Ball im Blick: Unions Schlussmann Andreas Luthe. Foto: Matthias Koch

Kurz, ganz kurz, hat es so ausgesehen, als ob sich was tun könnte. Was haben Präsidenten, Manager, Sportdirektoren, selbst Berater und auch Spieler, man könnte fast sagen: Eide geschworen, um der Vernunft eine Stimme zu geben und dem gesunden Menschenverstand Gehör zu verschaffen. Die Nostalgiker haben geglaubt, der Fußball könnte sich am Anfang von Covid-19 in ihre Glaubensrichtung bewegen. Weg vom Business und hin zur Romantik.

Vergessen wir es. Für Sentimentalitäten ist in diesem Sport, sofern es sich auch noch um das Premiumprodukt Bundesliga handelt, nicht sonderlich viel Platz. Dabei wäre beim Auftakt zur zweiten Saison der Eisernen in Deutschlands Elitespielklasse dafür massig viel übrig. Denn das, was beim Match des 1. FC Union gegen den FC Augsburg am Sonnabend zu erwarten ist, ist nahezu einmalig. Da nämlich steht der Torhüter, der in Köpenick kurz davor war, Kultstatus zu erreichen, im Kasten des Gegners. Jener Schlussmann wiederum, der die Männer aus der Fuggerstadt am Saisonende aus dem allergrößten Schlammassel herausgehalten hat, hat nun in Köpenick angeheuert.

Man ist schnell dabei, ein Klischee zu bedienen. Solche Geschichten schreibt nur der Fußball und so. In diesem Fall mag das sogar stimmen, auch wenn eine solche Konstellation, zumal am Saisonbeginn, ausgesprochen selten ist. Damals, als die höchste Spielklasse des Landes nämlich noch Oberliga hieß, war so etwas nur per Delegierung möglich und emotional längst nicht derart hoch angebunden.

Wechselte damals jemand die Seiten, das passierte selbst unter den Erzfeinden Union und BFC Dynamo gar nicht so selten, fiel der Applaus hier ziemlich bescheiden aus und die Pfiffe da waren kaum zu hören, sofern es überhaupt welche gab. Für die meisten hatte das sogar etwas Gesetzmäßiges. Deshalb war selbst den hartgesottensten Fans klar: Gingen Mecky Lauck, Detlef Helms und Waldemar Ksienzyk aus Köpenick nach Hohenschönhausen, war das nicht etwa Fahnenflucht, sondern das hatte etwas von Turbo für die Karriere.

Bei Helms zerstoben alle Pläne

Bei Lauck und Ksienzyk klappte das hervorragend, bei Helms zerstoben alle Pläne. Andersherum kurbelten Rainer Rohde, Ralf Sträßer und Olaf Seier ihre Laufbahn noch einmal an, als sie ihre Heimspiele nicht mehr im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark austrugen, sondern in der Alten Försterei. Das brachte womöglich einige Gemüter in Wallung, aber nur kurzzeitig. Im Falle von Reinhard Lauck hieß das sogar: Eigentlich ist das ja einer von uns …

Inzwischen, das ist schon lange so, zählt nicht mehr der Verein, es zählt meistenteils das eigene Ego. Das passiert selbst viele Ebenen über Union und auch über Augsburg. Was Lionel Messi in Barcelona für ein Sommertheater aufgeführt hat, ist deutlich unterhalb des Komödienstadels. Was sich in München mit David Alaba abspielt, ist kaum besser. Geld regiert die Welt, selbst wenn man zig Millionen davon schon hat. Wer mir monatlich etliche Scheinchen draufpackt, dessen Vereinslogo wird im Bedarfsfall schon mal geküsst.

Als Grund wird häufig, so wie bei Rafal Gikiewicz – wer’s glaubt, wird selig –, eine neue Herausforderung angegeben. Für Andreas Luthe, den Ex-Augsburger und Jetzt-Eisernen, trifft das nicht einmal zu. Für ihn, bei den bayerischen Schwaben ohnehin nicht die Nummer 1, war klar, dass der Platz zwischen den Pfosten nicht halbiert und schon gar nicht gedrittelt werden kann. Deshalb bin ich mit Gikiewicz trotz aller Toleranz noch lange nicht im Reinen. Ich will auch keinem etwas Böses, doch wenn einer von beiden nur den kleinsten Fehler macht, heißt es: Der Tor steht im Tor. Insofern wäre es mir sympathisch, stünde nach dem ersten Spiel hinter Luthe die Null und hinter Gikiewicz nicht.