Hat er da schon den nächsten Transfer am Telefon? Union-Manager Oliver Ruhnert. Foto: Matthias Koch

Am Anfang hatte ich den Eindruck, hey, da legt einer ein höllisches Tempo vor. Nicht, dass jemandem schwindelig wird, weil der Transfer-Turbo hochtourig läuft. In Windeseile wurde vor einem Jahr eine Mannschaft aus dem Boden gestampft, die sich als konkurrenzfähig erwies und als so stabil, dass sie auch Durchhänger meisterte. Noch bevor Urs Fischer das erste Training des frischgebackenen Erstligisten leitete, waren zehn neue Spieler dabei.

Wer das am meisten gestemmt hat? Oliver Ruhnert. Der Manager hat geklotzt, er hat die Mannschaft umgekrempelt, er hat sie personell deutlich anders aufgestellt. Mindestens genauso wichtig aber ist: Er hat bei allem auch sein Herz gefragt. Eine Sache des Respektes gegenüber denjenigen, die den Aufstieg gewuppt haben, sei es, dass sie auch ohne Aussicht auf längere Einsatzzeiten im Verein bleiben. Von einem erfüllten Traum war die Rede und davon, dass man diesen Traum allen, die ihn ermöglicht haben, erlebbar machen solle.

Der Manager ist für mich mittlerweile ein Phänomen, ein Aus-dem-Hut-Zauberer, einer, der beim Wettlauf zwischen Hase und Igel nicht immer gewinnt, dafür aber wie die Stacheltier-Familie mit ganz viel Überlegung bei der Sache ist, kreativ bleibt und eine Situation auch mal mit dem nötigen Augenzwinkern löst.

Oliver Ruhnert ist ein Tausendsassa

Inzwischen ist und kann Oliver Ruhnert so gut wie alles, zumindest sehen viele ihn so. Er ist erst einmal Lehrer für Sport, Geschichte und Deutsch. Das allein schon signalisiert: Daumen hoch! Dabei ist er ein Tausendsassa, ein Strippenzieher und ein Politiker, der wegen seines Wechsels von der SPD zur Linkspartei schon mal „Oscar Lafontaine aus Iserlohn“ genannt wird. Er ist zugleich Schiedsrichter, er ist Trainer mit A-Lizenz und – er kann Understatement. Da, wo andere in seinem Job nur so vor die Kameras drängen, gefällt er sich im Hintergrund. Wo es zunehmend um Eitelkeiten und Selbstgefälligkeit geht und die Vernünftigen immer weniger gehört werden, ist es ihm neben einem Dreier am Wochenende mindestens genauso wichtig, dass in seiner Heimat im Sauerland ein Kindergarten gebaut wird.

Dieser Mann gehört einer aussterbenden Spezies an. Was er tut, wirkt nicht nur unaufgeregt, es ist unaufgeregt. Wo andere in der vorigen Winterpause personell nachgelegt haben wie verrückt, hatte Ruhnert seine Hausaufgaben schon im Sommer erledigt. Früher, ganz früher, als die Sitzordnung in der Schule noch so war, dass die besten Schüler vorn und die miesesten hinten saßen und ein Zögling an einem guten Tag „eins rauf“ durfte, eine Reihe nach vorn, aber nur für diese eine Stunde, hätte es bei Ruhnert geheißen: „Eins rauf mit Mappe!“ Er wäre mit allen seinen Büchern und Heften für alle Tage aufgerückt.

Es kann diesmal ganz anders ausgehen. Alles scheint möglich in einem Business, in dem der Bundesliga-Dritte auch ohne seinen besten Angreifer ins Halbfinale der Champions League stürmt, ein Viertligist unter die besten vier Teams des DFB-Pokals kommt und ein Bundesliga-Urgestein trotz 16 sieglosen Spielen in Folge nicht abgestiegen ist. So kann auch ein zunächst glänzender Neuling in seinem zweiten Jahr abschmieren, keine Frage. Nur: Oliver Ruhnert hat, da andere sich schwertun, erneut den Transfer-Turbo eingelegt. Er hat auch diesmal ganz früh die Mannschaft aufgepeppt, hat acht neue Gesichter an die Alte Försterei geholt von Max Kruse bis Robin Knoche und von Andreas Luthe bis Keita Endo.

Fehlt nur noch das Happy End. Das wird schwierig. Vielleicht aber heißt es auch am 22. Mai 2021 für Oliver Ruhnert wieder: Eins rauf mit Mappe!