Unions Milos Pantovic scheitert vom Punkt an seinem Bochumer Ex-Kollegen Manuel Riemann.
Unions Milos Pantovic scheitert vom Punkt an seinem Bochumer Ex-Kollegen Manuel Riemann. Imago/Nordphoto

Über Elfmeter wurden schon viele Bücher geschrieben. Manche sind nahezu philosophischer Natur. Der Österreicher Peter Handke, 2019 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt, gehört mit seiner frühen Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, die 1970 und damit sechs Jahre vor der weltweiten Einführung bei Spielen, bei denen es einen Gewinner braucht, erschienen ist, äußerst prominent dazu. Dabei ist der Protagonist nur rein zufällig Schlussmann. Es geht auch nicht um ein Fußballstück, sondern um einen schizophrenen und damit kranken Menschen, der als Modell dafür dient, die Grenzen der Sprache auszuleuchten.

Fast beiläufig kommt bei Handke dennoch diese Sequenz vor: „Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen grellgelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoss ihm den Ball in die Hände.“

Genau das könnte, auch wenn Vergleiche naturgemäß meist auf beiden Beinen hinken, ein wenig auch für den 1. FC Union gelten. Natürlich muss nicht der Torwart Angst vor einem Elfmeter haben, schließlich ist er in diesem Duell sowieso der David, sondern allein der Schütze. Von ihm wird in allererster Linie erwartet, dass er diese seltene Chance zu einem Treffer nutzt.

Der erste 1. FC Union hat erst einen Elfer von dreien versenkt

Bei den Eisernen, ja, das ist ziemlich gemein, muss der gegnerische Keeper erst recht nicht ins Schwitzen kommen. Denn wettbewerbsübergreifend haben die Rot-Weißen in diesem Spieljahr von drei Elfmetern erst einen verwandelt: den durch Robin Knoche beim 1:0 in der Alten Försterei in der Europa League gegen Malmö. Mit dem jüngsten, dem beim 1:2 in Bochum, ist Milos Pantovic an VfL-Schlussmann Manuel Riemann gescheitert.

Den ersten Elfer beim 1:0 in Köln, als die Partie für die Eisernen trotzdem ein gutes Ende nahm, hat Jordan Siebatcheu, um bei Handke zu bleiben, dem Keeper tatsächlich so gut wie in die Hände geschossen. Dabei hatte FC-Schlussmann Marvin Schwäbe nicht nur ein grellgelbes Trikot an, sondern kam ganz in Gelb.

Mit Elfmetern ist das naturgemäß so eine Sache. Wer schon möchte in dem Schützen für den entscheidenden Versuch stecken? Da schauen Zigtausende Menschen zu, bei großen Turnieren oder sogar Finalspielen sogar zig Millionen. Geht der Ball rein, ist alles fast normal. Aber wenn nicht, dann …

Man braucht Uli Hoeneß nicht zu fragen, wie oft er sich, damals gerade 24 Jahre jung, im Bett gewälzt hat nach der Nacht von Belgrad, als er im EM-Finale 1976 den Ball weit über das Tor donnerte und der Titel an die Tschechoslowakei ging. Auch Roberto Baggio hatte, obwohl zuvor ebenso Franco Baresi und Daniele Massaro nicht getroffen hatten, Albträume, weil mit seinem Fehlschuss klar war, dass die Italiener den Weltmeistertitel 1994 Brasilien überlassen müssen.

Der 1. FC Union hatte sein Elferdrama in Osnabrück

Nicht minder der Franzose David Trezeguet, weil er im WM-Finale 2006 in Berlin seinen Versuch an die Latte setzte und so Italien zum Weltmeister machte. Von Bastian Schweinsteiger nach seinem missglückten letzten Schuss im „Finale dahoam“, dem Endspiel der Champions League 2012, das auch durch seinen Lapsus nicht die Bayern gewannen, sondern der FC Chelsea, ganz zu schweigen. So etwas bleibt für den Rest des Lebens.

Insofern sind die Elfmeter, die in der Bundesliga verschossen werden, auch die von Siebatcheu und Pantovic, vergleichsweise lapidar. Allerdings kratzen auch sie eine Zeit lang am Selbstwertgefühl, sorgen für Nachdenken und Grübeln. Es sei denn, man hat einen in seinem Team, wie die Eisernen anderthalb Jahre mit Max Kruse, der vom Punkt kalt wie Hundeschnauze ist und alle Versuche nahezu traumwandlerisch versenkt.

Max Kruse scheitert zunächst vom Punkt an Kölns Timo Horn und versenkt die Kugel dann im Nachschuss für den 1. FC Union.
Max Kruse scheitert zunächst vom Punkt an Kölns Timo Horn und versenkt die Kugel dann im Nachschuss für den 1. FC Union. Imago/Team2

Wenn dann nach zig Versuchen und nach vielen Jahren doch einer nicht sitzt, dann eben im Nachschuss, drin ist drin. Andererseits hatte auch Pantovic bis zum Sonntagnachmittag von 15 Versuchen keinen versemmelt.

Auch die Vorvorgänger der Männer aus der Alten Försterei können ein Lied von Elfmetern singen, die total in die Hosen gegangen sind. Ältere Anhänger werden sich an Osnabrück erinnern und an ein Mammut-Elfmeterschießen zum erstmaligen Erreichen der Zweiten Bundesliga, das mit 8:9 einen traurig-epischen Ausgang nahm und in dem neben Michael Zechner und Steffen Menze schließlich auch Torhüter Kay Wehner (alle mussten ran) vergab.

Eines, nur Monate später bei Schnee, Eis und Frost ausgetragen, ging, da die Eisernen damit 2001 das Finale im DFB-Pokal erreichten, dagegen glücklich aus. Der Gegner damals: Borussia Mönchengladbach, am Sonntag in Köpenick der nächste Gast um Punkte. Sollte der Ball dann oder schon morgen in der Europa League gegen Sporting Braga wieder auf dem Punkt liegen, wäre eine Erinnerung daran, ob bei Siebatcheu, Pantovic oder einem anderen, vielleicht hilfreich.

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