Hat in Köpenick Spuren hinterlassen: Rafal Gikiewicz kommt nun mit dem 1. FC Augsburg zurück an die Wuhle.  dpa

Wiedersehen macht Freude, manchmal auch Freunde. Je nachdem, wie es ausgeht. Das wird dem 1. FC Union, je länger er in der Bundesliga spielt, immer öfter passieren, so oder so. Weil die Eisernen in ihrer dritten Saison inzwischen liebgewordener Teil dessen sind, was Wochenende für Wochenende in Deutschlands oberster Spielklasse passiert und sie deshalb mehr und mehr mit dem Getriebe verschmelzen und es ein klein wenig sogar ölen.

Immer öfter nämlich gibt es bei dem einen oder anderen gegnerischen Spieler den Zusatz, dass er mal als einer der Ihren in der Alten Försterei gespielt hat. Eine komplette Mannschaft der Ex-Eisernen kommt aktuell noch nicht zusammen, viel aber fehlt nicht mehr: Robert Andrich, Keven und Nico Schlotterbeck, Sebastian Andersson, Christopher Lenz und nach den letzten Tagen des Transfersommers auch Marcus Ingvartsen und Sebastian Griesbeck. Bayer Leverkusen, der 1. FC Köln, Eintracht Frankfurt, Mainz 05 und Greuther Fürth sind nunmehr die Vereine und bei den Schlotterbecks ist der SC Freiburg der neue auch der alte. Selbst einen Trainer mit Köpenicker Vergangenheit hat diese Noch-Rumpf-Elf: Steffen Baumgart, diesen Temperamentsbolzen, der seit diesem Spieljahr die Kölner Geißböcke auf Angriff trimmt.

Gikiewicz wurde gegen Hertha zur Legende

Mit anderen Worten: Es gibt in der Bundesliga immer mehr Eisern Union.

Einer fehlt in dieser Aufzählung, völlig klar. Mit ihm hat diese Geschichte einst angefangen und er hat bei den Anhängern sowohl auf der Waldseite als auch sonst in der Alten Försterei die zuletzt tiefsten Fußstapfen hinterlassen, auch wenn es in seinem Fall eher Handabdrücke sind: Rafal Gikiewicz. Nun kommt der Schlussmann mit dem FC Augsburg zurück ins Ballhaus des Ostens, zum zweiten Mal nach seinem Abschied im Sommer 2020.

Herzlich willkommen, Rafal, oder besser: Serdecznie witamy!

Die erste Rückkehr stand für den Polen unter einem äußerst günstigen Stern. Es war sein erstes Punktspiel für seinen neuen Verein, es war das erste Meisterschaftsmatch überhaupt nach dem spektakulären Torhütertausch mit Andreas Luthe, und es endete wie seitdem nie wieder eine Partie in der Alten Försterei, mit einem Sieg für das Gäste-Team. Für diejenigen Fans, die das Resultat aus ihrem Gedächtnis gestrichen haben, obwohl die übrige Saison ein einziges Spektakel geworden ist: Union 1, Augsburg 3.

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Rafal Gikiewicz legte sich im Derby gegen Hertha mit einigen Union-Chaoten an, die auf dem Platz stürmten. 

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Im modernen Fußball bürgert es sich immer mehr ein, dass ein Ex bei einem Erfolg über seinen ehemaligen Verein nicht mehr zu Jubelarien losstürmt, sondern ein Tor mit einem Pssst-Zeigefinger auf seinen Lippen allein in sich hineinfeiert, wobei feiern nicht einmal der richtige Begriff dafür ist und Andacht es eher trifft. Demut und Respekt sind die Kategorien in einem solchen Moment.

Ein Treffer von Gikiewicz, nun ja, ist nach Lage der Dinge nicht zu erwarten. Aber bei diesem irgendwie ganz und gar verrückten Kerl, der sich, wie man einst nach dem 1:0-Heimsieg gegen Hertha BSC gesehen hat, beim versuchten Platzsturm auch den eigenen Fans in den Weg stellt, weiß man nie, zumal es die Försterei ist und jeder Union-Anhänger die

Ex-Unioner Gikiewicz mit Augsburg unter Druck

traumhafte Geschichte kennt: 7. Oktober 2018, die 4. Minute der Nachspielzeit gegen Heidenheim beim Stand von 0:1, Kopfball Gikiewicz, Tor, der Ausgleich zum 1:1, Platz 2 in der 2. Bundesliga behauptet und am Saisonende, auch und gerade dank dieses Torhüter-Torjägers, aufgestiegen. Das, was diesen Teufelskerl ausmacht, nennt man anderswo schon Kult.

Derzeit läuft es für Gikiewicz allerdings nicht sonderlich gut. Acht Tore schon hat der 33-Jährige in den bisherigen drei Spielen kassiert, sein Team hinkt als Tabellenvorletzter hinter den eigenen Erwartungen deutlich zurück. Wer ihn kennt, und wenn es nur ein Hauch ist, weiß, dass der Vulkan in ihm zu brodeln beginnt. Aber auch, dass er, wenn es Sonnabend 15.30 Uhr schlägt, in seinem einstigen Wohnzimmer zu ganz besonderen Taten fähig ist.

Einem zu Null vielleicht, dem Wunschergebnis eines Schlussmannes. Das wiederum wäre für die Eisernen, Respekt vor dem Torhüter hin und dem Gegner her, selbst im besten Fall zu wenig. Was wünscht man also einem, den man wertschätzt, die Sympathien aber beim anderen Team, eben dem 1. FC Union, liegen? Dass er seine Klasse unter Beweis stellt, zig Hochkaräter entschärft, gegen das entscheidende Tor aber, vielleicht ist es ein Elfmeter oder ein doppelt abgefälschter Distanzschuss, dann doch machtlos ist. Auf jeden Fall, dass er sein Gesicht wahrt, erhobenen Hauptes die Alte Försterei verlassen kann und in der nächsten Saison gesund wiederkommt. Wie das mit Freunden so ist und weil das Wiedersehen mit ihnen Freude macht. Andreas Baingo

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