Die Profis des 1. FC Union ließen sich nach dem Sieg bei Maccabi Haifa minutenlang von den mitgereisten Fans feiern. Gelingt ein Sieg gegen Prag, wird die nächste Party steigen. Imago

Der Appetit kommt beim Essen, heißt es. Auf den Fußball übertragen könnte das in etwa bedeuten: Der Spaß kommt beim Spielen. Erst recht auf jener Spielwiese, auf die nicht alle dürfen, sondern nur die Besten. Zumindest die vom vergangenen Spieljahr. So wie der 1. FC Union, der morgen im Gruppen-Endspiel in Europas Conference League auf Slavia Prag trifft.

Finale – was für ein Wort für einen noch vor anderthalb Jahrzehnten (nicht falsch verstehen, bitte) ein wenig unterbelichteten Verein. Europa – noch so ein Hammerwort für den Klub, der seine Wurzeln in der Arbeiterschaft von Oberschöneweide hat. Aus der Europa League – wo zwar nicht ganz die Crème de la Crème der Super-Cracks spielt, heiße Namen kursieren dort dennoch allemal – würde bei einem Sieg gegen Tschechiens Meister der nächste Gegner kommen. Das hat ganz viel Charme.

Union straft Kritiker lügen

Wer, ehrlich, hat daran jemals ernsthaft zu glauben gewagt, als vor 18 Jahren, als Dirk Zingler noch nicht Präsident war (ja, auch so eine Zeit soll es Köpenick gegeben haben), in einer Auflage von 3000 Stück die „EisernCard“ aufgelegt wurde, die für 2222 bzw. 4444 Euro – das eine zum Stehen, das zweite zum Sitzen – einen Platz auf Lebenszeit zu den Spielen der Eisernen garantiert und DFB-Pokal- sowie Europapokalspiele einschließt? Träumer, klar! Hasardeure. Glücksritter. Zocker. Grenzenlose Optimisten und hoffnungslos in den Verein Verknallte vielleicht. Womöglich war auch der eine oder andere darunter, der, bevor sein Geld womöglich in falsche Hände gerät, es nur nicht zum Fenster hinauswerfen wollte.

Was ist daraus geworden, auch wenn Covid-19 und die aktuelle 5000-Zuschauer-Begrenzung derzeit manches auf den Kopf stellen? Ein typisches Beispiel von „Wer zuletzt lacht …“ und ein unfassbar ergreifendes Fußball-Märchen erst recht. Es ist die umgekehrte Geschichte von „Hans im Glück“, denn der zieht nach siebenjähriger Arbeit mit einem Goldklumpen los und kommt zu Hause mit leeren Händen an. Wer kennt es nicht, wie aus dem Gold ein Pferd wird, eine Kuh, ein Schwein, eine Gans und zuletzt ein Schleif- mitsamt einem Feldstein, die am Ende auch noch in einen Brunnen fallen.

Für die Rot-Weißen haben Europa und das auf dieser Bühne mögliche Überwintern einen magischen Reiz. Manch Etablierter hat mit den Augen gerollt, als sich die Eisernen fürs internationale Geschäft qualifiziert haben. Andere haben den Männern um Trainer Urs Fischer vorm Tanz auf drei Hochzeiten alles Glück gewünscht, klammheimlich aber gedacht: Was erlauben diese derart Widerborstigen aus Köpenick. Und geunkt: Wenn’s dem Esel zu wohl wird …

Union einziger Ost-Klub mit Europa-Ticket 

Auf die genialen Ideen von Unions Spielmacher Max Kruse wird es auch gegen Slavia Prag ankommen. Imago

Nee, eingebrochen sind sie nicht. Im Gegenteil. Sie legen, selbst wenn es morgen nicht reichen sollte, eine Performance vom Feinsten hin. Nach dem Vier-Spiele-Auftritt im Herbst 2001 gegen Haka Valkeakoski aus Finnland und Liteks Lovetsch aus Bulgarien bleibt das Eisern-Team sowieso das einzige aus Deutschlands Osten (RB Leipzig hat aufgrund seiner Entstehung in dieser Kategorie nichts verloren), das in 30 Jahren Fußball-Vereinigung ein Ticket für Europa gebucht hat. Es ist den Erstligisten Hansa Rostock nicht gelungen und nicht Dynamo Dresden, nicht Energie Cottbus und erst recht nicht dem damaligen VfB Leipzig.

Es ist einmalig und es winkt, Sprachästheten mögen sich wegducken, noch Einmaligeres. Dass, wenn am 17. und am 24. Februar die Play-offs gespielt werden, auch die Eisernen dabei sind. Dass sie überwintert haben und weiterhin ihre Chance suchen.

Das Überwintern ist für Bayern München kein wirklicher Gradmesser. Für den 1. FC Union aber schon, denn das Überwintern in Europa hat zwischen den Breiten- und Längengraden, in denen sich die Männer aus Köpenick seit ihrer Gründung 1966 ein Vierteljahrhundert bewegt haben, durchaus Seltenheit. Dem 1. FC Magdeburg ist es gelungen bei seinem Triumph 1974 und Carl Zeiss Jena und dem 1. FC Lok Leipzig auch. Ebenso haben es die Dynamos aus Dresden und, ja, auch die aus Berlin geschafft, dazu in ganz frühen Meistercup-Jahren Wismut Aue und Vorwärts Berlin sowie bei den Pokalsiegern das Jürgen-Croy-Sensationsteam von Sachsenring Zwickau.

Um es auf den Punkt oder auf ein 1:0 zu bringen, das den Eisernen für diesen Schritt schon reichen würde: Es wäre ein weiterer grandioser Meilenstein und, Jungs, holt ihn euch, ein neuer Ritterschlag. 

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