Dieser Trampelpfad führt die Fans des 1. FC Union seit Anbeginn der Fußballzeit in die Försterei.
Dieser Trampelpfad führt die Fans des 1. FC Union seit Anbeginn der Fußballzeit in die Försterei. City-Press

Der Trampelpfad mit Schlaglöchern, Wurzeln und Betonteilen durch die Wuhlheide zu den Kassenhäuschen am Stadion Alte Försterei kann durchaus als symptomatisch für den schweren Weg des 1. FC Union in der Bundesliga und aktuell in der Europa League angesehen werden. Für Hunderttausende von Fans bedeutete und bedeutet er den Weg an die Bundesliga-Spitze, ein Weg ins sportliche Glück. In Filmen wie „Freitag in die grüne Hölle“ oder in Büchern wie „Union fürs Leben“ sowie „Der eiserne Aufstieg“ wird das dokumentiert.

Wenn dann im Stadion die Union-Hymne, gesungen von Nina Hagen, erklingt, die Fans ihre rot-weißen Schals über ihre Köpfe spannen, scheint es, als riesele ein Wohlgefühl auf die Seelen der Anhängerschar. Die Zeilen „Wir aus dem Osten gehen nach vorn. Schulter an Schulter mit Eisern Union“ erwärmen die Herzen der Zuschauer.

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Die Geschichte des 1. FC Union beginnt 1906 in blauen Trikots

Was mussten die Eisernen in ihrer Geschichte nicht schon alles durchstehen. Die Traditionslinien reichen bis in das Jahr 1906, als ein paar junge Männer den FC Union Oberschöneweide gründeten. Damals kam auch der Begriff von den Schlosserjungs auf. Die Mannschaft spielte einst in blauen Trikots. Die Spieler verdienten ihr Geld meist als Handwerker in den Metallbetrieben im Berliner Osten und griffen 1923 sogar nach den Sternen. Vor 99 Jahren standen die Unioner im Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen den Hamburger SV. Gespielt wurde im damaligen Grunewald-Stadion. Vor 62.000 Zuschauern unterlagen die Oberschöneweider mit 0:3.

Seit 1920 traten die Unioner im Stadion an der Alten Försterei an. Mit der heutigen Arena hatte das damalige Stadion allerdings nur wenig zu tun. Ältere Fans werden sich auch noch gut an die Spiele in der DDR-Oberliga erinnern, als sich die Kicker in dürftigen Holzbaracken umzogen und die Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes im Regen standen. Lediglich der Stadionsprecher fand in einem kleinen Holzhäuschen Platz, vor dem gelegentlich SED-Partei- oder Gewerkschafts-Größen wie die verstorbenen Konrad Naumann oder Herbert Warnke saßen. In der neuesten RBB-Dokumentation „Unser Verein“ wurde das Wachsen und Werden der Eisernen aus dem Berliner Osten noch einmal stimmungsvoll nachgezeichnet.

Ein Schmuckkästchen wurde die Alte Försterei erst von 2007 bis 2008, als über 2000 Fans 140.000 freiwillige Arbeitsstunden mit einem Gesamtwert von zwei Millionen Euro leisteten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg rappelt sich der 1. FC Union erst auf, dann machen einige rüber

Nach dem Zweiten Weltkrieg rappelten sich die Köpenicker wieder auf und spielten in der Berlin-Liga. Im Gestrüpp der Ost-West-Probleme mit der Teilung Berlins entschlossen sich der damalige Trainer Hanne Sobeck und die meisten Spieler für eine Zukunft in West-Berlin. Die wenigen Gebliebenen ließen sich, wie aktuell zu erkennen ist, nicht unterkriegen. Fußball-Fans in ganz Deutschland reiben sich die Augen, andere wollen sich die aktuelle Bundesliga-Tabelle einrahmen lassen. Für Dritte wiederum geschah ein Wunder. Der 1. FC Union grüßte mehrere Wochen von der Bundesliga-Spitze die Konkurrenz.

