Sag mir, wo die Spiele sind? Wo sind sie geblieben? Der bereib ruht im Stadion An der Alten Försterei.

Berlin - Was tun in der Not und vor allem in einer Situation, die noch nie jemand erlebt hat? Fachleute sind gefragt, die diesmal nicht Trainer und Physiotherapeuten sind. In diesen Tagen sind das, klare Sache, eher Virologen, aber auch solch schlaue Köpfe, die von Ökonomie Ahnung haben und wahrscheinlich längst die Hände überm Kopf zusammenschlagen angesichts des wirtschaftlichen Lochs, das sich allerorten geöffnet hat.

Das ist, oft genug ist das Wort gefallen, eine Krise. Das ist auch aus Sicht des 1.FC Union schlimm. Allerdings kennen sich die Eisernen mit Krisen aus wie vielleicht kein anderer Bundesligist. Ich meine wirklich Krisen und keine Skandale, denn da sind andere im zwielichtigen Vorteil.  

Wer sich nur ein klein wenig auskennt in der eisernen Vereinsgeschichte, betet die Krisen, die mit einer eher sportlichen Delle, dem in der letzten DDR-Saison verpassten Aufstieg in die 2. Bundesliga, begonnen haben, nur so daher. Eines haben sie gemein: Immer hat Geld gefehlt.

Gerichtsvollziehern die Hacken gezeigt

Trotzdem ist es zugleich oft mit beiden Händen ausgegeben worden. Wäre es vorhanden gewesen, hätte es keiner gefälschten Bankbürgschaft (in dem Fall ist dann doch eher das Wort Skandal angebracht) bedurft.

Andererseits war es da, sonst wäre ein Trainer wie Frank Pagelsdorf wohl nicht drei Jahre geblieben. An anderen Tagen wiederum war es nicht da, sonst hätten Finanzämter, Krankenversicherungen und die Berufsgenossenschaft nicht Krawall geschlagen.

Und nur weil beim Ticketverkauf die Barbestände regelmäßig in Sicherheit gebracht wurden, die Verkäufer mit ihren fliegenden Kassen schnell mal das Weite suchten und den Gerichtsvollziehern die Hacken zeigten, drohte wenigstens nicht die Abschaltung der Elektroenergie.

All das ging ans Eingemachte. Nur: Was machen, wenn etwas Eingemachtes gar nicht da ist? Selbst wenn Bayern München in die Alte Försterei zu einem Benefizspiel kam, am Ende war selbst das nur ein Tropfen auf den heißen Stein.  

Die Stadiontore sind geschlossen. Und werden es vermutlich auch noch eine Weile bleiben.  Foto: City-Press

Nicht nur einmal hing das Damoklesschwert über der Alten Försterei und bedrohte den Verein in seiner Existenz. Dass es ihn noch immer gibt und er aufgeblüht ist wie noch nie, grenzt an ein rot-weißes Wunder.  Das ist so, als ob der Hauptmann von Köpenick, also der Schuster Wilhelm Voigt, dank des geklauten Stadtsäckels (nicht falsch verstehen, geklaut haben die Eisernen nichts) das Monopol zur Herstellung von Schuhen der Marke Budapester erworben hätte.

Ist-Zustand ist eine Katastrophe

All das ist Geschichte und alle Details sind Geschichten. Denn diese Krise mit nun schon vier Wochen Fußball-Stillstand hat eine ganz andere Dimension. Das hat längst was von einer Katastrophe. Auch oder gerade für die Eisernen, die, nach Jahrzehnten des Hoffens, Bangens und Sehnens endlich angekommen im geglaubten Paradies, die ganze Wucht und Härte der durchaus fragilen Glückseligkeit zu spüren bekommen.

Man stelle sich nur vor, man hat sein Lebensziel erreicht, spielt – was für einen Schauspieler Hollywood, einen Opernstar die Mailänder Scala oder einen Tennisspieler Wimbledon ist – in der wahrhaft ersten Liga, dann aber kommt einer, der sich Covid-19 nennt, und knipst einfach mal das Licht aus und sperrt die Stadien zu.  

Keiner weiß, für wie lange, keiner weiß, wie zerzaust oder gar zerlumpt er aussieht, sollte das Licht je wieder angehen und dem die Virologen keine Extrawurst in Sachen eines Aller-Zwei-Tage-Tests („Ein Wahnsinn!“) braten mögen, nur damit Spiele stattfinden könnten.

Nicht mal Herberger kann helfen

Es ist, weil nicht selbst verschuldet und Gehaltsverzicht hin oder her, die blanke Hilflosigkeit. Nicht einmal der mit seinen Sprüchen allwissende Sepp Herberger kann helfen. Warum die Leute wie verrückt zum Fußball gehen würden, hat der Wundermacher von Bern immer wieder gefragt und die Antwort darauf zumeist selbst gegeben: Sie wüssten nicht, wie es ausgeht. Auch diesmal, allein das ist schlimm, wissen sie nicht, wie es ausgeht. Das Allerschlimmste für viele aber ist: Sie können nicht einmal hingehen.

Eine solche Krise muss selbst einen Eisernen umhauen.