Union-Präsident Dirk Zingler verkündet auf der Mitgliederversammlung im Tempodrom den Eisernen die Stadion-Pläne.
Union-Präsident Dirk Zingler verkündet auf der Mitgliederversammlung im Tempodrom den Eisernen die Stadion-Pläne. Imago/Matthias Koch

Erfolg – was macht der mit einem? Vor allem dann, wenn er überraschend kommt, wenn man mit ihm nicht gerechnet hat und nicht rechnen konnte. Wenn er einem nicht in den Schoß gefallen ist, sondern man dafür hart arbeiten, ja schuften musste, manchmal bis aufs Blut und auch bis zum Umfallen, was man anderswo gern malochen nennt. Was also macht so etwas mit einem, wenn man als jemand nach oben kommt, bisweilen beäugt wird wie ein Aussätziger, wie ein Schmuddelkind, dem der Rotz noch aus der Nase rinnt, der mit dem eigenen Ärmel abgewischt wird, dieser – na ja – Satansbraten, der sich gerade ein klein wenig die Kleider abgebürstet hat und dem die eine oder andere Fluse, der eine oder andere Dreckspritzer noch im Gesicht und in den Haaren klebt?

So wie sich der 1.FC Union vor historisch nicht einmal allzu langer Zeit vorgekommen sein muss, der mancherorts noch immer als jemand angesehen wird, über den man schon gern noch die Nase rümpft. Erfolg hat manch gute Seite.

Erfolg macht süchtig und auf bestimmte Art abhängig

Die beste für unseren Außenseiter ist fraglos die: Er hat es allen gezeigt! Er hat sich emporgearbeitet! Er hat es sich selbst und anderen bewiesen! Er wird, wenn alles gut für ihn läuft, anerkannt, akzeptiert und in den Kreis der Etablierten aufgenommen. Er hat es geschafft! Auch das ist der 1. FC Union.

Das sind die Eisernen der ganz jungen Vergangenheit und der Gegenwart mit ihrem Dreifach-Überwintern in allen möglichen Wettbewerben, mit ihren sieben Platz-eins-Nominierungen in der Bundesliga, mit ihrem Mut und dem etwas anderen Verständnis von Kommerz und Klamauk, Profil und Profit, Fansein und Familie.

So soll es mal in der neuen Alten Försterei aussehen.
So soll es mal in der neuen Alten Försterei aussehen. dpa/Matthias Koch

Im Schatten des Guten aber verschafft sich zumeist auch Mieses seinen Platz. Denn Erfolg macht süchtig, er macht auf eine bestimmte Art abhängig. Man möchte am liebsten nie wieder von ihm lassen.

Oft genug ist dieses Thema in Kunst und Literatur behandelt worden. Faust liefert sich bei Goethe dem Teufel aus, der Kohlenmunk-Peter überlässt bei Wilhelm Hauff dem Holländermichel sein Herz. Schließlich macht Erfolg – oder was als solcher gehalten wird – begehrenswert. Nur: Hinter dem Erfolg, am besten gepaart mit Schönheit, Ruhm, Liebe, Reichtum und dem Traum ewiger Jugend, lauert oft ein Hamsterrad. Im schlimmsten Fall geht die Seele verloren. Kann das auch dem 1.FC Union passieren?

Stadion-Neubau: Bröckelt da eine Festung?

Für manche scheint der Verein mit seinem Plan, die Alte Försterei – grob gesagt – plattzumachen, geradewegs in dieses Dilemma zu schlittern. Nicht einfach so, nicht in Zeitlupe etwa, sondern im Eiltempo und sehenden Auges. Zumindest scheinen die Eisernen vor einem Spagat zwischen Ponyhof und Profit zu stehen.

Den mit dem Abriss verbundenen zeitweisen Umzug ins Olympiastadion und einen Stadion-Neubau im Eiltempo halten manche für einen Tanz auf dem Seil. Scheint da nicht eine Festung zu bröckeln? Geht nicht ein Stück moderne Nostalgie flöten und zugleich eine Portion innere Verbundenheit?

Was waren sie stolz wie Bolle, als damals, eineinhalb Jahrzehnte erst ist es her, rund 2000 Anhänger fast 140.000 freiwillige Arbeitsstunden leisteten und das Ballhaus des Ostens entstehen ließen. Ein Denkmal haben sie bekommen, weil ihr Tun für die Ewigkeit gedacht schien. Allerdings ist das Ergebnis inzwischen nicht mehr ganz zeitgemäß, auch wenn die Anlage längst Kultstatus erlangt hat und bei Gegnern ob ihrer Enge, Dichte und Atmosphäre gefürchtet ist.

Hatte Union eine Alternative zum Neubau?

Manches, das lehrt die Geschichte, dauert dann doch nur ein paar Jahre. Zu schnell rast die Entwicklung über die Helden hinweg. Es ist ja nicht so, dass die Revolution, der damalige Stadionbau war regelrecht eine, ihre Kinder frisst. Gedanken darf man sich trotzdem machen, ob das alles so gesund ist, dieses „citius, altius, fortius“ – „schneller, höher, stärker“.

Auch von außen wird die neue Alte Försterei immer mehr zu einer Fußball-Kathedrale.
Auch von außen wird die neue Alte Försterei immer mehr zu einer Fußball-Kathedrale. dpa/Matthias Koch

Manchmal scheint es, als ob einen das Hamsterrad überrundet. Andererseits: Gibt es eine Alternative, zumal die Macher, Dirk Zingler als Frischbeton-Fan und Jörg Hinze als Stahl-Souverän, Ahnung haben vom Bauen und das schon einmal bewiesen haben? Und: Sollten die Eisernen die Gunst der Stunde oder des Augenblicks nicht doch lieber nutzen, um das, was ihnen in großartiger Weise sportlich schon gelungen ist, vielleicht auch wirtschaftlich zu wuppen, nämlich den Branchengrößen weiter auf die Pelle zu rücken?

Eines jedenfalls ist klar: Es bleibt wie immer spannend in Köpenick.

Lesen Sie hier mehr über den 1. FC Union >>