Sebastian Polter machte die Unioner beim ersten Derby in der Alten Försterei mit seinem Siegtor glücklich. Foto: Matthias Koch

Es gibt Fußballspiele und es gibt Derbys. Niemand weiß das besser als diejenigen, die in der Kurve stehen – auch wenn sie gerade nicht dort stehen. Fußballspiele sind in gewisser Weise berechenbar, zumindest ein klein wenig. Derbys dafür kein bisschen. Sie sind, was die Prognose betrifft, noch komplizierter einzuschätzen als Pokalspiele. Und die, so sagt man, haben schon ihre eigenen Gesetze. Anstelle von Derby könnte man auch sagen: Wundertüte.

Das allein hat was von Zauber, von Magie, von Ich-weiß-nicht-wie-es-ausgeht-deshalb-freue-ich-mich-diebisch-Drauf. Ein kleiner Ausflug ins laufende Spieljahr und zu anderen Derbys unterstreicht das. Da holt der Hamburger SV in der 2. Bundesliga, obwohl beide Male Tabellenführer, gegen St. Pauli, im ersten Spiel auf Rang 9 platziert und neun Punkte schlechter, im zweiten auf Rang 11 und 14 Zähler dahinter, gerade einen mickrigen Punkt. Sollte der einstige Bundesliga-Dino zum dritten Mal die Rückkehr ins Oberhaus verpassen, könnte einer der Gründe dafür sein aufmüpfiger Rivale aus dem Kiez sein.

Die Eisernen sind in einer komfortablen Lage

Noch verrückter ist es derzeit in Manchester. Die Citizens, also das von Pep Guardiola trainierte City, sind bei 14 Punkten Vorsprung so gut wie Englands neuer Meister. Aber auch sie haben gegen die Red Devils, das von Ole Gunnar Solskjaer trainierte United, in zwei Vergleichen nur ein Pünktchen geholt. Zwischen den beiden Spielen gegen den Stadtrivalen durfte sich Guardiola in 22 Partien über 21 Siege am Stück (ganz am Anfang stand ein Unentschieden) in der Premier League, im Liga-Cup, im FA-Cup und in der Champions League freuen, doch dann kam United und goss bei seinem 2:0-Triumph kräftig Wasser in den Wein.

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Natürlich sind die Vorzeichen des Hauptstadt-Derbys zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC ein wenig anders. Die Eisernen sind in einer komfortablen Lage, sie sind in allen Kategorien, die für das Abschneiden wichtig sind, besser als ihr Gegner am Sonntag. Sie haben 14 Punkte mehr (Vorsicht, die hatte der HSV gegen St. Pauli ja auch), sie haben neun Tore mehr geschossen und trotz der jüngsten Packung bei Eintracht Frankfurt 13 weniger kassiert. Für ein Derby sagt das jedoch nichts aus, gar nichts. Diese 90 Minuten plus Nachspielzeit haben eine ganz andere Wucht. Sie wissen schon, andere Gesetze halt, und wenn es sich nur um solche handelt, die im Kopf von Bedeutung sind oder beim Brötchenholen, weil sich wahrscheinlich auch die Bäckersfrau an das Ergebnis aus dem Derby erinnert.

Womöglich bahnt sich aber auch eine Wachablösung an, ganz sachte vielleicht und eventuell nur für den Moment. Das mag utopisch klingen hier im zweiten und da im 38. Spieljahr in der Bundesliga, für manchen sogar etwas großkotzig. Aber auch in München waren die Blau-Weißen von 1860 einst eine größere Nummer als die Roten von Bayern, und als Dortmund das erste Mal Meister wurde, 1956 nämlich, hatte sich Schalke (auch wenn es gerade nicht so richtig passt) schon sechs Titel einverleibt. Nichts ist für die Ewigkeit.

Union Oberschöneweide belegte Platze zwei der Stadtmeisterschaft

Genau das haben vor Jahrzehnten auch die Eisernen erlebt. Diese Erfahrung hatte eine ganz und gar historische Dimension. In der Saison 1949/50, im Osten war mit der ZSG Horch Zwickau der erste DDR-Meister gekürt und im Westen hatte sich der VfB Stuttgart im Finale gegen Kickers Offenbach behauptet, spielten in der Berliner Stadtliga die Vereine Ost und die Vereine West einen gemeinsamen Stadtmeister aus. Zweiter damals hinter Tennis Borussia: Union Oberschöneweide. Zehnter im Zwölferfeld und nur knapp dem Abstieg entgangen: Hertha BSC. Heinz Rogge hatte mit 29 Treffern erheblichen Anteil am Erfolg der Eisernen. Nur mal zum Nachdenken und zum Augenzwinkern: Unions Knipser vom Dienst erzielte lediglich zwei Tore weniger als die Blau-Weißen zusammen. Selbst beim Zuschauerzuspruch hatten die Männer aus der Wuhlheide denen aus dem Wedding ziemlich was voraus. Sie kamen bei Heimspielen auf einen durchschnittlichen Besuch von 11.583, die Blau-Weißen nur auf 8727. Sogar in den Spielen gegeneinander ließen sich die Köpenicker nicht lumpen. An der Plumpe gewannen sie 1:0, das Heimspiel gar 5:1.

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Dass die Geschichte danach völlig auseinanderging und eine komplett unterschiedliche Färbung erhielt, ist zum größten Teil nur für Historiker interessant und für eingefleischteste Freaks. Am wichtigsten ist das Hier und Heute, selbst wenn es nicht in der Kurve gefeiert und am Stammtisch diskutiert werden darf. Wenn es aber doch für die rot-weißen Anhänger möglich wäre, bei all den Unwägbarkeiten eines Derbys einen Wunsch zu äußern, dann diesen: Soll der Derby-Gott bitte dafür sorgen, dass es in Bundesliga-Duellen so bleibt, wie es sich bisher gefügt hat, bei einem Heimsieg. Es muss ja nicht wie vor 71 Jahren ein 5:1 sein. Ein 1:0 reicht auch schon. Zur Not geht’s wie durch Sebastian Polter beim ersten Mal in der Bundesliga per Elfmeter.