Ex-Union-Co-Trainer André Hofschneider (r.) schickt Simon Terodde (M.) ins Rennen, der für John Jairo Mosquera eingewechselt wird. imago/Matthias Koch

Es war der 7. Februar 2015 in der Alten Försterei. Beim Spiel gegen den VfL Bochum unterbrachen die eisernen Profis nach sieben Minuten unvermittelt das Gekicke und eilten zur Seitenlinie, um von dort aus ihrem an Krebs erkrankten und auf der Tribüne sitzenden Kollegen Benjamin Köhler Mut zuzusprechen. Eine tolle Solidar-Aktion, die nur möglich wurde, weil beim Revierklub ein Ex-Spieler der Köpenicker war, der sein Team zum Spalierstehen gegen seine vormaligen Kollegen überredet hatte. Der Name dieses Akteurs, der für die freundliche Passivität der Gäste sorgte, ist: Simon Terodde (33)!

„Eine überragende Aktion. Keiner wusste Bescheid, nichts war an die Presse durchgestochen worden oder an den Schiedsrichter. Das zeigt doch, dass Simon ein noch größerer Typ als Mensch denn als Sportler ist“, bekommt André Hofschneider, seinerzeit Co-Trainer der Eisernen und heute Nachwuchschef in Köpenick bekommt auch heute noch Gänsehaut, wenn er daran zurückdenkt.

Ein Tor noch und Terodde überholt Schatzschneider

Natürlich ist Terodde dieser Tage wegen ganz anderer Sachen in aller Munde. Wenn ihm nicht der Himmel auf den Kopf fällt, um es mit Albert Uderzos berühmten unbeugsamen Galliern zu sagen, wird er demnächst alleiniger Rekordtorschütze im Bundesliga-Unterbau werden. 153 Buden hat er dort schon gemacht, mit Hannover-Legende Dieter Schatzschneider (63) gleichgezogen.

Ausgelassener Jubel nach seinem ersten Zweitligatreffer: Simon Terodde freut sich mit Christoph Menz über sein Tor beim 4:0 gegen den FSV Frankfurt im Dezember 2011. imago/Contrast

Gut, dem einstigen Star von Hannover 96 wurde mit 42 Jahren Verzögerung bei einer Nachprüfung ein Tor aberkannt, weil der NDR auf seinen Archivbildern zu der Ansicht kam, dass das 1:0 von Schatzschneider beim 4:2-Sieg in Bremerhaven am 28. Juli 1979 gar nicht von ihm erzielt wurde, sondern vielmehr ein Eigentor war. Aber das ändert nichts daran, dass Terodde nun Schatzschneider überflügeln wird. Nun eben noch ein bisschen früher als zuvor gedacht.

Knackt Terodde am Freitag den Torrekord?

Wenn es so weit ist, wird Hofschneider garantiert eine SMS schicken. „Der Kontakt ist ja nie abgerissen“, meinte der 77-fache Ex-Bundesligaspieler. „Ich habe ihn jeden Tag im Training erlebt. Ein unheimlich selbstreflektierter Typ und dabei nie abgehoben. Er hat eine Ruhe vor dem Tor und hat sich enorm weiterentwickelt. Am Anfang hat er zu oft gegrübelt, was er eventuell falsch gemacht hat, wenn es mal nicht geklappt hat. Dadurch hat er sich zu sehr unter Druck gesetzt. Manchmal war er auch zu ungeduldig. Heute ist er abgeklärter“, so Hofschneider, der zudem drauf verwies, dass Terodde so gut wie nie verletzt war. „Auch das spricht für seinen professionellen Umgang mit einem Beruf.“

Eine Geschichte, die ihren Anfang nahm am 10. Dezember 2011, als Terodde beim 4:0 gegen den FSV Frankfurt im elften Einsatz für die Eisernen sein erstes Zweitligator erzielte. Bis heute kamen 152 weitere dazu. Der Rekordtreffer könnte schon an diesem Freitag fallen, wenn Schalke 04 ausgerechnet bei Schatzschneider-Klub Hannover 96 gastiert (18.30 Uhr/Sky).

