turbo im Duell mit Hertha BSC hat der 1. FC Union längst gezündet. In Windeseile sind die Köpenicker dabei, den Stadtrivalen vom Sockel als Nummer 1 der Hauptstadt zu stoßen. Nachdem sie es nach ihrem Aufstieg noch hauchdünn verpasst hatten – bei Punktgleichheit retteten sich die Blau-Weißen mit einem Plus von sechs Toren –, glückte es in der vorigen Saison, ihrer zweiten erst in der Bundesliga, umso eindrucksvoller. Auch diesmal haben die Männer aus der Wuhlheide die Nase vorn. Zumindest spricht der Augenblick eindeutig für sie. Die Stadtmeisterschaft haben sie nach dem souveränen 2:0aus dem Hinspiel und dem 3:2 im DFB-Pokal für dieses Mal sowieso schon eingetütet. Aber sie wollen mehr: Sie wollen die Wachablösung.

Dazu, das wissen sie, bedarf es nicht nur einer Spielzeit, auch nicht zweien oder dreien. Dafür reicht in der Regel auch keine goldene Generation. Um einen Platzhirsch vom Thron zu stoßen, benötigt man einen langen Atem, enormen Fleiß, viel Geduld, außergewöhnliche Klasse und nicht zuletzt eine gehörige Portion Glück. Das allesmuss zusammenkommen und mit weniger wird es nicht klappen. Es sei denn, es passiert so ähnlich wie gerade in Hamburg, dass einer sich selbst zerlegt und der andere die Gunst der Situation nutzt.

Hauptstadt-Duelle haben es in sich

Es gibt natürlich die Beispiele, in der es zwei ewige Rivalen in den Mauern einer Stadt gibt. Da müssen die Blicke nicht einmal nach Südamerika gehen, wo in Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires der Superclásico zwischen Boca Juniors und River Plate elektrisiert, wo es in Brasiliens Metropole Rio de Janeiro vor allem das Flu-Fla, das Derby zwischen Fluminense und Flamengo, zu Berühmtheit bringt, oder wo in Montevideo, dem Zentrum von Uruguay, Penarol und Nacional um die Gunst kämpfen.

Europa, der alte Kontinent, ist noch reicher an lokalen Klassikern. In Ungarn führen gleich vier Klubs aus Budapest das ewige Meister-Ranking an: Ferencvaros, Titelverteidiger und aktuell mit sieben Punkten Vorsprung erneut Tabellenführer, steht kurz vor dem 33. Titel, MTK folgt mit 23 Meisterschaften, Ujpest mit 20 und Honved mit 14. In Schottland führen die Glasgow Rangers mit 55 Titeln, Celtic folgt mit 51 Meisterschaften und auf den Rest kommen zusammen (!) läppische 19 Titel. Da ist mal der und mal der Platzhirsch.

Real Madrid dominiert Atletico

Dass sich zwei Teams aus einer Stadt einen Kampf auf höchstem Niveau liefern, wenn gleich in der Außenwahrnehmung vor allem nur einer glänzt, ist in Madrid zwischen Real und Atletico seit Jahren der Alltag. Realist 34-maliger spanischer Meister und hat ungezählte Pokale gescheffelt, Atletico jedoch ist mit elf Trophäen der aktuelle Titelträger. Beide standen sich sogar zweimal im Endspiel der Champions League gegenüber: 2014 und 2016, beide Male siegte zwar Real, aber es stand Spitz auf Knopf, zunächst nach Verlängerung, dann erst im Elfmeterschießen. Atletico muss also auf seinen ersten Titel in Europas Königsklasse noch warten.

Genau das haben die beiden Schwergewichte aus Mailand längst geschafft. Inter hat Europas großen Coup dreimal gelandet, der AC siebenmal, im nationalen Titelkampf aber hat Inter mit 19 Siegen gegenüber 18 des Rivalen knapp die Nase vorn. Das jedoch auch erst seit der vorigen Saison, als Inter Meister wurde und der AC Zweiter. Womöglich steht es nach Ende dieses Spieljahres wieder ausgeglichen–Milan führt die Tabelle an. In der Stadt mit dem berühmten Dom ist es besonders schwierig, eine Nummer 1 auszumachen, zumal sich beide auch das Stadion, das Giuseppe Meazza im Stadtteil San Siro, teilen. Wohl auch deshalb trägt diese Arena den Namen „La Scala del calcio“, die Scala des Fußballs.

1860 München war einst vor dem FC Bayern

Andererseits gibt es, ganz interessant für den 1. FC Union, die Beispiele, da ein Team, das der Nummer 1 eigentlich nie etwas anhaben konnte, plötzlich auf die Überholspur ausschert. Es ist hierzulande passiert, quasi vor der Haustür, auch wenn es über 50 Jahre zurückliegt. Hier die Blauen von 1860 München: 1963 Gründungsmitglied der Eliteliga, 1964 DFB-Pokalsieger, 1965 Finalist im Europapokal der Pokalsieger, 1966 Deutscher Meister, 1967 Vizemeister, 1970 Abstieg, 1982 Lizenzentzug, 2017 Lizenzverweigerung für die 3. Liga und Zwangsabstieg in die Regionalliga, seit 2018 Dritte Liga. Die Roten der Bayern: 1964 in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga gescheitert, 1965 Aufstieg. Der grandiose Rest ist titelhamsternde Legende.

Ganz hoch geht’s in England zu. In London sowieso, aktuell mit fünf Teams in der Premiere League dabei, andererseits in Manchester mit United und City und in Liverpool mit dem FC von Trainer Jürgen Klopp und mit Everton. Zwar hat auch Everton mal in Europa triumphiert, 1985 bei den Pokalsiegern, aber Liverpool ist mit neun europäischen Trophäen (sechs im Meistercup/Champions League, drei im Uefa Cup) am Mersey weit vorn. Das ist in Manchester ähnlich und doch ein wenig anders. United holte in Europa schon alle Titel, City dagegen erst einen, vor 52 Jahren bei den Pokalsiegern. Aber mit den Scheich-Millionen und Coach Pep Guardiola laufen die Citizens den Red Devils klassisch den Rang ab.Unitedistmit20Titeln zwar englischer Rekordmeister, gewann die Premier League aber letztmals 2013. City ist danach viermal Meister geworden, liegt erneut vorn und ist gerade satte 21 Punkte besser als der Stadt-Rivale.

Hertha muss vor Union gewarnt sein

Etwas kleiner passiert so etwas gerade in Tschechien, wo der einstige Dauermeister Sparta Prag von Slavia, einem der Gegner des 1. FC Union in der Conference League, abgelöst wird. In den ersten zehn Spielzeiten nach der Trennung von der Slowakei wurde Sparta achtmal Meister, Slavia einmal. In den zurückliegenden fünf Spielzeiten jedoch holte Slavia viermal den Titel, Sparta dagegen ging leer aus.

Also, aufgemerkt, Union! Vorsicht, Hertha! So geht Wachablösung.

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