Ist das Thema Sebastian Polter noch nicht ganz aus der Welt? Matthias Koch

Von überall kam Lob für die Eisernen. Ruhig, selbstbewusst, drehte der 1. FC Union in seinem ersten Jahr in der Bundesliga seine Runden und klaubte nahezu im Vorbeigehen Punkte zusammen, die andere gern gehabt hätten. Bis jetzt, bis ihnen das Wasser doch ziemlich bis zum Hals steht. Der hausgemachte Stress, den sich die Männer aus der Alten Försterei gerade jetzt machen, kann im Saison-Endspurt tatsächlich noch ins Chaos führen. Es ist ein Ge-Polter zur völligen Unzeit.

Leicht hatte es Urs Fischer nie. Mit einem eigentlich zu großen Kader startete der Trainer ins Spieljahr. Viele waren gespannt darauf, wie der Schweizer die Situation moderieren würde, wie er unzufriedene Geister beruhigt, die Stimmung auf dem Trainingsplatz und in der Kabine steuert und eine Balance zwischen der ersten Garde, den Nachrückern und vor allem den eigentlich Chancenlosen findet.

Mehr als zwei Drittel der Saison ist ihm das prächtig gelungen. Weil die Ausbeute stimmte, stimmte auch die Atmosphäre. Bei Erfolg haben Nörgler einen schlechten Stand und sind nichts weiter als Querulanten. Kaum aber stottert es im Getriebe, knirscht und kracht es plötzlich im gesamten Gefüge. So etwas braucht niemand. Erst recht nicht in einer Situation wie der in Köpenick. Was nämlich dieser Tage mit Sebastian Polter geschehen ist, lässt mich ziemlich ratlos zurück.

Viele haben den Angreifer ins Herz geschlossen. Wenn beim Verlesen der Spielernamen bei der Rückennummer 9 und dem Se-bas-ti-an aus den Kehlen der Anhänger das Fußball-GOTT besonders enthusiastisch zurückkam, deutete die Lautstärke auf die besondere Beziehung der Fan-Kurve zu diesem durchaus polarisierenden Typen, diesem Kerl mit Kraft, Kernigkeit und, ja, auch Kanten.

Wichtig ist auf dem Platz

Es ist nicht das erste Mal, dass eine nahezu abgöttische Liebe irgendwann kurios abbiegt und in Unverständnis, schlimmstenfalls sogar in Hass umschlägt. Das kommt immer mal wieder vor. Größe zeigt sich jedoch erst im Umgang mit dieser neuen Situation. Einerseits: Wie verkrafte ich als Spieler die Lage, dass ich nicht mehr erste Wahl bin und es im Verlaufe der Saison noch nie gewesen bin? Andererseits: Moral ist und bleibt ein hehres Wort und ein hoher Anspruch. Bin ich aber als Verein gut beraten, in einem ziemlich ungeeigneten Moment die Moral-Keule herauszuholen und über allen Häuptern zu schwingen? Zumal in einer Phase, in der mich sechs Punktspiele in Folge ohne Sieg mit nur zwei Zählern in die Bredouille gebracht haben und das Saisonziel gefährdet ist? Was zudem ist, wenn der eine Moral so und der andere ein bisschen anders deutet? Ist es wirklich so schlimm, wenn die Meinungen mal nicht deckungsgleich sind? Oder steckt womöglich, was kaum jemand weiß, sogar mehr dahinter, als alle zuzugeben bereit sind?

Was auch immer an Nebengeräuschen, leisen oder wie diesmal ziemlich lauten, ist, wichtig ist nun einmal, so ein zwar verstaubter, für die Rot-Weißen aber aktuellerer Spruch denn je, auf dem Platz. Da geht es am Sonntag gegen Schalke, den zufällig einzigen Verein, dem es vom Trend her mit elf sieglosen Spielen am Stück noch mieser geht als den Eisernen.

Siege, völlig klar, kitten mögliche Risse am besten. Dringend nötig wäre für die Jungs um Kapitän Christopher Trimmel einer. Es wäre, ganz nett, der zehnte in dieser Saison. Der würde reichlich Luft vom Kessel lassen. Ansonsten könnte das Ge-Polter erst richtig Fahrt aufnehmen.