Marvin Friedrich ist mit 2,5 Millionen Euro Ablöse Unions teuerster Einkauf. Es ist zu befürchten, dass er das auf längere Sicht nicht bleiben wird. Foto: imago images/Bernd König

In geplagten Zeiten wie diesen lernen wir dazu, und zwar alle. Es geht einerseits um neue Formen der Arbeitsorganisation, im Falle von Sportlern um ein verändertes Training, andererseits um gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das ist wahrscheinlich das einzig Gute an diesem Virus, das uns alle beschäftigt und mit jedem Tag mehr fordert.

Womit ich schon beim Fußball bin und bei dessen abgehobener Stellung. Zuerst schleichend, später rennend und immer stärker galoppierend hat sich die eigentlich schönste Nebensache der Welt nahezu abgekoppelt vom Rest. Ich weiß, dass es hierzulande auch in anderen Sportarten etliche Millionäre gibt. Zumeist vereinzelt und auch nur, wenn neben der durchaus vorhandenen Leistung auch der Sponsor stimmt oder die Strategie der Vermarktung. Mehr vielleicht beim Tennis und erst recht in der Formel 1, obwohl die Jungs dort für meinen Geschmack allesamt zu sehr nur im Kreis herumbrettern.

Gefühlt überbezahlte Branche

Beim Fußball aber macht es dann doch die Masse, die Otto Normalverbraucher die Nase rümpfen lässt. Erst recht eben in Zeiten wie diesen. Auch deshalb haben sie auf die Profifußballer geschaut und auf ihr Sozialverhalten etwa in Sachen Gehaltsverzicht.

Zurecht wahrscheinlich, denn erstens sind die Kicker bei all ihrem Talent gefühlt immer überbezahlt und zweitens könnte man auch ihnen mit so etwas wie Kurzarbeit kommen. Das jedoch ist für mich erst in zweiter Linie das Thema. Mir geht es vor allem darum, dass dieser losgelöste Kosmos endlich, endlich, nein, nicht wieder andockt an die Bodenstation, aber wenigstens in seinem elitären Dasein ein Stückchen normaler und für viele wieder glaubwürdiger wird.

Nur um mal die Spitze zu nehmen, die da seit drei Jahren heißt: gut 800 Millionen Euro. Die nämlich kommen neben der Ablöse von 222 Millionen Euro mit allen Nebengeräuschen wie Mehrwertsteuer, Gehalt, Handgeld, Beraterhonorar und all dem Pipapo zusammen, wenn Brasilien-Star Neymar seinen Fünf-Jahres-Vertrag bei Paris St. Germain erfüllt.

Extravagant auf und neben dem Platz: Transfer-Weltrekordler Neymar. Fot: imago images/PanoramiC

Das war schon 2017, als der Deal über die Bühne ging, irrsinnig, wahnwitzig, skandalös, unanständig und in höchstem Grad unmoralisch. Was erst jetzt, da sich alle oder zumindest viele auf ehemals gängige Werte besinnen wollen?

Das hat mit dem 1.FC Union nicht viel zu tun, zugegeben, auch wenn die 74,481 Millionen Euro Jahresetat für die erste Saison der Eisernen in der Bundesliga durchaus eine knackige Hausnummer sind. Anders gerechnet ist das gerade einmal ein Zehntel Neymar. Nur wird die Sache dadurch insgesamt ja nicht besser. Manchmal waren sie gerade auch in Köpenick, was die Lizenzierung angeht und vor allem das Überleben, regelrechte Zahlen-Akrobaten. Inzwischen jedoch steht das auf einem halbwegs stabilen Fundament, auch wenn Covid-19 manches hier und manches da ins Wanken bringt.

Friedrich soll für immer Rekordtransfer bleiben

Nur nehmen sich die 2,5 Millionen Euro, die die Macher aus der Alten Försterei als historisch höchste Ablöse für einen Spieler bezahlten, für Abwehr-Haudegen Marvin Friedrich, als überaus seriöses Geschäftsgebaren aus. Da ist nichts von Harakiri und kein bisschen Zockerei dabei. Mein Traum ist es, dass diese Summe auch in zehn Jahren noch die Top-Ablöse für ein Eisern-Ass ist und in der Alten Försterei trotzdem all die Zeit Erstligafußball gespielt wird. Dann wäre der Wunsch vieler nach einer halbwegs gerechteren Welt zumindest in diesem Punkt erfüllt.

So sehr mir der Traum gefällt, ein Traumtänzer bin ich nicht. Ja, die Welt hält ein wenig inne. Oder ist es damit schon wieder vorbei? Irre ich mich oder bekommen bereits wieder diejenigen Oberwasser, die den bislang fünfwöchigen Stopp nur als Atempause nutzen, als Durchschnaufen, um die Zukunft mit noch mehr Vehemenz anzusteuern?

Der Mensch vergisst gerne

In dieser verrückten Welt lege ich auf dieser Ebene für niemanden meine Hand ins Feuer. Viele, die Wasser gepredigt haben, haben ihren Wein, und das zu allen Zeiten, trotzdem getrunken. Mag sein, dass es auch damit zu tun hat, dass der Fußball ein globaler Sport geworden ist und dass es, wie bei jeder anderen Sache auch, immer zwei Seiten gibt. Eine, die fordert, eine andere, die diese Forderung erfüllt.

Die Erfahrung sagt, dass der Mensch lernt. Auch und gerade aus Krisen. Auf den Fußball bezogen heißt das: Es ist vorbei mit dem Wahnsinn. Zumindest für den Moment. Die Erfahrung sagt aber auch, dass der Mensch vergisst. Selbst nach Krisen. Und da, denke ich, wird der Wahnsinn sich wieder Bahn brechen. Der Fußball wird Fahrt aufnehmen und den Turbo womöglich noch mehr reinhauen. Nicht in einem, vielleicht aber in zwei Jahren. Dann haben wir in geplagten Zeiten doch nichts dazugelernt. Leider.