Sven Beuckert beschneidet die Hecken in seinem Garten. z.Vg.

Ans Gemüt geht die Situation auch ihm. Denn auch für Sven Beuckert (46), vor 20 Jahren von Erzgebirge Aue zum 1.FC Union gekommen und mit den Eisernen gleich im ersten Jahr sowohl in die zweite Bundesliga aufgestiegen als auch ins DFB-Pokalfinale gestürmt, ist nichts mehr wie zuvor. Allerdings hat der Schlussmann schon manche Krise gemeistert.

So hat er auch Covid-19 den Kampf angesagt. Unions Elfer-Held klotzt als Haus-Mann ran. „Das ist alles nicht lustig“, sagt Beuckert, seit Jahren Torwarttrainer bei Drittligist MSV Duisburg. Denn seit 1. März und damit länger als alle anderen schiebt er Kurzarbeit. „Die Corona-Infektionsrate ist bei uns in Nordrhein-Westfalen ja ziemlich hoch, deshalb haben wir früher als die meisten anderen auf die Situation reagiert. Schon ziemlich bald habe ich erfahren, dass es bei einigen an die Existenz geht.“

Dabei könnte der ehemalige Schlussmann, der sich im Halbfinale des DFB-Pokals 2001 beim 4:2 im Elferschießen gegen Gladbach mit den gehaltenen Schüssen von Arie van Lent und Max Eberl Legendenstatus erworben hat, sportlich ganz zufrieden sein. Die „Zebras“, für die er einst sogar in der Bundesliga spielte und bei denen er zum Trainerstab gehört, führen die Drittligatabelle an und wähnen sich auf dem Sprung zurück in die Zweite Liga. Eigentlich. Wenn da eben nicht diese Ausnahmesituation wäre.

Die ist auch für Beuckert einmalig, natürlich. Aber mit Krisen kennt sich der 1,95-m-Kerl ziemlich gut aus, vor allem mit persönlichen. Die größte traf ihn am 22. Juni 2009, als er bei einem Unfall mit einem Pferd fast seinen rechten Daumen verloren hätte. Der Torhüter, als damals 35-Jähriger noch an der Wedau unter Vertrag, hatte keine Chance gegen das durchgehende Tier. „Eine Vene war noch dran und vielleicht fünf Zentimeter Haut“, erinnert sich Beuckert. Ans Aufhören hat er da, seit Kindesbeinen ein Pferdeliebhaber, der sich in Aue von seinem ersten Profigehalt sein erstes eigenes Pferd gekauft hatte, noch nicht einmal gedacht. „Vielmehr habe ich davon geträumt, trotz einer dreieinhalbstündigen Operation, in der der Finger wieder angenäht wurde, mich wieder ins Tor zu stellen“, sagt er.

Daumen drücken für die Eiseren

Erst später kommt die Erkenntnis, „dass es nicht mehr geht, dass die Behinderung doch zu groß ist und der Daumen nicht nur für einen Fußball-Torhüter ein verdammt wichtiger Finger ist“. Beuckert wird Marketingleiter beim Frauenteam des FCR 2001 Duisburg. Seit der Bundesligist aber vom MSV übernommen wurde, betreut die ehemalige eiserne Nummer 1 die Schlussmänner bei den „Zebras“. Die Bundesliga ist jedoch in weite Ferne gerückt. „Seit dem Zwangsabstieg 2013 aus der zweiten Bundesliga in die dritte Liga pendeln wir zwischen diesen beiden Spielklassen“, stellt Beuckert fest, „der Zwangsabstieg damals hat uns das Genick gebrochen.“

Umso fester drückt er den Eisernen die Daumen, denn die drei Jahre in Köpenick bleiben ihm in bester Erinnerung. „Eigentlich hatte ich überall eine erfolgreiche Zeit“, sagt er, „als ich aber zum Relegationsspiel gegen Stuttgart in der Alten Försterei war, habe selbst ich wieder Gänsehaut bekommen.“ Nun aber kann Beuckert die Daumen, so kaputt der rechte auch gewesen ist, nur noch insofern drücken, dass möglichst jeder die Zwangspause glimpflich übersteht. „Ich weiß, dass das hart ist und noch härter wird, dass nahezu jeder an die Grenze gehen muss.“

Es ist eine Zeit für Kämpfer. Beuckert, im sächsischen Stollberg im damaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt geboren, ist einer. Gerade auch jetzt. Sein Plan: „Von Anfang an habe ich mir vorgenommen, die Zeit sinnvoll zu verbringen.“ Auf seinem Gehöft in Götterswickerham, etwa 25 Kilometer entfernt von Duisburg gelegen, ist jede Menge zu tun. Da packt der einstige eiserne Pokalheld kräftig an. „Wir haben ein kleines Haus und viel Wiese“, erzählt Beuckert, „da habe ich schon einige Dinge erledigt. Aber es bleibt noch genug zu tun, im Garten sowieso, doch ich will auch ein bisschen Farbe an die Wände bringen.“

Zurück zu den Wurzeln

Der einstige exzellente Ballfänger weiß, wovon er spricht, denn seine Hände kann er nicht nur auf dem Spielfeld sinnvoll einsetzen. Auch handwerklich macht ihm so schnell keiner was vor. „Ich bin doch nicht nur Torhüter“, sagt er, „ich habe auch einen ganz praktischen Beruf gelernt, ich bin ausgebildeter Industriemechaniker.“ In Zeiten wie diesen also lässt Beuckert altes Können neu aufblitzen. „In meinem eigentlichen Beruf habe ich als junger Kerl sogar richtig gearbeitet und Geld verdient. Ein dreiviertel Jahr habe ich mit, wie man so sagt, Gas-Wasser-Scheiße zu tun gehabt. Und meinen Zivildienst habe ich in einem Kindergarten als Hausmeister geleistet.“

Damit kehrt Beuckert, zumindest zeitweise und gezwungenermaßen, zu seinen beruflichen Wurzeln zurück. Natürlich sehnt auch er sich danach, wieder die MSV-Schlussleute zu coachen und besser zu machen. Vorerst aber klotzt er in seinen eigenen vier Wänden als Hausmeister und in seinem Gehöft als Gärtner ran.