Sheraldo Becker ist das beste Beispiel für die eiserne Weltauswahl. Der Stürmer ist in Amsterdam geboren, spielt für Suriname und jubelt für den 1. FC Union.  Imago

Ein Blick in Kinderaugen klopft selbst den härtesten Kerl weich, wer wüsste das nicht. Die Momente, wenn die Äuglein der Kleinen blitzen und sich darin das Staunen über die Wunder der zu entdeckenden Welt spiegelt, gehören zu den glücklichsten Augenblicken des Eltern- oder Großelternwerdens. Glück hat, wer sich das Wundern bewahrt und wer staunen kann über Veränderungen jedweder Art. Oder wie der Berliner sagt: Wie haste dir verändert!

Auch und gerade was den Fußball angeht. Genug gestaunt habe ich ohnehin über die Entwicklung des 1. FC Union vom Allerweltverein zu DDR-Zeiten über sein Schmuddel-Image der ersten Nachwendejahre hin zum Klub, den in seiner dritten Saison in der Bundesliga mancher Mitstreiter als längst etabliert ansieht. Da könnte man sich die Augen reiben.

Union-Gegner Haifa hatte steinigen Weg 

Noch viel mehr staune ich, welche Entwicklung der Fußball insgesamt genommen hat. Überall und natürlich auch in Köpenick. Als ich in Zwickau meine ersten Spiele der Oberliga sah, war an die Athletik, die Wucht und Dynamik von heute im Traum nicht zu denken. All das war unvorstellbar, auch weil es das Material nicht hergab. Als ein Torhüter den Ball von der Strafraumgrenze möglichst weit nach vorn drosch und die Kugel auch nur einen Meter hinter der Mittellinie landete, dröhnte ein Staunen von der Halde durchs Stadion. Ein Pass über 40 Meter ließ manchen Mund offenstehen. Dabei war die Zeit der Fußballtreter mit Stahlkappe, in denen das Ballgefühl ungefähr so kuschelig war wie in Gummistiefeln, längst vorbei. Was dagegen erst, wenn es regnete und der Ball dem Gewicht einer Eisenkugel ähnelte. Und wer das Tempo des Spiels vergleicht, könnte, darüber sollte niemand böse sein, die damaligen Stars gut und gern als Stehgeiger bezeichnen – er wäre ziemlich dicht dran.

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Nach diesen Nostalgie-Schleifchen bin ich ganz und gar beim Heute und bei Maccabi Haifa, dem morgigen ersten Heimgegner des 1. FC Union in der Conference League. Es ist geradezu grotesk, welche Kurven und Bögen, Kehren und Serpentinen Israels Fußball genommen hat und nehmen musste, um dort anzukommen, wo er von 1992 zwei Jahre assoziiertes Mitglied war, seit 1994 Vollmitglied ist und geografisch eigentlich nicht hingehört: in Europa.

Meinen ersten Eindruck vom Fußball in Israel bekam ich 1970, als sich die damaligen Asse Zvi Rosen und Shmuel Rosenthal, Yeshaiyahu Schwager und Yehoshua Faygenbaum das einzige Mal in der Historie ihres Landes für eine WM qualifizierten und ihr Ass Mordechai Spiegler beim 1:1 gegen den späteren Vize-Weltmeister Italien das einzige Tor bei einer WM-Endrunde für die Blau-Weißen, so die Farben des Nationalteams, erzielte.

Union-Kader eine Weltauswahl 

Allein Israels Weg zur WM nach Mexiko zeigt, welche Irrungen und Wirrungen der Fußball insgesamt genommen hat. Das Team um Trainer Emmanuel Scheffer war eines von lediglich vieren, das aus Asien die WM-Qualifikation überhaupt in Angriff nahm und es musste sich erst einmal nur gegen Neuseeland durchsetzen, weil Nordkorea sich weigerte, in Israel anzutreten. Israels zweiter und letzter Qualifikationsgegner war Australien, wobei sich die Aussies zuvor gegen Rhodesien, das heutige Simbabwe, das wiederum stets schon zu Afrika gehört, behauptet hatten.

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Max Kruse, Genki Haraguchi und Taiwo Awoniyi: Mit Kräften aus aller Welt, will der 1. FC Union gegen Haifa den ersten Sieg in der Europa Conference League.

Lang, lang ist’s her, doch gerade diese Tatsache zeigt, welche Achterbahnfahrt das Neun-Millionen-Einwohner-Land am Ostufer des Mittelmeeres bei der Jagd nach dem runden Leder hinter sich hat. Zudem ist es für einen Nicht-Israeli, der eigentlich nur den begnadeten Satiriker Ephraim Kishon kennt, der als geborener Ferenc Hoffmann wiederum ungarischer Herkunft ist, nicht leicht, die Strömungen der Beitar-, Hapoel- und Maccabi-Bewegungen, nach denen viele Fußballvereine benannt sind, zu durchdringen. Da könnte man große Augen bekommen und trotzdem nicht durchblicken.

Das Staunen aber sollte man sich dennoch bewahren. Auch im Alter und als einer, der gar nicht so schnell gucken kann, wie Max Kruse und Taiwo Awoniyi, Marvin Friedrich und Robin Knoche, Rani Khedira und immer besser Kevin Behrens ins Laufen kommen. Es hat sich wirklich viel verändert in der Welt des Fußballs, von Maccabi Haifa und Israel als „Europäer“ ganz abgesehen. Allein ein Blick in die Alte Försterei macht es deutlich. Die Eisernen sind eisern, das ist nicht das Ding, doch sie treten mit Spielern aus Dänemark und Polen, Japan und Norwegen, Österreich und den Niederlanden, Nigeria und Suriname an. Gefühlt ist das eine Weltauswahl, doch sie spielt trotzdem in Europa. Man könnte, ohne schwülstig zu werden, ebenso sagen: Der alte Kontinent verbindet. Da muss ein harter Kerl nicht weich werden, doch strahlen können seine Augen dabei trotzdem. 

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