Unions Torwart Rafal Gikiewicz ist nach dem Tor zum 1:2 stinksauer auf seine Vorderleute. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Schade, Union. Da war echt mehr drin. Eine faustdicke Überraschung lag lange in der Luft. Überschattet von einem medizinischen Notfall und einer halben Stunde gespenstischer Stille im Stadion mussten die Eisernen  Bayer Leverkusen den Vortritt ins Halbfinale des DFB-Pokals lassen. Die Rheinländer setzten sich in einem durch die Begleitumstände emotionalen Viertelfinale gegen den 1.FC Union mit 3:1 (0:1) durch, drehten Spiel aber erst nach der Gelb-Roten Karte für Christopher Lenz (71.). Nach den Toren von Karim Bellarabi (72.), Charles Aránguiz (86.) und Moussa Diaby (90.+1) vor 18.453 Zuschauern dürfen die Bayer-Fans vom ersten Titel seit dem Pokalsieg 1993 träumen, für die Eisernen hingen platzte der Traum vom Finale in der eigenen Stadt.

"Die Gelbrote Karte hat uns aus dem Tritt gebracht, Leverkusen hat anschließend seine Qualität gezeigt und enormen Druck entwickelt", meinte Unions Trainer Urs Fischer, der seinem Team eine tolle Leistung attestierte. "Mein Team hat kaum etwas zugelassen, vorne waren wir selbst auch gefährlich und konnten uns die eine oder andere Möglichkeit erspielen", meinte der 54-Jährige.

Union kann nun nur noch in der Liga weiter für Aufsehen sorgen. Der Aufsteiger war aber der zweiten Halbfinal-Teilnahme nach der Endspielsaison 2001 lange Zeit sehr nahe. Marcus Ingvartsen (39.) hatte sogar nach einer wundervollen Flanke von Marius Bülter zur Führung getroffen und die Hausherren auch in der Folge weiter vor einige Rätsel gestellt. 

Union in der Anfangsphase die bessere Mannschaft

Bereits nach einer Viertelstunde war das Spiel keine normales Fußballspiel mehr. Sanitäter rannten in den unteren Zuschauer-Rang, zogen eine Person heraus, deckten sie mit Decken ab und starteten Reanimationsversuche. Die Zuschauer stellten daraufhin bis kurz vor dem Halbzeitpfiff ihre Gesänge ein, jeder einzelne Ruf im Stadion war plötzlich zu hören. Kurz nach der Pause twitterte Bayer, dass sich der Fan auf dem Weg ins Krankenhaus befinde.

Auf dem Rasen war Union vor der Pause eigentlich über die kompletten 45 Minuten die bessere Mannschaft.  Leverkusen agierte ungewohnt passiv und hatten keien ideen parat, wie sie sich dem hohen Pressing der Eisernen entziehen sollten. Nur einmal musste Keeper Rafal Gikiewicz gegen Demirbay seien ganze Klasse aufbieten (10.).

Die Köpenicker erspielten sich durch Anthony Ujah die erste Chance, die aber Bayer-Torwart Lukas Hradecky vereiteln konnte (3.). Union wirkte deutlich frischer und spritziger. Trainer Urs Fischer hatte im Vergleich zum 2:2 in der Liga gegen den VfL Wolfsburg die Rotationsmaschine angeworfen und gleich fünf neue Spieler für die Startelf nominiert, überraschenderweise auf Kapitän Christopher Trimmel und seinen besten Torschützen Sebastian Andersson verzichtet. «Wir können uns keine Verletzungen erlauben», begründete der Coach vor dem Spiel bei Sport1 den Schritt.

Aránguiz ließ die Träume der Eisernen endgültig platzen

Bayer, das auf den noch lange verletzt fehlenden Stürmer Kevin Volland und Kapitän Lars Bender verzichten musste, hatte mit der aus gutem Grund fehlenden Zuschauerunterstützung deutlich mehr zu kämpfen. Union hingegen zeigte sich unbeeindruckt. Vom Leverkusener Tempospiel der vergangenen Wochen war wenig zu sehen. Und die Bosz-Elf wurde anfälliger: Nach einem starken Flankenlauf von Bülter auf der rechten Seite köpfte Ingvartsen zur nicht unverdienten Führung der Gäste. Die Union-Fans jubelten zwar, aber sichtlich verhalten. Wenig später kam eine vorsichtige Entwarnung der Ersthelfer, sodass die Zuschauer ihre Gesänge wieder anstimmten.

Unmittelbar nach der Pause richteten sich diese gemeinschaftlich aus beiden Fanlagern gegen den Deutschen Fußball-Bund, explizite Hass-Plakate waren aber nicht zu sehen. Mit "Hopp, Hopp, Hopp, der Verband folgt im Galopp" waren sie eher humorvoll und kreativ. 

Die Gastgeber wurden erst nach einem Doppelwechsel zur Pause etwas stärker. Durch den Rückstand unter Druck spielte zunächst nur noch Bayer, der eingewechselte Diaby hatte die erste Chance zum Ausgleich (47.). Union konzentrierte sich zunehmend auf Konter und wurde wenige Sekunden nach der Ampelkarte durch den ebenfalls eingewechselten Bellarabi bestraft. Aránguiz ließ die Träume der mitgereisten Berliner dann endgültig platzen.

Mittelfeldspieler Robert Andrich war am Ende sichtlich angefressen: „Wir hatten eigentlich gut gespielt. Ärgerlich, dass wir das Spiel noch so aus der Hand geben. Aber wenn man weiterkommen will, darf man auch in Unterzahl nicht so ein Standardtor fressen.“