Arbeitet stets mit Auge und hat auch noch jede Menge Spaß dabei: Union-Trainer Urs Fischer. Foto: dpa/Matthias Koch

Elf Freunde müsst ihr sein! Wer älteren Jahrgangs ist, weiß um den Klassiker der Fußball-Bücher für die Generation der 1950er- und 1960er-Jahre. Dort beschreibt Sammy Drechsel, ein in Berlin geborener, später vor allem beim Bayerischen Rundfunk erfolgreicher Autor, Regisseur und Sportreporter, dass Sportlergeist und Gemeinschaftssinn unerlässlich sind für Erfolge auf dem Platz, der damals selten aus Rasen, dafür viel öfter aus Schlacke bestand.

Fußball und elf Freunde, das ist schon lange nur noch etwas für Romantiker und heutzutage in höheren Ligen etwas schwierig. Elf sind es schon gar nicht und mit elf käme kein Verein der Welt sonderlich weit.

Bayern reichten einst 13 Spieler

Lange vorbei sind die Zeiten, in denen Bayern München in der Saison 1968/69 mit nur 13 Spielern Meister geworden ist und der 1.FC Köln 1963/64, der TSV 1860 München 1965/66, der 1.FC Nürnberg 1967/68 und Borussia Mönchengladbach 1970/71 mit jeweils 15 Akteuren die Schale gewonnen haben. Zuletzt, bei ihrem neunten Titel in Serie, setzten die Bayern 29 Spieler ein, mehr als doppelt so viele wie damals Trainer Branco Zebec mit Franz Beckenbauer, Sepp Maier und Gerd Müller und den zehn anderen.

In Deutschlands Osten, in der DDR-Oberliga, war es ähnlich. Horch Zwickau 1950, Wismut Karl-Marx-Stadt 1957, Jena – 1963 als Motor und 1970 als Carl Zeiss – gelang der Titelgewinn mit jeweils 15 Spielern, der BFC Dynamo brauchte 1984 und 1985 jeweils 23 und Dynamo Dresden 1989 bei 26 Spielen gar 24 Spieler.

Weber spielt mit Wadenbein-Bruch

Gründe dafür gibt es viele. Anfangs durfte nicht ein- und ausgewechselt werden. 1965 noch spielte der Kölner Wolfgang Weber im Meistercup gegen den FC Liverpool über eine Stunde mit gebrochenem Wadenbein. Ein Jahr zuvor musste die DDR-Auswahl im olympischen Halbfinale von Tokio gegen die CSSR über eine Halbzeit in Unterzahl spielen, weil sich Kapitän Klaus Urbanczyk schwer am Knie verletzt hatte und nicht weitermachen konnte.

So etwas gibt es glücklicherweise nicht mehr. Über erst zwei und dann drei Auswechslungen sind nun zumindest in der Bundesliga pro Spiel fünf erlaubt. Erstens ist der Fußball deutlich schneller, athletischer und kraftraubender geworden. Zweitens hat dadurch die Gefahr vor allem von Blessuren an Muskeln, Bändern und Sehnen dramatisch zugenommen. Drittens gibt es mehr Spiele als zu Zeiten von Franz Beckenbauer und Joachim Streich.

Kräfte sparen auf Union-Art

Das wiederum hat zur Folge, dass mit 13 Spielern, wie es den Bayern seinerzeit gelungen ist, kein Blumentopf mehr zu gewinnen ist und im aktuellen Jahrgang alle (!) Teams schon mit dem Auftakt-Spieltag mehr Akteure auf den Rasen geschickt hatten als die Münchner in ihrem Meisterjahr 1968/69. Mit den wenigsten, mit nur 23, kommt neben Arminia Bielefeld und dem SC Freiburg auch der 1. FC Union aus.

Das ist insofern überraschend, weil die Eisernen auf drei Hochzeiten getanzt, auch in Europa kräftig mitgemischt haben, dabei Sebastian Griesbeck (nach einem Spiel zu Greuther Fürth) und Marcus Ingvartsen (nach zwei Einsätzen nach Mainz) gar nicht mehr da sind. Umso mehr sollte für die Rot-Weißen gelten, mit ihren Kräften hauszuhalten.

Rotation im kleineren Stil

Trotzdem haben neun Akteure – Rotation hin, Rotation her – in der Bundesliga noch keine Minute gespielt. Von ihnen bekam Frederik Rönnow Praxis in Europa und im Pokal, Tymoteusz Puchacs (halbwegs regelmäßig) und Laurenz Dehl (sechs Minuten) in Europa und Pawel Wszolek, auch er nur kurz, im Pokal. Da geht noch viel. Oder anders: Was das Personal angeht, ist Urs Fischer ein regelrechter Sparfuchs.

Das Phänomen dabei: Dennoch hat der Trainer den Erfolg auf seiner Seite. Trotzdem gehören auch diejenigen aus der zweiten (Bank) oder vielleicht dritten (nicht im Aufgebot) Reihe zum erfolgreichen Team, das als Tabellensiebter in die Rückrunde startet.

Kommt Zeit, kommt Klasse

Damit auch Jakob Busk (seit Jahren schon in keinem Pflichtspiel dabei), Rick van Drongelen, Fabio Schneider, Suleiman Abdullahi und Anthony Ujah. Mit Julian Ryerson und Niko Gießelmann haben sie zwei Spieler in den eigenen Reihen, die auch nicht gleich durchgestartet sind, inzwischen aber – Gießelmann als dreifacher Torschütze und viermaliger Tor-Vorbereiter in der Liga, Ryerson als zweimaliger Torschütze in der Liga und als 1:0-Mann in Europa bei Maccabi Haifa – den Turbo eingelegt haben.

Insofern besteht eine Fußball-Elf tatsächlich aus weit mehr als aus elf, zwölf oder auch 13 Spielern. Nur mit dem Elf-Freunde-müsst-ihr-sein-Spruch, der nach einem Komma die Fortsetzung „wenn ihr Siege erringen wollt“ hat und in voller Länge auf der Victoria, jenem Koloss von Pokal für den Meister der Jahre 1903 bis 1944, steht, sollte heute, da vor dem Spaß der Erfolg rangiert, niemand mehr kommen. Die einen würden die Worte nicht verstehen und die anderen müde darüber lächeln.

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