Die Fans des 1. FC Union feiern Trainer Urs Fischer mit einer Choreografie. Foto:  City-Press

Herr Fischer, welchen Stellenwert hat der Klassenerhalt mit dem 1. FC Union für Sie? Ist dieser Erfolg gar genauso wertvoll wie die beiden Meisterschaften, die Sie mit dem FC Basel gewonnen haben?

Der Klassenerhalt hat auf jeden Fall einen sehr großen Stellenwert. Wir haben etwas geschafft, das uns vor der Saison nicht viele zugetraut haben, deshalb bleibt es für mich eine Sensation, dass wir ihn zwei Spieltage vor dem Saisonende gesichert haben. Das mit einem Gewinn der Meisterschaft in Basel zu vergleichen ist schwer möglich, weil man eine völlig unterschiedliche Ausgangslage hatte. Aber beides ist aus meiner Sicht sehr hoch einzustufen.

Gab es für Sie selbst einen Moment, in dem Sie die Überzeugung gewonnen haben, dass das möglich ist?

Ehrlich gesagt überrascht mich die Frage. Man nimmt eine Meisterschaft mit einem Ziel in Angriff und wir haben uns zu Beginn dieser Spielzeit deutlich geäußert. Wir haben von Anfang an betont, dass wir mit dem Ligaerhalt ein sehr ambitioniertes Ziel haben, dafür haben wir aber nicht acht oder neun Spiele gebraucht. Wenn du die Überzeugung nicht von Beginn an hast, wirst du dein Ziel auch nicht erreichen.

Sie wirken immer sehr gefasst, ja kontrolliert. Ist das Ihr Naturell? Oder doch eher Ausdruck Ihrer Professionalität, also ein antrainiertes Verhalten?

Es ist eine Mischung. Ich glaube, dass man mit der Zeit an Erfahrung gewinnt und sich dementsprechend ein wenig anpasst. Gewisse Züge sind natürlich Charakterzüge. Ich habe aber als Trainer natürlich auch Phasen gehabt, in denen ich bestimmter wurde. Gewisse Dinge hat man, präsentiert sie dementsprechend, was ja auch gut ist, sonst wären alle gleich. Andere trainiert man sich an.

Bei aller Professionalität – war das für Sie selbst schwer zu akzeptieren, welchen Bruch Ihre Kampagne mit Union durch den Ausbruch der Corona-Pandemie erfahren hat?

Wissen Sie: Ich versuche zu beeinflussen, was ich beeinflussen kann. Und ich versuche, aus den Dingen zu lernen. Was vorbei ist, ist vorbei. Was du beeinflussen kannst, ist die nächste Aufgabe, die ansteht. Das ist mich für das Entscheidende. Rückschläge, Niederlagen gehören zum Sport. Nur zu den Gewinnern zu gehören, ist fast unmöglich. Rückschläge sind also wichtig, wobei es natürlich entscheidend ist, wie du damit umgehst.

Fußball ohne Stadionpublikum ist aber schon eine besondere Herausforderung, wenn man gewohnt ist, vor 40.000, 50.000 Zuschauern zu spielen.

Das war für alle Vereine nicht schön. Und für uns im Besonderen, weil wir noch ein bisschen mehr von unseren Fans abhängig sind als andere Klubs, ob zu Hause oder auswärts. Das muss man ja eigentlich nicht wiederholen. Aber es steht halt nicht zur Verfügung. Also musst du versuchen, das Beste daraus zu machen. Du darfst dich aber auch nicht hinter so einer Sache verstecken. Sonst hast du eine Ausrede, hast ein Alibi.

Sie sagten, man müsse aus den Dingen lernen. Gilt das im Zusammenhang mit der Corona-Krise auch für das mitunter überdrehte Geschäft des Profifußballs?

Am Schluss wird die ganze Welt daraus lernen müssen. Auf eine einzelne Branche zu schauen, wäre da falsch. Ich glaube aber schon, dass diese Phase im Bewusstsein des einen oder anderen schon etwas ausgelöst hat, dass das schon ein Weckruf war. Es kann aber auch sein, dass wir in einem Jahr wirklich nicht schlauer sind. Eine Prognose lässt sich da im Moment nicht so leicht abgeben.

Wie lange kann sich der Fußball noch Geisterspiele erlauben?

Dass uns das nicht gefällt, haben wir zu Genüge mitgeteilt. Es ist aber so, wie es ist. Ob es in drei, vier Monaten noch so aussieht, hängt ja letztlich von der Entwicklung der Pandemie ab. Und schlussendlich ist es doch: Die Gesundheit steht über allem. Und dieses höchste Gut gilt es zu schützen. Dass dies möglich ist, hat man zuletzt bewiesen. Wenn auch mit Maßnahmen, die nicht gerade Freude bereiten. Aber dass man sich nicht daran gewöhnt, ist ja auch gut. Das wäre ja wahnsinnig, wenn man sich an so etwas gewöhnen würde. Fußball vor 60.000 Zuschauern ist doch ganz etwas anderes. Mit Spielern, die ihre Emotionen ausleben. Mit Klubs, die in Gänze ihre Emotionen ausleben. Darum geht es doch im Fußball. Da müssen wir wieder hinkommen. Die Gesundheit allerdings darf man dafür nicht opfern.

Hat Sie der 1. FC Union ein bisschen verändert?

Hoffentlich. Wenn du dich als Mensch nicht entwickelst, nicht veränderst, dann ist das nicht gut.

Hat Sie dieser, von einer großen Leidenschaft getriebene Klub selbst aus der Reserve gelockt, Sie mitgerissen?

Mehr als einmal. Also die Wucht des Vereins mit seinen Zuschauern ist schon sehr speziell. Ich habe da Situationen erlebt, wie mein erstes Freundschaftsspiel mit Union, als fast 13.000 Zuschauer in der Alten Försterei waren. So etwas hatte ich nicht für möglich gehalten. Oder als wir nach London gereist sind und ein Freundschaftsspiel gegen Queens Park Rangers gemacht haben, und dann saßen 2000 Unioner in einem leeren Stadion. Das löst natürlich etwas aus. Und auch hier: Wenn du dich an so etwas gewöhnst, stimmt doch etwas nicht.