Waren mal wieder fleißig und haben nun viele Spieler zu integrieren: Union-Trainer Urs Fischer (l.) und Manager Oliver Ruhnert.  Imago

Endlich ist es zu, dieses Transferfenster. Denn was haben sie nur gewuselt bis zur letzten Minute. Auch hat es was von Tauschbörse: Gibst du mir, gebe ich dir. Weil ich Verteidiger X, Mittelfeldmann Y oder Angreifer Z zu einem anderen Verein und damit von meiner Gehaltsliste transferiert habe, wäre ein wenig Budget übrig. Zunehmend werde ich den Eindruck nicht los, dass dieser Markt derart überhitzt ist, dass die Suppe zum Überlaufen kommt.

Als ich in den Journalismus einstieg, 1975 war das, war die Sache so was von übersichtlich, dass ich die Wechsel glattweg im Kopf hatte. Alle. Es war eine andere Zeit, zugegeben, vor allem in der DDR, wo in der Oberliga keine Ausländer spielen durften, nicht einmal solche, die hier aus der großen und brüderlichen Sowjetunion stationiert waren.

Transfermarkt grenzt an Völkerwanderung

Es gab in jenem Sommer zwischen der einzigen DDR-Teilnahme an einer WM-Endrunde und dem Olympiasieg von Montreal nur einen Wechsel, der auch heute als solcher durchgeht: Joachim Streich sagte bei Hansa Rostock Ahoi und beim 1. FC Magdeburg Hallo. Das wäre selbst dann ein Hammer-Wechsel gewesen, wäre Streich nicht der talentierteste und begnadetste Torjäger seiner Zeit und seines Landes gewesen. Alle anderen Neuen kamen aus der zweiten Mannschaft oder dem eigenen Nachwuchs. Ansonsten: Pustekuchen. Im Westen war es ähnlich, da blieben die Knaller auch aus. Wer die Neuzugänge Ludwig Schuster (von Bayern Hof), Kjeld Seneca (Sturm Graz) und Jürgen Marek (Villingen) mit dem FC Bayern in Verbindung bringt, muss schon ganz tief in die Bundesliga eintauchen.

Insofern grenzt das, was heutzutage alle Jahre passiert und alle halben dazu, an eine Völkerwanderung. Ich weiß nicht, was ich von Last-Minute-Einkäufen halten soll. Sind das tatsächlich Durchreißer, die sich bislang nur verstellt und insgeheim darauf gelauert haben, endlich zum Verein ihres Herzens zu kommen und es nur durch eine Reihe blöder Umstände bisher nicht geschafft haben? Sind es Spieler, die beim neuen Verein darauf brennen, ihren Leistungs-Turbo zu zünden, weil ihnen beim bisherigen aus Versehen oder besser noch durch fremdes Verschulden die Lunte nass geworden ist? Mir fällt auch schwer zu glauben, dass solche Techtelmechtel wie das von Marvin Friedrich mit Hertha BSC dazugehören sollen.

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Unions Umbruch ist gefährlich 

Na gut, neues Spiel, neues Glück. Manchmal tut ein Wechsel, ein überraschender zumal, tatsächlich gut. Das sogar beiden Seiten. Trotzdem bin ich perplex, dass sich in den leichten Aktionismus auch der 1. FC Union eingeklinkt hat. Die Eisernen haben doch schon, wie alle Jahre seit dem Aufstieg in die Bundesliga, ihr Team von Grund auf umgekrempelt und das prima gemeistert. Auch jetzt wieder. Selbst wenn ich Taiwo Awoniyi, weil er in der vorigen Saison schon da war, nicht mitzähle, komme ich bis zum 2:1 gegen Mönchengladbach auf elf neue Spieler. Elf! Eine komplette Mannschaft! Noch nicht genug. Mit Bastian Oczipka und Kevin Möhwald schlägt es 13! Leute, solch ein gnadenloser Umbruch klappt nicht immer. Außerdem klingt es, Tanz auf drei Hochzeiten hin oder her, nach einer eisernen Raupe Nimmersatt.

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Alle, ohne Ausnahme, auch alle Neuen sind in den Augen der Fans auf der Waldseite natürlich Fußball-Götter. Das sind sie qua Überstreifen des Trikots mit dem Union-Emblem, da haben sie noch keinen vernünftigen Pass gespielt, geschweige denn ein Tor erzielt. Ein Fußball-Gott war, wenn auch nur für Momente, sogar Loris Karius. Fehlt er jemandem? Das alles, ein bisschen Glamour hier und ein bisschen Bling-Bling da, mag zu manchem Gemüt und in diese Zeit passen. Aber ist es auch gut? Auf jeden Fall zeigt man sich mit auf dem Karussell. Nur: Mir fehlen die Haudegen, an die sich ein Fan, heute zehn, zwölf, 15 oder 18 Jahre alt, in drei oder vier Jahrzehnten erinnern wird. An solche Spieler, die eine Ära prägen und bei deren Namen jeder sofort weiß: Der ist von Union. Es sind die Joachim Siguschs, Wolfgang Matthies‘, Lutz Hendels, Tom Persichs, Michael Parensens und Christopher Trimmels (der Capitano ist noch da, aber wie lange?) der Alten Försterei.

Kruse auf Baumgarts eisernen Spuren 

Es gibt natürlich auch diejenigen, die nach einem Jahr, selbst nach Monaten nur oder gar Wochen Spuren hinterlassen. Wie es einst Jimmy Hoge gelungen ist und Mecky Lauck. Aber sie sind selten, sie sind mit der Lupe zu suchen und ein ausgemachter Glücksfall. Max Kruse ist so einer, dem würden manche am liebsten schon jetzt einen Schrein basteln. Zu Unions Fußballer des Jahres haben sie ihn ja schon gewählt nach seiner ersten Saison in Köpenick. Auch Steffen Baumgart hat es binnen kürzester Zeit geschafft, sich in die Herzen der Fans zu spielen. Zwei Jahre war die Alte Försterei sein Wohnzimmer, beide Male – Max Kruse, die Latte hängt hoch – hat er den Pokal für den angesagtesten Unioner bekommen.

Mit den Jahren habe ich immer mehr den Eindruck gewonnen, dass diejenigen, die Bleibendes hinterlassen, eine aussterbende Spezies sind. Insofern bin ich froh, dass dieses Transferfenster endlich zu und am besten verrammelt ist.

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