„Wer lässt Ball und Gegner laufen? Eisern Union.“ Wenn Nina Hagen diese Zeile der Union-Hymne singt und 22.000 das „Eisern Union“ in der Alten Försterei schmettern, läuft sogar den Fans der gegnerischen Mannschaften ein Schauer über den Rücken. Im heutigen Profi-Fußball staunen die Fußballfreunde über Union oft mit den Worten: „Dass es so etwas wie diesen Verein im Profifußball noch gibt.“

Der 1. FC Union wurde hin- und hergeschubst wie ein unartiger Junge

Natürlich musste sich auch der alte Ost-Berliner Verein aus der Wuhlheide den Profi-Bedingungen anpassen. Doch wer sich auf der Waldseite unter die Fans mischt, spürt durchaus noch einen Hauch aus den Zeiten, da die Schlosserjungs aus Oberschöneweide den Verein 1906 gründeten. Die Unioner wurden hin- und hergeschubst wie ein unartiger Junge, mit dem keiner etwas zu tun haben will. FC Olympia Schöneweide, SC Union Oberschöneweide und, und, und – Fußball spielen konnten die Schlosserjungs aber auch damals schon, wie der Deutsche Vizemeister 1923 beweist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wirbelte auf dem Hartplatz in der Wuhlheide nur der Wind den Staub auf. Erst ab 1948 durfte der Ball nach dem Willen der vier Mächte wieder rollen. 1950 war dann die Union-Mannschaft plötzlich weg. In West-Berlin gründeten die Unioner aus Köpenick den neuen Verein Union 06. „Der dumme Rest“ – so kolportierte ein Witz die drei Buchstaben DDR – blieb im Osten und stieg als Motor Oberschöneweide in die DDR-Oberliga auf. Die Stars hießen damals die inzwischen verstorbenen Günther „Wibbel“ Wirth, Lothar „Lullu“ Meyer und Horst „Hatscha“ Assmy. Alle drei wurden aus der Wuhlheide ins Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion zum ASK und späteren FC Vorwärts Berlin gelockt. Für Union begann eine Achterbahnfahrt Oberliga, Liga, Oberliga und wieder Liga. Erst mit der Gründung des 1. FC Union 1966 stabilisierte sich die Leistung. 1968 gewannen die Unioner sogar den FDGB-Pokal; immer noch der bisher größte Vereins-Erfolg.

Mit der Wende brach das Chaos über den 1. FC Union herein

Mit der politischen Wende brach das Chaos über die Köpenicker herein. Präsidenten wie Gerhart Kalweit, Horst Kahstein oder Heiner Bertram kamen und gingen. Ganz finstere Wolken zogen 1993 über der Alten Försterei auf. Frank Pagelsdorf hatte das Training bei Union übernommen und stand mit den Wuhlheidern vor dem Aufstieg in die Zweite Bundesliga. Eine gefälschte Bankbürgschaft ließ den Traum vom Profi-Fußball platzen. Es wurde bis heute nicht aufgeklärt, wer der Fälscher war. Pedro Brombacher jedoch, er feierte am 12. September den 85. Geburtstag, musste als damaliger Manager büßen und seinen Stuhl räumen.

Erst als 2004 Dirk Zingler („der eiserne Dirk“) die Zügel in die Hand nahm, ging es auch mithilfe des Kino-Königs Rainer Kölmel (75) und seinen Millionen aufwärts. 2009 glückte mit Trainer Uwe Neuhaus der Aufstieg in die Zweite Bundesliga und jetzt sind die Eisernen mit dem Schweizer Trainer Urs Fischer ganz oben angelangt. Zwischenzeitlich sogar Spitzenreiter in der Fußball-Bundesliga.

