Andreas Luthe hütete bislang sicher das Tor des 1. FC Union. Foto: imago images

Mit manchen Themen ist es ziemlich verrückt. Eine gewisse Zeit gibt es sie geradezu exzessiv, derart ausschweifend, mehrmals von A nach Z und wieder zurückgedreht, dass es den Anschein hat, nun müsste sich die Katze doch endlich, endlich in den Schwanz beißen. Als Griechenland vor Jahren am Stock ging, auf finanzielle Hilfen der übrigen Staaten der Europäischen Union angewiesen war, es bei der Zahlung von acht Milliarden Euro jedoch zu Verwerfungen innerhalb der Gemeinschaft kam, liefen das Wieso, das Warum, das Überhaupt nahezu in Endlosschleife. Der Duktus: Es drohe, mindestens, der Untergang des Abendlandes. Acht Milliarden, von der gesamten EU, vergleichsweise ein Trinkgeld schon damals. Kennt jemand die Summe, die Covid-19 kostet? Und: Schon lange nichts mehr von den Inseln in der Ägäis gehört. Gibt es sie noch?

Oder nehmen wir den Brexit. Was nur haben die Briten uns angetan und zugemutet, als sie beim 28-Staaten-Bündnis ein „Minus 1“ dazusetzten und sich strikt weigerten nachzuzählen. Der alte Kontinent zerbreche, hieß es rauf und runter. Jeder noch so vermeintliche Europa-Versteher vermutete so etwas wie den Rückfall in die Zeit der Jäger und Sammler. Es verging kaum eine öffentliche Debattierrunde, ohne dass am Ende jede Menge erhobene Zeigefinger und Stirnrunzeln mit dem Ausmaß von Alpentälern auszumachen waren. Seitdem hat’s niemanden mehr gejuckt. Das Interessanteste, was ich in letzter Zeit von der Insel gehört habe, ist, dass Tom Trybull, im Nachwuchs einst einer vom 1. FC Union, von Norwich City zu den Blackburn Rovers ausgeliehen ist und am Sonnabend im Heimspiel an der Seite von Lewis Holtby gegen seinen eigentlichen Verein am Ball ist.

Luthe hat nicht die beste Figur gemacht

Womöglich habe ich ein wenig zu lange Anlauf genommen und ein paar Kringel zu viel gedreht, um auf mein eigentliches Thema zu kommen, das für mich gar keins wäre, trotzdem erneut zu einem gemacht worden ist. Es geht mal wieder um die Torhüter und in dem Fall um Andreas Luthe. Schon beim 3:3 gegen Eintracht Frankfurt habe er bei einem Gegentor nicht die allerbeste Figur gemacht, werfen ihm Kritiker vor. Beim 1:3 im Stadt-Derby habe er sogar an zwei Gegentoren eine Aktie, sagen einige, die es ganz genau wissen wollen.

Es sind nicht immer wir Journalisten, die gerade bei Schlussmännern die Latte derart hoch hängen, obwohl auch aus meiner Gilde etliche mit dem „Das-habe-ich-doch-schon-immer-gewusst“-Argument kommen. Selbst die sogenannten Experten, von denen es bei einem bestimmten TV-Sender inflationär viele gibt, lassen mich manchmal sprachlos zurück. Als sich in der vorigen Woche in der Champions League Mats Hummels verletzte und vom Platz humpelte, hauten diese vermeintlichen Experten auf Lucien Favre ein, weil der keinen neuen Spieler brachte und sie dem BVB-Trainer diese Frage auch noch vor den Latz knallten. Dabei hatten allein sie – keine falsche Häme: Lothar Matthäus war es nicht – ihre Hausaufgaben mies oder gar nicht erledigt. Favre hatte zwar erst vier Spieler ausgewechselt, die für fünf mögliche Wechsel vorgesehenen drei Zeitpunkte jedoch ausgeschöpft.

Das Torhüter-Thema war lange still

Derlei Experten lassen Zweifel daran aufkommen, dass Andreas Luthe nach seinen, ach, vielleicht Fehlerchen noch der Richtige im Kasten des 1. FC Union sei. Derjenige, der, wie alle anderen, einen enormen Anteil daran hat, dass es eine Rekordserie von acht Spielen in Serie ohne Niederlage gegeben hat und der bisher weniger Gegentore kassiert hat als Manuel Neuer. Gerade der Vergleich mit dem Nationaltorhüter, zumal er mit Bayern München am Sonnabend in die Alte Försterei kommt, kann mir, ich weiß, ganz fix um die Ohren fliegen. Andererseits kann es für Luthe keinen besseren Vergleich geben als den gegen Deutschlands Weltmeister-Keeper von 2014. Zugleich wage ich zu behaupten, dass angesichts der ohnehin personell angespannten Situation ein Wechsel auch noch bei der Nummer 1 etwas von Harakiri, mindestens etwas von Waghalsigkeit, hätte. Nur: Als Abenteurer ist Trainer Urs Fischer mir noch nicht aufgefallen.

Was ich damit aber auch sagen will: Um das Torhüter-Thema, mit der Verpflichtung von Loris Karius fast täglich von einer etwas anderen Seite her betrachtet, war es lange still. Plötzlich köchelt es wieder ein wenig hoch. Gerade jetzt, da sich die Brocken als Gegner der Eisernen – nach den Bayern geht’s nach Stuttgart, dann kommt Dortmund in die Alte Försterei und erst nach dem Pokalspiel gegen Paderborn ist Weihnachten – die Klinke in die Hand geben. Die richtige Zeit dafür ist nie, aber die jetzige ist geradezu eine Unzeit.

Hätte ich vor der Bescherung einen Wunsch frei, dann diesen: Gegen die Bayern hält Andreas Luthe wie ein kleiner Gott und ein am Ende verdientes 1:1 fest – und Urs Fischer hätte ein ihm von mancher Seite zugeflüstertes Problem weniger.