Simon Terodde erzielt gegen Ingolstadt seinen 153. Zweitligatreffer.
imago images/Team 2

Wie die Eisernen auf Terodde kamen, weiß Hofschneider bis heute. „Trainer Uwe Neuhaus war ja mit Peter Neururer befreundet, der hat uns den Tipp gegeben, als wir nach Verstärkung im Angriff suchten. Peter sagte, da gäbe es diesen Typen, der sei noch nicht ganz fertig, noch etwas jung, aber der hätte das, was man nicht lernen kann“, so Hofschneider, der in Köpenick stets nur Hofi gerufen wird.

Es gibt nicht wenige rund um die Alte Försterei, die bis heute den plötzlichen Abgang des gebürtigen Bocholters, dessen 23 Treffer in 85 Zweitligakicks für Union ja auch kein schlechter Wert waren, bedauern. Auch weil der im Sommer 2014 ablösefrei über die Bühne ging. Auch André Hofschneider gehört dazu. „Ich war damals ja nur der Co-Trainer. Der Manager Nico Schäfer und der neue Chefcoach Norbert Düwel haben voll auf Adam Nemec gesetzt“, erinnert sich der heute 51-Jährige.

Ein halbes Jahr später war Nemec Geschichte bei den Eisernen, flüchtete nach New York. Terodde aber bombte fröhlich vor sich hin bei Revierklub Bochum. Explodierte förmlich und blühte auf. Für Hofschneider keine große Überraschung: „Wenn man ihm Vertrauen gab, zahlte er das immer zurück.“

41 Buden weiter und zwei Jahre später war Simon Terodde dem VfB Stuttgart 3 Millionen Euro wert, um den Abstieg als Betriebsunfall zu reparieren. Nach dem Wiederaufstieg schoben die Schwaben ihn nach nicht mal sechs Monaten Bundesliga ab nach Köln. Wenigstens kassierten sie ihre 3 Millionen Euro Ablöse dabei wieder ein. In der Domstadt konnte er die Geißböcke zwar nicht mehr retten, aber für den sofortigen Wiederaufstieg sorgten seine 29 Tore dann doch. Erneut wurde er abgeschoben nach der Rückkehr ins Fußball-Oberhaus. Ablösefrei! Was für eine Geldvernichtung.

André Hofschneider versteht die Bundesligisten nicht

Zuletzt traf er auch beim Hamburger SV beachtlich. Der einstige Bundesliga-Dino ließ ihn für lau weg zu Schalke trotz seiner 25 Treffer. Sollte Terodde die Königsblauen nach oben schießen, wird es noch böses Blut geben deswegen an der Alster.

Es war ein weiter Weg. Mit vielen Höhen und natürlich auch einigen Tiefen. Sport ist halt nicht immer nur eine Einbahnstraße. Auch den Begriff des Schwellenspielers will Hofschneider nicht gelten lassen. Als Schwellenspieler werden gerne die Akteure bezeichnet, die für die Zweite Liga zu gut sind, aber in der Beletage des deutschen Fußballs nicht ihre nachhaltigen Spuren hinterlassen konnten.

Ein stets wiederkehrendes Muster. Dessen Schuld Hofschneider nicht bei Terodde – immerhin dreifacher Torschützenkönig im Bundesliga-Unterbau – sieht, sondern bei seinen Klubs. „In der Zweiten Liga sollte er immer nur vorne drinstehen und dann heißt es nach dem Aufstieg, er laufe nicht genug an, wenn die Vereine auf einmal ihren Spielstil änderten und nicht mehr den Gegner dominieren, sondern auf Konter- und Umschaltfußball setzten. Aber diese kleinen, schwächeren Klubs geraten doch oft in Rückstand und müssen in der Schlussphase selber das Spiel machen, um irgendwie zu punkten. Da hätte er mit Sicherheit helfen können“, so Hofschneiders Einschätzung. Und sei es als treffsicherer Joker.

Mangelnder Mut? Mangelnde Geduld? Fehlendes Vertrauen? Ein bisschen von allem. „Ich verstehe die Unfähigkeit bei manchen Vereinen nicht, ihm die Erste Liga nicht zuzutrauen. Jeder Verein, der regelmäßig unterhalb der Champions League spielt in der Bundesliga könnte Simon gebrauchen“, ist sich Hofschneider sicher.

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