ZDF-Moderator Johannes B. Kerner spendierte den Helfern des 1. FC Union ein Mittagessen

Aber ohne die Fans würden sich an der Alten Försterei nur Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Als 2005 bei Union in der Kasse nur noch der Boden zu sehen war, bluteten die Fans für Union. 1,46 Millionen Euro kamen durch Blutspenden zusammen. 2007 engagierten sich die so vielen eisernen Anhänger beim Stadionumbau ohne Lohn, bis die Tribüne stand. Das beeindruckte damals auch ZDF-Moderator Johannes B. Kerner. Er spendete für die Helfer ein Mittagessen.

Inzwischen ist die Mitgliederzahl bis Anfang Dezember auf unglaubliche 48.368 angewachsen. Die Fans hauchen der Union-Hymne Leben ein, wenn es heißt: „Wir aus dem Osten geh’n immer nach vorn – Eisern Union.“ Nunmehr mischen die Unioner bereits das vierte Jahr in der Bundesliga mit. Das Staunen der Fans hört aber noch längst nicht auf. Es scheint eine gute Personalfügung, die sich da mit Präsident Dirk Zingler, dem Schweizer Trainer Urs Fischer mit seiner volkstümlichen Art und dem unermüdlichen Sportdirektor Oliver Ruhnert gefunden hat. Seit sich dieses Trio formierte, kletterten die Unioner auf der Erfolgsleiter immer weiter bis nunmehr ganz nach oben. Verglichen mit dem Spielerkaderwert des FC Bayern – 860 Millionen Euro – kommen die Köpenicker mit 91 Millionen Euro über den Wert eines Vorstadt-Vereins nicht hinaus.

Durch die blätterlosen Bäume schimmert die Alte Försterei in neuem Glanz. Der Weg dorthin ist immer noch der alte.
Durch die blätterlosen Bäume schimmert die Alte Försterei in neuem Glanz. Der Weg dorthin ist immer noch der alte. City-Press

Aber was sind schon Zahlen! Natürlich steht dem Köpenicker Erfolgstrio ein ganzes Team von engagierten Helfern wie zum Beispiel der Schwedter Athletik-Trainer Martin Krüger oder Torwarttrainer Michael Gspurning aus Österreich zur Seite. Trainer Urs Fischer passt genau zu dieser Szene, obwohl seine Meinung verblüfft, wenn er mit einem Lächeln zum Wechsel von Grischa Prömel nach Hoffenheim sagt: „Ich habe Grischa zu seinem neuen Vertrag gratuliert.“ Auch die anderen Abgänge registrierte der Schweizer mit einem so coolen Gesichtsausdruck, als säße er auf einer Alpenwiese und freute sich über die Butterblumen. „Wechsel gehören heute zum Geschäft. Mein Vater hat 30 Jahre im gleichen Betrieb gearbeitet. Das kommt heute kaum noch vor. Ich mache mir deshalb auch keinen Gedanken über Leute, die nicht da sind. Ich versuche, mit der Mannschaft erfolgreich zu arbeiten, die ich zur Verfügung habe.“

Heinz Werner, einstiger Trainer des 1. FC Union: „Ich hätte  niemals Spielern zum Wechsel gratuliert“

Heinz Werner, Alttrainer der Unioner, meint über seine Trainer-Tage: „Ich hätte als Trainer niemals Spielern wie dem verstorbenen Jimmy Hoge oder Ulli Prüfke zu einem Wechsel gratuliert. Aber das waren andere Zeiten. Heute bewundere ich Fischer schon, wie er es immer wieder schafft, bei dem Kommen und Gehen in der Kabine trotzdem eine starke Mannschaft auf den Rasen zu schicken.“ Dann lächelt der muntere 86-Jährige: „Immerhin kann ich mich nun schon das vierte Jahr über Bundesliga-Fußball in der Wuhlheide freuen. Hoffentlich bleibt das noch lange so.“

Wenn Heinz Werner und die Tausenden über den alten Trampelpfad mittlerweile nach den Bundesligaspielen oder auch den Europapokalfesten aus der Försterei nach Hause zieh’n, dann klingt ihnen die Stimme des Stadionsprechers Christian Arbeit mit dem Ruf weiter in den Ohren: „Und niemals vergessen – Eisern Union.“

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